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Der mächtige Herr Gülen

Wie ein Prediger mit seiner Bewegung zum Gegenspieler der türkischen Regierung wurde von Günter Seufert

Statt wie bisher als „Global Leader“ will sich Recep Tayyip Erdogan seinen Wählern künftig als „Führer der neuen Türkei im Kampf um ihre Unabhängigkeit“ präsentieren. Testen will er die Wirksamkeit des neuen Ehrentitels bei den Kommunalwahlen am 30. März 2014. Der neue Lobestitel ist keineswegs ein Zeichen von Bescheidenheit angesichts außenpolitischer Misserfolge. Vielmehr wollen Erdogan und seine Gerechtigkeits- und Entwicklungspartei (AKP) die Wähler davon überzeugen, dass die staatsanwaltschaftlichen Ermittlungen gegen einige der Korruption verdächtige Minister einen Anschlag auf die Unabhängigkeit des Landes darstellen.

Glaubt man dem türkischen Ministerpräsidenten, sieht die Türkei sich heute einer besonders perfiden Verschwörung gegenüber. Denn dieses Mal hat das feindliche Ausland eine fünfte Kolonne von Leuten engagiert, die in Habitus und Geisteshaltung – islamische Frömmigkeit, stolzes Türkentum und patriarchalische Sozialmoral – den Wählern und Parteifreunden Erdogans gleichen wie ein Ei dem anderen. Es sind die Anhänger des türkischen Predigers Fethullah Gülen, der seit 1999 in den USA lebt. Laut Erdogan haben sich diese heimlich und unbemerkt in Polizei und Justiz eingenistet und weitere Bereiche der Bürokratie infiltriert. Durch Korruptionsvorwürfe, die allesamt aus der Luft gegriffen seien, würden diese Gülen-Kader die Regierung unterminieren. Und zwar im Interesse jener Staaten – an ihrer Spitze Israel und die USA –, die der Türkei den Zugewinn an Macht und Wohlstand neiden und das Land deshalb attackieren und schwächen wollen.

Wer ist dieser Fethullah Gülen? Wie kommt es, dass ein Prediger so großen Einfluss hat? Und was steckt hinter dem Streit der beiden frommen Männer Gülen und Erdogan?

Das Besondere an Fethullah Gülen ist, dass er grundlegende Strebungen und Orientierungen der Türken bündeln kann wie kein anderer. Der 1938 im ostanatolischen Erzurum – einer Hochburg konservativer Frömmigkeit – geborene Prediger baut Brücken zwischen Lehrmeinungen, Identitäten, Handlungsmaximen und Ideologien, die sich in ihrer Reinform gegenseitig auszuschließen scheinen.

Gülen kann Islam und türkischen Nationalismus verschmelzen, weil er vermittelt, dass sich die religiöse Lehre und eine typisch türkische Moralität gegenseitig perfektionieren. Der türkische Islam sei nicht radikal, nicht gewaltorientiert und damit „menschlicher“ als die saudisch-wahhabitische oder die iranisch-schiitische Tradition.1

Als Beleg für den Genius der türkischen Muslime sieht Gülen das Osmanische Reich, das er in ähnlich prächtigen Farben malt wie Recep Tayyip Erdogan. Der Prediger sieht auch keinen Widerspruch zwischen der Religion und den modernen Naturwissenschaften, für ihn ist das Studium der Natur sogar ein Weg zur Erkenntnis Gottes. Damit steht Gülen auf den Schultern des spätosmanischen kurdischen Theologen Said-i Nursi (1876 bis 1960). Der hatte erkannt, dass die Naturwissenschaften der Religion ihre Funktion als Mittel der Welterklärung rauben. Um zu verhindern, dass den Menschen damit der Glauben verloren geht, versuchte er die Ergebnisse der Naturwissenschaft in das religiöse Weltbild zu integrieren. Nursi beschrieb die Natur als göttliches „Buch des Universums“, das – wie der Koran – Auskunft über ihren Schöpfer gebe. Für ihn war die „Gültigkeit“ des Glaubens dadurch gerettet, dass die Ergebnisse der Naturwissenschaften als dessen Bestätigung gelesen werden können.

Von Nursi übernahm Gülen auch den Ansatz, den Koran dem einzelnen Gläubigen direkt zugänglich zu machen. Wie Nursi schreibt er Kompendien zur Auslegung und zum Verständnis des Korans, die seine Anhänger regelmäßig in der Gruppe studieren. Doch anders als Nursi, aus dessen Nurculuk-Bewegung Gülens Anhängerschaft hervorgegangen ist, gab Gülen seiner Gemeinde eine feste Struktur mit einer klaren Rollenverteilung und hierarchischen Strukturen, an deren Spitze er selbst als charismatischer Führer steht.

Damit verbindet Gülens Lehre das traditionelle Strukturmuster islamischer Orden, das auf hierarchischen Beziehungen und charismatischer Führung beruht, mit vertiefter religiöser Bildung des Einzelnen, die aus dem Studium der heiligen Schriften resultiert und auch der Nutzung moderner Kommunikationsmittel zu verdanken ist.

Was die politische und gesellschaftspolitische Orientierung seiner Anhänger betrifft, schuf Gülen ebenfalls eine neue Synthese. Einerseits teilt er die von konservativen religiösen Gemeinschaften der Türkei bekannte Haltung, die staatliche Autorität nicht infrage zu stellen, und lehnt oppositionellen politischen Aktivismus ab, weil er Zwietracht unter den Gläubigen stifte. Seit den 1970er Jahren wendet er sich gegen die direkte Politisierung des Islam und gegen die Indienstnahme der Religion durch eine Partei.

Gleichzeitig jedoch hält er seine Anhänger zu unablässigem gesellschaftlichem Engagement an, das aber gerade nicht auf die direkte Förderung der Religion orientiert sein sollte, also etwa auf die Organisation von Korankursen, das Betreiben von (Untergrund-)Medressen, die Reaktivierung traditioneller Orden oder den Bau und die Unterhaltung von Moscheen und Predigerschulen. Gülen weist seine Anhänger stattdessen an, sich für die Ausweitung und Intensivierung der säkularen – insbesondere naturwissenschaftlichen – Bildung der Muslime einzusetzen und zu diesem Zweck Repititorien (zur Vorbereitung auf die zentrale Aufnahmeprüfung zur Universität), Schulen (meist Gymnasien) und Universitäten zu gründen.

Für Gülen ist also nicht nur das Studium der Naturwissenschaften, sondern auch der Einsatz für die Ausweitung säkularer Bildung unter den Muslimen ein entscheidendes Kriterium für eine vor Gott gerechtfertigte Lebensführung. Damit baut er einerseits auf dem beschriebenen Ansatz Nursis auf. Andererseits resultiert diese Haltung aus Gülens Verschmelzung von Islam und Türkentum sowie aus seiner Wertschätzung des Staats als dem Staat der türkisch-muslimischen Nation. Demnach gilt es, Verantwortung für die so bestimmte Nation und für ihren Staat zu übernehmen und eines der größten Übel – die Unwissenheit – zu bekämpfen. Denn nur eine gebildete Nation könne in der Auseinandersetzung mit den nichtmuslimischen und nichttürkischen Staaten und insbesondere mit dem Westen bestehen.

In diesem Rahmen erscheint die Fethullah-Gülen-Gemeinde als national-religiöse Modernisierungsbewegung. Sie ist das muslimische Gegenstück zum Kemalismus, dem säkularistisch-nationalistischen Modernisierungsprogramm des Staatsgründers Mustafa Kemal, des späteren Atatürk. Gülens Bewegung lehnt zwar die vom Kemalismus erzwungene Säkularisierung und kulturelle Verwestlichung respektive Europäisierung ab. Doch zugleich übernimmt sie das moderne Konzept der türkischen Nation, die es zu stärken und zu entwickeln gelte, und ebenso den Fortschrittsglauben, die aus Europa importierten politischen Institutionen und (bis in die 1990er Jahre hinein) auch das Bild vom Westen als Konkurrenten der Türkei und sogar als potenzielle Bedrohung.

Politisch eröffnet dieses weltanschauliche Sammelsurium vielfältige Anschlussmöglichkeiten für islamisch-konservative, türkisch-nationalistische, kemalistisch-modernistische, aber auch für proeuropäische liberale Kreise und Diskurse. Tatsächlich war Gülen in den 45 Jahre seines öffentlichen Wirkens bereit, sich je nach politischer Großwetterlage mit jedem der genannten politischen Lager auf eine konjunkturelle Zusammenarbeit einzulassen. Gerade die Ausrichtung auf Europa hat in den letzten Jahren an Bedeutung gewonnen.2

Die Verschmelzung von Frömmigkeit und Bildungshunger wie auch die Vereinbarkeit von religiösem Bewusstsein und zivilgesellschaftlichen Engagement, wie sie Gülen lehrt, bietet seinen Anhängern ganz neue Möglichkeiten. Nach diesem Konzept können sie – über den Erwerb säkularer Bildung – sozial aufsteigen und doch frommer Muslim bleiben. Besonders für die Landflüchtigen der zweiten und dritten Generation, die in den schnell wachsenden Zentren der Türkei mittlerweile die Mehrheit stellen, erweist sich Gülens Lehre als höchst funktional. Dies erklärt zu einem großen Teil das außerordentlich Wachstum der Bewegung, die heute als die größte zivilgesellschaftliche Strömung im türkischen Islam gilt.

Öffentlich tritt die Gülen-Bewegung heute in fünferlei Gestalt auf. Als Bildungsbewegung betreibt sie nach eigenen Angaben in über 140 Ländern mehr als 1 500 Schulen sowie 15 Universitäten, an denen insgesamt mindestens 15 000 Lehrer beschäftigt sind.3 Schulen und Universitäten hat das Netzwerk seit dem Ende des Kalten Kriegs auch in den vormals sowjetischen Staaten Zentralasiens und in den Nachfolgestaaten Jugoslawiens gegründet. Seitdem sind Schulen auch in den USA, in den Ländern Zentraleuropas und in Afrika dazugekommen.

In der Türkei unterhält die Bewegung rund 330 Schulen; zudem betreibt sie etwa jedes sechste der circa 6 000 Repetitorien, die Absolventen des Gymnasiums auf die zentrale Aufnahmeprüfung zur Universität vorbereiten.4 Jüngeren Datums ist die Gründung von Zentren für den interreligiösen und interkulturellen Dialog, besonders in den USA und in Europa. In der Türkei gilt Gülen als Pionier des interreligiösen Dialogs. Die von ihm initiierte Stiftung für Schriftsteller und Journalisten hat wesentlich zur Verständigung zwischen den religiösen und ethnischen Gruppen in der Türkei beigetragen. Finanziert werden all diese Aktivitäten von einfachen Mitgliedern, aber auch von Gülen nahestehenden Unternehmern, meist anatolischer Herkunft, die sich in der Türkei zum Dachverband Tuskon zusammengeschlossen haben. Zu den größten dieser Unternehmen zählt die Bank Asya und die Versicherungsgruppe Isik. Mit weitgehend einheitlicher Stimme sprechen die Medien der Bewegung, an ihrer Spitze die Tageszeitung Zaman, ihre englischsprachige Schwester Today’s Zaman und der Fernsehsender Samanyolu. Alle diese Institutionen sind formal voneinander unabhängig, machen jedoch keinen Hehl daraus, dass sie Gülen als Spiritus Rector und moralische Autorität anerkennen.

Viel schwerer identifizierbar ist der fünfte Strang der Bewegung: Seilschaften in der Bürokratie, insbesondere in der Justiz und bei der Polizei, aber auch in anderen Bereichen der Verwaltung bis hin zum Militär. Sprecher der Bewegung stellen die Existenz solcher Seilschaften nicht in Abrede, weisen aber den Vorwurf zurück, diese Kader würden konzertiert für politische Aktionen eingespannt. Doch die Ereignisse der letzten Jahre sprechen klar für die Existenz eines effektiv agierenden Netzwerks von Gülen-Anhängern in der Bürokratie.

Für Erdogan sind diese Kader vaterlandslose Gesellen, die sich nicht scheuen, die Regierung der Türkei zu schwächen und die Interessen fremder Staaten zu bedienen. Der von Erdogan kontrollierte Nationale Geheimdienst (MIT) bezeichnet die Seilschaften als Terrornetzwerk, das er unter dem Akronym PDY bekämpft. Das Kürzel steht für „Parallelstaat“ oder „Schattenstaat“, soll aber ersichtlich auch an die PKK erinnern. Die Regierung rechnet die Staatsanwälte, die all die aktuellen Korruptionsverfahren eingeleitet haben, aber auch die Polizisten, die in ihrem Auftrag tätig wurden, allesamt einem von der Regierung nicht kontrollierten „Staat im Staate“ zu. Dasselbe gilt für die Techniker der Sicherheitsbehörden, die seit Jahren nahezu unbegrenzt und systematisch Geschäftsleute, Politiker und Beamte abhören.

Wie erklärt sich aber, dass Erdogans AKP, die seit elf Jahren als Einparteienregierung an der Macht ist, von diesem Staat im Staate noch bis vor Kurzem nichts gewusst haben will? Und dies, obwohl liberale Beobachter lange vor der ersten AKP-Regierung vor Seilschaften Fethullah Gülens, besonders in der Polizei, gewarnt haben!5 Die Antwort lautet, dass die Partei noch bis vor Kurzem auf das Netzwerk angewiesen war, das sie heute als Bedrohung an die Wand malt.

Das Bündnis zwischen der AKP und der Fethullah-Gülen-Bewegung gegen das Militär hat ihre Wurzeln im politischen Islam. Die erste AKP-Regierung stand deshalb im streng säkularistischen System des Landes unter der Vormundschaft der kemalistischen Elite. Dieser Machtblock bestand aus dem Militär, der hohen Richterschaft, der etablierten Großindustrie, der Bildungselite sowie der Republikanischen Volkspartei (CHP) als wichtigster Oppositionspartei.

Dieser Machtblock engte den politischen Spielraum der AKP-Regierung stark ein. Der Generalstab meldete sich in autoritärem Ton zu fast jedem politischen Thema zu Wort; das Verfassungsgericht annullierte eine Vielzahl von Gesetzesänderungen; der Staatspräsident (bis 2007 der Exrichter Ahmet Sezer) blockierte unablässig die Beförderung von Personen, die der AKP nahestanden, auf Spitzenpositionen in der Bürokratie. Als eine AKP-Mehrheit im Parlament im Mai 2007 Abdullah Gül zum Staatsoberhaupt wählen wollte, veränderte das Verfassungsgericht die Verfahrensregeln so, dass die Opposition die Wahl blockieren konnte. Vorausgegangen war ein Memorandum des Generalstabs, das ultimativ vor der Wahl eines „Islamisten“ warnte.6 2008 begann vor dem Verfassungsgericht ein Verbotsverfahren gegen die AKP, die ein Jahr zuvor von 47 Prozent der Wähler in der Regierung bestätigt worden war.

Damit war offensichtlich, dass die AKP – selbst nach zweimaliger Bestätigung durch die Wähler – nicht in der Lage war, die Vormundschaft der kemalistischen Elite mit den üblichen Mitteln zu brechen. Daher entschied sich die Regierung, Polizei und Justiz für ihre Zwecke zu mobilisieren. Sie griff dabei auf eine jüngere Generation von Richtern, Staatsanwälten und Polizeioffizieren zurück, die aus dem konservativen Spektrum stammten. Die wurden alsbald verdächtigt, mit der Gülen-Bewegung in Verbindung zu stehen.

Die Ermittlungen führten zu einer Reihe spektakulärer Strafprozesse, die als Ergenekon-Verfahren bekannt wurden. Ins Uferlose ausufernde Anklageschriften behaupteten oder konstruierten die Existenz einer terroristischen Vereinigung, der gewöhnliche Kriminelle, dem Militär nahestehende (extrem nationalistische) NGOs, Journalisten sowie ehemalige und aktive Offiziere bis in die höchsten Ränge angehören sollten. Diese Konstruktion erlaubte es, eine Vielzahl von Einzelaktionen und Straftaten verschiedener Gruppen und Personen mit ähnlicher (laizistisch-nationalistischer) Weltanschauung einem in sich geschlossenen Terrornetzwerk zuzurechnen. Das führte zu einer Serie von Prozessen vor Sondergerichten, die ihre Urteile nach der restriktiven Antiterrorgesetzgebung fällten.

All diese Prozesse wurden im Namen von Rechtsstaatlichkeit und Demokratie geführt und auch von liberalen Kreisen als historischer Fortschritt begrüßt. Schwere Verfahrensmängel und Indizien für die nachträgliche Fabrikation von belastendem Material wurden hingenommen. Schließlich galt es, die seit Beginn der Republik bestehende Herrschaft des vom Militär geführten Machtblocks zu brechen, der für drei veritable Staatsstreiche, für eine autoritäre politische Kultur und Verfassung sowie für die lange Tradition ununterbrochener Menschenrechtsverletzungen verantwortlich gemacht werden konnte. Dabei wurde übersehen, dass die Kampagne das Werk eines Polizeiapparats und einer Justiz war, die keine ausgeprägte rechtsstaatliche Tradition kannten und deren Handeln stets politisch gefärbt und von Partikularinteressen bestimmt gewesen war.

Die Mitglieder der Gülen-Bewegung in Polizei und Justiz müssen in dieser Auseinandersetzung eine zentrale Rolle gespielt haben. Zwar opponieren auch andere Gruppen mit starker religiöser Identität gegen den laizistischen Machtblock, aber keine andere religiös-konservative Bewegung verfügt über so viele formal gebildete Mitglieder in der Bürokratie sowie über eine ausdifferenzierte und funktionierende innere Hierarchie, die entschlossenes und planvolles Handeln erst möglich macht.

Die AKP war in diesem Kampf auf die Unterstützung der Kader der Gülen-Bewegung angewiesen. Trotz ihres großen Rückhalts bei den Wählern hatte sie es nicht vermocht, genügend Anhänger in die Bürokratie zu schleusen. Das hatten die Kräfte verhindert, die der Partei im kemalistischen System noch immer einen „Paria-Status“ zuwiesen.

Heute bricht dieses Bündnis der verdeckten Seilschaften von Gülen-Bewegung und AKP auseinander. Die Härte der Auseinandersetzung rührt daher, dass Bewegung und Partei aus unterschiedlichen politischen Traditionen kommen und bereits von 1970 bis 2000 als Konkurrenten agiert hatten.

Damals hatte sich Gülen dem Staat als muslimische Alternative zum politischen Islam angedient und beispielsweise den Staatsstreich des Militärs von 1980 gerechtfertigt. Zu dessen Gegner wurde Gülen erst Ende der 1990er Jahre, als das Militär die explizit islamistische Wohlfahrtspartei (Refah), den Vorläufer der AKP, zerschlug. Damals glaubten die Generäle, auf Gülen verzichten zu können, und nahmen dessen Bewegung selbst ins Visier.

Die aktuelle Auseinandersetzung hat zwei Dimensionen. Sie ist vor allem eine Konkurrenz um von der Regierung zu verteilende Ressourcen, also um Posten in Bürokratie und Parlament, um Staatsaufträge, Bauland und wirtschaftliche Subventionen. Zugleich treten politische Differenzen zwischen der AKP und der Gülen-Bewegung immer klarer zutage, vom Umgang mit der Kurdenfrage bis zur Außenpolitik.

Gut und Böse sind bei dieser Konfrontation schwer zu bestimmen. Auf der einen Seite steht eine demokratisch gewählte und damit politische legitime Regierung, die dabei ist, alle rechtsstaatlichen Grundsätze über Bord zu werfen; auf der anderen Seite die klandestin organisierten Kader einer Bewegung, die mit der Aufdeckung von Korruptionsfällen und prowestlicher Rhetorik punkten will.

Fußnoten: 1 Dogu Ergil in: Gürkhan Celik (Hg.) „Mapping the Gülen Movement – A Multidimensional Approach“, Amsterdam 2010, S. 24 f. 2 Siehe Günter Seufert, „Überdehnt sich die Bewegung von Fethullah Gülen? Eine türkische Religionsgemeinde als nationaler und internationaler Akteur“, SWP-Studie 2013/S23, Dezember 2013. 3 Zahlen nach Mustafa Yesil in der Tageszeitung Taraf, 7. Mai 2012. 4 Dorian Jones auf Eurasianet.org, 7. Januar 2013, und Koray Caliskan in Radikal Online, 11. Oktober 2013. 5 Ahmet Insel im Interview mit Nese Düzel in der Tageszeitung Milliyet, 26. Juni 1999. 6 In dem Text erklärte sich das Militär zum „absoluten Verteidiger des Säkularismus“, siehe: news.bbc.co.uk/2/hi/europe/6602775.stm. Günter Seufert ist Türkeiexperte und -forscher bei der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP) in Berlin. © Le Monde diplomatique, Berlin

Le Monde diplomatique vom 14.02.2014,