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Gasrausch in Papua-Neuguinea

Ein Großprojekt von Exxon teilt das Land in Gewinner und Verlierer von Céline Rouzet

Der Minibus rast über den kochend heißen Asphalt und die Schlaglöcher von Port Moresby. Durch die kaputten Autofenster fällt der Blick auf Beton und Wellblech, das unter der Sonne verwittert. Mauern, gespickt mit Stacheldraht, sind zerfressen von Moos. Kein Weißer weit und breit. Port Moresby, die Hauptstadt von Papua-Neuguinea, gilt als eine der gefährlichsten Städte der Welt. Ausländern wird geraten, weder Taxi noch Bus zu fahren oder schon gar nicht zu Fuß zu gehen. Rings um Port Moresby liegen Slums, die sogar noch gewachsen sind, seit der US-Konzern ExxonMobil 2009 das gigantische Gasförderprojekt PNG LNG (Papua New Guinea Liquefied Natural Gas) gestartet hat.

Benjamin studiert Politikwissenschaft und war früher Bankräuber. Er nimmt uns mit nach Badilli, wo er seit elf Jahren lebt. Die Polizisten, die in dem Riesendorf aus Wellblechhütten für Recht und Ordnung sorgen sollen, ernten hier nicht als Verachtung. Um uns herum bildet sich eine Menschentraube, Männer mit blutroter Betelnusspaste im Mund beäugen uns neugierig und misstrauisch. „Hier bringen sich die Leute gegenseitig um“, flüstert Benjamin jetzt ängstlich. „Hier gibt es alles: Leute, die vor Stammeskriegen geflohen sind, oder aus ihrem Dorf, wo sie für Zauberer gehalten werden. Oder Leute, die ein besseres Leben in der Stadt suchen, Beamte und Arbeiter, Kriminelle und Prostituierte.“ Und seit Beginn des PNG-LNG-Projekts? „Davon merkt man nichts. Der einzige Unterschied ist, dass jetzt noch mehr Leute hier leben.“

Der Einzug des zweitgrößten Energiekonzerns der Welt, der vor vier Jahren sein mittlerweile 19 Milliarden Dollar schweres (und zu 20 Prozent mit Staatsgeldern kofinanziertes) Mammutprojekt aus der Taufe hob, hat das Gesicht der Hauptstadt verändert. PNG LNG ist bisher das größte Entwicklungsprojekt im Südpazifik und soll China und Japan dreißig Jahre lang mit Gas versorgen.

Es wurde auch schon Gegenstand diplomatischer Verstimmungen zwischen Peking und Washington. Im März 2011 warf die damalige US-Außenministerin Hillary Clinton den Chinesen vor, sie versuchten ExxonMobil aus dem Projekt hinauszudrängen. „Wir befinden uns in Konkurrenz mit China“, hatte sie vor dem außenpolitischen Ausschuss des Senats erklärt. Papua-Neuguinea ist mit seinem Reichtum an Rohstoffen1 für die USA zu einem wichtigen strategischen Außenposten geworden, den sie gegen den wachsenden Einfluss Chinas abschirmen wollen. Zwischen 2005 und 2010 hat China seine Direktinvestitionen in Papua-Neuguinea vervierfacht.

Seit ExxonMobil hier Fuß gefasst hat, wurden in Port Moresby viele internationale Luxushotels und schicke Wohnanlagen für die ausländischen Führungskräfte gebaut. Die Preise sind explodiert. Ein durchschnittliches Apartment in der kleinen staubigen Hauptstadt kostet etwa 1 000 Euro pro Woche. Büros und Wohnungen sind sogar teurer als in Manhattan.

Schaufelbagger wühlen sich in die tropische Vegetation

„Exxon und die Zulieferfirmen bringen nur die Ausländer in Moresby unter. Die einheimischen Angestellten wohnen mit ihren Familien fast alle in den Slums“, erzählt Benjamin. Um uns herum stürzen sich dünne Kinder unter großem Geschrei auf leere Bierflaschen. Ein offensichtlich betrunkener Mann zeigt uns seinen violett gefärbten Finger: „Schauen Sie, ich habe gewählt! Aber unsere Politiker sind total korrupt, die sehen uns gar nicht“, sagt er mit schwerer Zunge. „In ein oder zwei Jahren sind wir hier wahrscheinlich alle weg, dann stehen hier nur noch die Bürotürme von ExxonMobil.“

Es ist gar nicht so einfach, einen der Ausländer zu treffen, die für den Ölkonzern und seine Subunternehmer arbeiten. 8 000 sollen hier leben, aber „die sind unsichtbar!“, posaunt Nicolas Garnier, als er uns in seinem kleinen Büro in der Universität von Papua-Neuguinea empfängt. Die Leute in der Stadt nennen ihn „der Weiße, der Betel kaut“.

Der französische Anthropologe lebt hier seit beinahe zehn Jahren. „Während der Kolonialzeit2 waren manche Orte de facto nur den Weißen vorbehalten“, erklärt Garnier. Den Ureinwohnern war es bis 1958 per Gesetz verboten, nachts auf der Straße zu sein. „Heute sind die Mieten so hoch, dass in manchen Vierteln nur noch Ausländer und ein paar einheimische Superreiche leben. Faktisch herrscht hier Apartheid, keine ideologische, aber eine ökonomische.“

Die neuen Wohngebiete leuchten milchweiß in der Sonne. Sie liegen auf dem Paga Hill, der das Zentrum von Port Moresby überragt, oder, noch besser, zwischen dem Royal Papua Yacht Club und dem Exxon-Büro. In diesen kleinen klimatisierten Festungen mit Meerblick, Schwimmbad und Sicherheitspersonal verschanzen sich die Führungskräfte des PNG-LNG-Projekts. Die Sicherheitsauflagen der Firma nehmen zuweilen absurde Ausmaße an. So dürfen Angestellte, die im Hotel Crown Plaza wohnen, den dreißig Meter langen Weg zum Büro nicht zu Fuß zurücklegen. Darüber hinaus hat Exxon intern zahlreiche „verbotene Zonen“ ausgewiesen, in die die Mitarbeiter noch nicht einmal mit Chauffeur reinfahren dürfen.

In der erdgasreichen Provinz Hela werden aus Sicherheitsgründen noch ganz andere Maßnahmen ergriffen. „Die mobilen Kommandos sind wie Wildschweine über unser Land hergefallen und haben uns vertrieben!“, schimpft Robert Dale, der in dem Dorf Hides nach dem Gewohnheitsrecht Land besaß. Die Schaufelbagger wühlen sich in die tropische Vegetation und hinterlassen lange braune Spuren, die weiterwandern.

Vor uns überragt der graue Gigant der Erdgasaufbereitungsanlage Hides 4 die kleinen Schilfhütten und zitternden Bananenstauden. Vor seinen stacheldrahtbewehrten Zäunen wartet Robert Dale nun schon seit Monaten in der Hoffnung auf einen Arbeitsplatz. Ende März 2012 blockierten hier Tausende den Betrieb von PNG LNG und verlangten Infrastrukturmaßnahmen, Arbeitsplätze auf der Baustelle und Entschädigungszahlungen für den Verlust ihres Landes.

„Wir haben protestiert, aber die Polizisten haben auf uns geschossen. Wir wollen, dass das Unternehmen dafür neues Land kauft, auf dem wir leben können, und dass die Regierung wie versprochen für alles andere sorgt!“, sagt der barfüßige Dale. Rundherum nickt eine Schar mit betelroten Zähnen. Die Wut ist groß: In dieser Provinz läuft die Pipeline durch die Ländereien von 20 000 Kleinbauern. Das seit Generationen vererbte Land ist für den größten Teil der Bevölkerung nach wie vor die wichtigste Einkommensquelle; die Einwohner besitzen fast 97 Prozent der Landesfläche.4

Um ihr Unternehmen zu schützen, unterstützt Exxon Spezialeinheiten der Polizei mit Logistik. Die sogenannten Mobile Squads sind gut ausgestattet und bei der Bevölkerung gefürchtet. Zahlreiche Menschenrechtsverletzungen werden ihnen zur Last gelegt.5 So soll ein einheimischer Angestellter des französischen Unternehmens Spiecapag, einer Tochter der Vinci-Gruppe, von Männern der Squads am 3. April 2012 umgebracht worden sein, als Dorfbewohner das Camp der Pipeline-Baustelle von Tamadigi stürmten. Bislang gibt es zu dem Fall keine unabhängigen Ermittlungen.

Ein französischer Spiecapag-Mitarbeiter, der anonym bleiben möchte, macht für die Gewaltexzesse das brutale Management verantwortlich: „Das Unternehmen reizt die Leute bis aufs Blut. Bei jedem Problem werden sofort die Mobile Squads gerufen. Es gibt keinen Dialog, jeder bleibt auf seiner Seite des Zauns. Das Schlimmste aber ist, wie die Papua verachtet werden. Das Moro-Camp, das ein Stück weiter oben liegt, sollte in zwei Hälften geteilt werden. Ich wurde beauftragt, die Weißen von den ,Affen‘ zu trennen; so nennen wir die Einheimischen unter uns.“

Die Pipeline bohrt sich immer tiefer in den Dschungel von Hela und wird bald das Land der Huli erreichen, denen nachgesagt wird, dass sie sehr kämpferisch sind. Bis Tari, der kleinen Hauptstadt der Provinz, braucht man von Hides aus eine halbe Stunde – in einem Pick-up, den man vor Ort mieten muss; nach zähen Verhandlungen müssen wir über 200 Euro am Tag dafür zahlen, ohne Benzin. Das Exxon-Projekt hat die Preise hier noch mehr als anderswo in die Höhe getrieben und hinterlässt Gewinner und Verlierer.

Tari gleicht mit seinem braunen, von roter Spucke marmorierten Schlamm, seinen vom Wind aufgewehten Staubfahnen und seiner Goldgräberstimmung einer Stadt im Wilden Westen. Vor der Tür des Lebensmittelladens aus rotem Blech rollt ein alter, verloren wirkender Mann in Gummistiefeln seine Augen in alle Richtungen. Um seine mageren Schenkel hängen die geschwärzten Überreste eines traditionellen Blätterrocks. Die stolzen, im Westen für ihren Kopfschmuck aus bunten Blüten und Paradiesvogelfedern bekannten Männer von Neuguinea gibt es nicht mehr. Sie sind betrunken und spielen Karten.

In Tari gibt es keine Bank und keinen Supermarkt. Es gibt ein Krankenhaus ohne Strom und fließendes Wasser für die 350 000 Einwohner der Provinz Hela. Mehr als 60 Prozent der Bevölkerung sind Analphabeten. Schlägereien sind an der Tagesordnung. In der Luft hängt Schnapsgeruch: Wegen der Prohibition kann man mit Alkohol auf dem Schwarzmarkt ein Vermögen verdienen.

Am Rande der staubigen Schotterstraße gesellt sich ein Mann zu uns: „Die Armen werden noch ärmer, und die Reichen noch fetter. Die Leute, die in den betroffenen Dörfern wohnen, bekommen Förderabgaben und alles mögliche, aber wo sollen die anderen das Geld herbekommen?“ In Hela weicht die Hoffnung langsam der Enttäuschung. Der Neid bringt die Leute gegeneinander auf, das Geld macht sie verrückt. Im Nachbardorf haben sie schnell Häuser an der neuen Straße gebaut, um Entschädigungen zu ergattern. Vor ein paar Monaten verlangten Dorfbewohner eine völlig überhöhte Summe vom Betriebsleiter, nachdem ein LNG-Fahrzeug einen Hund überfahren hatte.

„Die Leute verlieren jedes Maß, sie hören von einem Projekt, das Milliarden kostet, und daran wollen sie teilhaben!“, erklärt Andrew Alphonse lächelnd. Er stammt aus der Gegend und arbeitet als Lokalreporter für die landesweite Presse. „Vor vier oder fünf Jahren war Tari eine winzige Geisterstadt. Schauen Sie sich diesen Verkehr heute an, die Laster, die Ausländer, die hier arbeiten, die Flugzeuge, die Straße. Für uns ist das eine tolle Gelegenheit, viel Geld zu machen!“

Manche Papua haben bei PNG LNG einfache Jobs gefunden: Sie arbeiten als Wächter oder Chauffeure, regeln den Verkehr oder fällen Holz auf den Baustellen. Die reichlich fließenden Gelder werden innerhalb der einzelnen Stämme verteilt – doch man wird sie auch schnell wieder los.

Alphonses Miene verdüstert sich: „Hier gibt es keine Banken – aber wir brauchen welche! Die Leute fahren bis nach Mendi und Hagen im Osten, nur um ihr Geld auf die Bank zu bringen. Unterwegs werden sie ausgeraubt, und die Frauen vergewaltigt. Die Regierung hilft uns nicht. Auf die Gerichte oder die Polizei kann man sich auch nicht verlassen. Wir brauchen hier Straßen, Internet und richtigen Handel.“ Immer mehr Menschen versammeln sich um uns, und Alphonse spricht sie jetzt direkt an: „Unsere Jugend will eine Ausbildung. Die Leute hier wollen technische Berufe erlernen, um an der Produktion wirklich mitzuarbeiten und nicht bloß Staub auf der Straße zu schlucken oder Sicherheitspersonal zu spielen!“

Die Dorfbewohner betrachten die Arbeitsplätze als eine Art Entschädigung für die Nutzung ihres Landes. In einem Vertrag mit dem Staat Papua-Neuguinea hat sich ExxonMobil dazu verpflichtet, Einheimische auszubilden, vorzugsweise diejenigen, die direkt von der Gasförderung betroffen sind.6 Angeblich hat das Unternehmen schon mehr als eine Million Unterrichtsstunden dafür aufgewendet.

Doch selbstverständlich können nicht alle Einwohner der Provinz ausgebildet oder eingestellt werden. Die Lage ist um so besorgniserregender, als von den heute etwa 17 000 Angestellten (einschließlich der 8 000 Ausländer) nach Abschluss der Bauphase im Jahre 2014 bereits 1 000 entlassen werden sollen. Alphonse, offenbar angeregt von den finsteren Blicken um uns herum, wird lauter: „Als Journalist und Einheimischer sage ich Ihnen: ExxonMobil sollte daran denken, dass das Gas unser Land noch nicht verlassen hat. Wenn sie für die Menschen vor Ort nichts tun, dann bleibt es auch hier!“

In der Tat gibt es reichlich Konflikte um PNG LNG: Straßenblockaden, erzwungene Baustopps, einen Überfall auf ein Bauarbeitercamp und Angriffe mit der Machete auf zwei ausländische Angestellte in Komo (Provinz Hela). Doch wenn das Gas nicht rechtzeitig geliefert werden kann, muss der Staat Papua-Neuguinea zahlen. Im Haushaltsplan 2011 war bereits eine Rückstellung von 5,3 Milliarden Kina (2 Milliarden Euro) vorgesehen, die bis 2014 weiterlaufen soll.7

Die Verteilung der ersten Förderabgaben Ende 2010 sorgte bereits für reichlich Ärger. Die Regierung hatte den Kleinbauern 120 Millionen Kina versprochen – doch das Geld war plötzlich verschwunden. Die Reaktion ließ nicht lange auf sich warten: Im Januar 2011 blockierten 1 000 verzweifelte Landbesitzer die Bauarbeiten in Hides. Der Bundesgerichtshof ließ alle Zahlungen vorübergehend einfrieren, um „Betrug und Unterschlagung vorzubeugen“. Im folgenden Monat demonstrierten mit Stöcken bewaffnete Bauern in der Hauptstadt und nahmen drei Angestellte des Öl- und Energieministeriums als Geiseln.

Janet Koriama ist Vorsitzende einer Frauenorganisation in der Provinz Hela. Sie wollte uns unbedingt im Holiday Inn treffen, einem internationalen Hotel mitten im Regierungsbezirk von Port Moresby. Im blühenden Park dringt der Lärm der geschäftigen Stadt nur wie ein böser Traum von ferne zu uns. Die elegante ältere Dame nestelt nervös an ihrer rosa Hemdbluse. „In diesem Hotel haben es ein paar wenige clevere, gebildete und englischsprachige Stammesführer geschafft, sich die Unterstützungszahlungen von PNG LNG zu sichern, indem sie Regierungsmitglieder geschmiert haben“, erzählt Koriama.

In Kokopo, einer Postkarteninsel etwa 1 000 Kilometer von den Gasfördergebieten entfernt, wurde im Mai 2009 eine Versammlung einberufen, um die Aufteilung der Gaseinkünfte unter den verschiedenen Parteien zu organisieren und die staatlichen Infrastrukturmaßnahmen in den Förderzonen festzulegen. Nach dem allgemeinen Abkommen zur Gewinnverteilung zwischen Bundesstaat, Provinz- und Lokalregierungen und Kleinbauern sollten Letztere über einen Zeitraum von dreißig Jahren insgesamt 20 Milliarden Kina erhalten. Aber einem Bericht von Oxfam International8 zufolge sind die Landbesitzer bis heute noch nicht einmal alle namentlich bekannt.

„Das Abkommen wurde geschlossen, aber wir waren gar nicht richtig vertreten“, erzählt Jante Koriama. „Die Regierung hat nach dem Zufallsprinzip eine Handvoll Dörfler ausgewählt und ihnen ein Flugticket und ein Hotelzimmer bezahlt. Nach ihrer Ankunft bekamen sie erst mal Geld und jede Menge Freibier ausgeschenkt.“

Kleinbauern auf Kriegspfad

Michael McWalter, Leiter von Transparency International in Papua-Neuguinea und Berater beim Öl- und Energieministerium, bedauert es sehr, dass seine Organisation die Verhandlungen damals nicht beobachten konnte: „Wir waren ursprünglich eingeladen, aber dann hatte die Regierung Angst vor möglichen Konsequenzen.“ Der Konzern ExxonMobil war lediglich als Beobachter vor Ort und nahm nicht an den Verhandlungen teil. Seitdem sind die Kleinbauern, die damals nicht dabei sein konnten, auf dem Kriegspfad und zu allem bereit, um ihr Stück vom Kuchen zu ergattern.

Die Bergbaugeschichte dieses Landes ist ohnehin nie friedlich verlaufen. Janet Koriama selbst gehörte zum Beispiel zu der bewaffneten Gruppe, die 1992 die Goldmine am Mount Kare in der Provinz Enga (nördlich von Hela) angegriffen hatte. Sie erzählt das mit einem Lächeln auf den Lippen, aber in ihren rotbraunen Augen glimmt plötzlich ein seltsames, stolzes und wildes Feuer: „Wir haben die weißen Eigentümer dazu gezwungen, Benzin auf die Abbauanlagen zu gießen und sie anzuzünden. Dann haben wir sie nackt an die Zäune gebunden, mit einem Brief an die Firma CRA [heute Rio Tinto], sie sollten von hier abhauen!“

Erfolgsgeschichten auf Hochglanzpapier

Sie fügt ernst hinzu: „Wir Leute aus Hela sind genauso gefährlich wie die vom Mount Kare. Und das Gas liegt immer noch unter unseren Füßen! Vielleicht wissen die Leute von Exxon nicht, was los ist, vielleicht glauben sie, alles wäre in Ordnung! Wir sind nicht gegen sie, aber sie müssen uns einfach beim Aufbau einer neuen Infrastruktur unterstützen.“ Für die meisten war die Ankunft des Superstars unter den US-Unternehmen eine unverhoffte Gelegenheit, die Unzulänglichkeiten des Staats auszugleichen. Man erwartete von dem Ölkonzern, die lange versprochene „Entwicklung“ zu bringen.

Nach einer ersten Ablehnung und langen Verhandlungen empfängt uns schließlich die Pressesprecherin von ExxonMobil in ihrem abgeschirmten Büro in Port Moresby. Rebecca Arnolds erklärt, wenn die Firma versuche, den Gemeinden vor Ort zu helfen und ihnen Maßnahmen zur Verbesserung ihres Lebens vorzuschlagen, dann sei es die Aufgabe der Regierung, die fehlende Infrastruktur aufzubauen und die Ausgleichszahlungen „fair, gerecht und transparent“ zu verteilen.

Das einschmeichelnde Lächeln der jungen Frau in Kostüm und hochhackigen Schuhen, die sie draußen unmöglich tragen könnte, verschwindet plötzlich: „Ich weiß, dass sie mit einer Menge Leute gesprochen haben, aber viele sind auch ganz begeistert von unserem Projekt“, verteidigt sie sich. „Sie sehen bereits positive Auswirkungen auf ihr Leben, weil sie einen neuen Job haben oder weil sie eine Ausbildung erhalten, die von uns finanziert wird.“

ExxonMobil ist ein Unternehmen mit den besten Absichten. Man braucht nur einen Blick in die Broschüren zum PNG-LNG-Projekt zu werfen, um sich davon zu überzeugen. Alles in leuchtenden Farben auf Hochglanzpapier. Kindergesichter mit strahlenden Augen, lachende Münder mit weißen Zähnen, traditionelle Gewänder werden da gezeigt, um den positiven Einfluss des Ölkonzerns auf die Papua vorzuführen.

Und natürlich findet sich in der Broschüre auch eine beispielhafte Erfolgsgeschichte: „Als Janet Mbuda im Dezember 2011 den Personal Viability Training Course begann, wusste sie noch nicht, wie sehr sich ihr Leben verändern würde. Sie zählt zu den mehr als 250 Menschen in Hides und am Sitz des Unternehmens, die an einer Ausbildung teilgenommen haben, um die größte Ressource überhaupt zu erschließen: sich selbst.“ Die erwähnte Ausbildung umfasste folgende Lektionen: „Andere respektieren, positiv denken lernen, den Familienhaushalt managen, Geld verdienen.“

Marilyn Tabagua hat auch an einem dieser Kurse teilgenommen. „Die Verantwortlichen von ExxonMobil haben mich in die USA geschickt, um eine Ausbildung in Kommunikationswesen und Management zu machen, wofür ich ihnen sehr dankbar bin, aber ich arbeite nicht für sie.“ In ihrer weiten, bunten Tunika ist sie eine imposante Erscheinung – und eine Ausnahme in Tari: Gut ausgebildet, geschieden und in zweiter Ehe mit einem jüngeren Mann verheiratet, ist sie mit einem eigenen Geschäft wohlhabend geworden.

Dank ihres florierenden Ladens kann sie Leute einstellen, die sonst keiner nimmt: ehemalige Drogenabhängige und Prostituierte. „Für das Geschäft ist das LNG-Projekt wirklich gut. Die Leute dort haben Geld. Jeden Morgen kommen die Mitarbeiter von PNG LNG, und die Menschen aus den Baugebieten und kaufen Fritten, Krapfen und Kaffee!“, ruft Frau Tabagua, während sie die Einnahmen zählt. „Aber wenn sie sich die jungen Mädchen anschauen, die sind ja so arm, dass sie sich prostituieren müssen. Das Leben ändert sich so schnell, sie brauchen ein Handy oder Nagellack, um mit den anderen mithalten zu können. Sie verkaufen ihren Körper und stecken sich leicht mit HIV an.“

Von 2014 an wird auf manche Familien in den betroffenen Dörfern dreißig Jahre lang ein warmer Geldregen niedergehen: Es sind nicht nur ein paar Millionen, sondern Milliarden von Dollar, die mit Beginn des Gasverkaufs fließen werden. Wenn der Tag in Port Moresby zur Neige geht, werfen jetzt schon die fluoreszierenden Dollarzeichen der Spielautomaten im Dunkel der Casinos ihr fahles grünes Licht auf die verstörten Gestalten von plötzlich reich gewordenen Dorfbewohnern. Jetzt werden Land, Frauen und Mahlzeiten durch Banknoten ersetzt, Geld ist die höchste Instanz. Ein paar Schritte entfernt, im Slum von Badilli, schüttelt ein alter Mann traurig den Kopf: „Schauen Sie: Wir waren schon in diesem Slum, bevor die Firma gekommen ist. Und wenn sie weg ist, werden wir immer noch da sein.“

Fußnoten: 1 Siehe Jean-Pierre Clerc, „Papua-Neuguinea sucht eine gemeinsame Zukunft“, in: Le Monde diplomatique, Dezember 1995. 2 Es gab zwar in der Zeit als australisches Mandatsgebiet zwar keine erklärtermaßen koloniale Politik, aber in der Praxis war sie bis zur Unabhängigkeit 1975 durchaus üblich. 3 Die Provinz Hela entstand am 17. Mai 2012 durch Ausgliederung der Distrikte Komo Magarima, Koroba-Lake Kopiago und Tari-Pori aus der Provinz Southern Highlands. 4 Lynne Armitage, „Customary Land Tenure in Papua New Guinea: Status and Prospects“, Brisbane (Queensland University of Technology) 2001. 5 Lasslet 2010, Amnesty International 2009, Human Rights Watch 2005 und 2006, 2011: unhcr.org. 6 Esso Highlands PNG LNG Project, „National Content Plan“ (Juni 2009), siehe: pnglng.com. 7 Haushaltsplan 2011, S. 138, siehe: treasury.gov.pg. 8 „The Community Good: Examining the Influence of the PNG LNG Project in the Hela Region of Papua New Guinea“, Mai 2012; ein PDF des Berichts steht auf der Website des Council of International Development: cid.org.nz. Aus dem Französischen von Sabine Jainski Céline Rouzet ist Journalistin.

Das Gasförderprojekt

Mit dem PNG-LNG-Projekt sollen ab 2014 jährlich 6,6 Millionen Tonnen verflüssigtes Erdgas nach China, Japan und Ostasien geliefert werden. Gas und Öl werden im zentralen Hochland (siehe Karte) gefördert. Die Pipelines laufen insgesamt durch die Ländereien von etwa 60 000 Kleinbauern.

ExxonMobil hat die Projektleitung und ist Mehrheitsgesellschafter. Der Konzern verzeichnete im Jahr 2011 einen Umsatz von 453 Milliarden Dollar und einen Gewinn von 41,1 Milliarden und ist damit das zweitgrößte Unternehmen der Welt.

An dem Projekt sind außerdem die beiden australischen Ölproduzenten Oil Search und Santos sowie die japanische JX Nippon Oil Gaz Exploration beteiligt, dazu vor Ort der Staatsbetrieb Mineral Resources Development Corporation (MRDC) und Petromin PNG Holdings Limited, eine unabhängige Gesellschaft, die die Aktien des Staates Papua-Neuguinea hält.

Land und Leute

Fläche: 462 840 Quadratkilometer.

Bevölkerung: 6,9 Millionen Einwohner, davon 78 Prozent Papua, 20 Prozent Melanesier sowie polynesische, mikronesische, pygmäische und andere Minderheiten. Die Bevölkerungsdichte beträgt 14,6 Einwohner pro Quadratkilometer.

Entwicklung: Im Human Development Index für 2010 lag Papua-Neuguinea auf Platz 137 von 182.

Was wann geschah

1526 Als erste Europäer landen die Portugiesen auf der Insel und nennen die Einwohner „Papua“.

1545 Die Spanier folgen und nennen die Insel „Nueva Guinea“.

1623 Die holländische Ostindien-Kompanie breitet sich in der Region aus und lässt eine Karte anfertigen.

1828 Holländische Siedler nehmen den Westen der Insel in Besitz.

1885 Deutsche und Briten teilen das östliche Territorium unter sich auf („Kaiser-Wihelms-Land“ und „Papua“).

1906 Die Briten überlassen ihren Teil Australien.

1919 Deutsch-Neuguinea wird australisches Mandatsgebiet („Neuguinea“). Der Westen bleibt niederländische Kolonie.

1949 Das gesamte östliche Territorium wird von den Vereinten Natio- nen unter ein gemeinsames australisches Mandat gestellt („Papua-Neuguinea“).

1961 Das inzwischen von den Niederlanden unabhängige Indonesien marschiert in Westpapua ein („Irian Jaya“).

1972 Papua-Neuguinea stimmt in einem Referendum für seine Unabhängigkeit.

16. September 1975 Papua-Neuguinea (PNG) erhält die volle Souveränität und bleibt Mitglied des Commonwealth, ein parlamentarisches System wird eingerichtet. Erster Premierminister wird Sir Michael Somare.

2002–2011 Somare amtiert erneut als Premierminister. Sein Rivale, Peter O’Neill aus der Southern Highlands Provinz, ein starker Verfechter des Exxon-Erdgasprojekts, übernimmt nach längerem Machtkampf das Amt.

Juni 2012 Nach den Wahlen regiert eine schwache Koalition unter Premierminister O’Neill.

Le Monde diplomatique vom 11.01.2013,