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Wie der Zucker nach Luzon kam

Auf den Philippinen kaufen ausländische Investoren die Äcker auf und machen daraus Plantagen. Die Regierung fördert das mit allen Mitteln von Philippe Revelli

Soweit sich die Bauern erinnern, hat es weder in San Mariano noch sonst irgendwo in der bergigen Provinz Isabela auf Luzon, der größten Insel der Philippinen, je ein Zuckerrohrfeld gegeben. Anfangs mussten noch erfahrene Zuckerbauern von den Inseln Negros und Mindanao zu Hilfe gerufen werden. Inzwischen aber ist die Landschaft mehr und mehr von den hellgrünen Stängeln geprägt, und am Ortsausgang thront über dem Fluss eine Ethanolfabrik der Green Future Innovations, Inc. (GFII).

Es handelt sich um ein Joint Venture der japanischen Firma Itochu mit philippinischen und taiwanischen Fondsgesellschaften.1 Mit einer Investitionssumme von 120 Millionen Dollar und einer geplanten Jahresproduktion von 54 Millionen Liter Ethanol und 19 Megawatt Strom, die aus den Überresten des Zuckerrohrs (der Bagasse) gewonnen werden, ist das GFII-Programm eines der wichtigsten Projekte zur Gewinnung erneuerbarer Energien auf den Philippinen.

Das Unternehmen wurde 2007 gegründet, kurz nach der Verabschiedung des Biofuel Act im Dezember 2006, der die Beimischung von zunächst fünf und seit 2011 zehn Prozent Ethanol im Benzin vorschreibt. Den neuen Markt wollen aber auch andere nutzen: Die San Carlos Bioenergy, Inc. ist mit 36 Millionen Litern jährlich der nach wie vor größte philippinische Ethanolhersteller, und die Pacific Bio-Fields Holding, ein Zusammenschluss japanischer und philippinischer Unternehmen, hat 400 000 Hektar Land in der Provinz Ilocos Norte auf Luzon erworben.

Um das Biokraftstoffgesetz tatsächlich umzusetzen, wären 440 Millionen Liter Ethanol pro Jahr nötig, dafür reichen die Produktionskapazitäten aber noch nicht aus. Die Regierung hat daher ein Programm zur Entwicklung von Agrotreibstoffen aufgelegt, das unter der Leitung der Investitions- und Entwicklungsagentur (Philippine Agricultural Development & Commercial Corporation, PADCC) steht. Sie hat die Aufgabe, „den Investoren zu helfen, die gesetzlichen und logistischen Hindernisse zu überwinden, auf die sie bei der Umsetzung großer agrarwirtschaftlicher Projekte stoßen könnten“.2 Darüber hinaus soll sie landwirtschaftliche Flächen ausweisen, die sich für derartige Vorhaben eignen.

In ihrer Datenbank sind bereits zwei Millionen Hektar Land als „verfügbar“ eingestuft, das heißt, sie sind entweder „brachliegend“ („idle land“), „verlassen“ oder „in Randlage“, wobei sich Letzteres auch auf Parzellen in der Umgebung von Naturschutzgebieten beziehen kann. Die Definitionen sind bewusst unklar gehalten, damit möglichst viele Flächen als „verfügbar“ gelten können.

In San Mariano will Green Future für die Ethanolfabrik in einem Umkreis von 30 Kilometern auf 11 000 Hektar Zuckerrohr anbauen. Kein Problem, zumindest für den zuständigen Verwaltungsbeamten Alexandre Uy, der erklärt: „Ein großer Teil der Böden von San Mariano liegt brach.“3 Aber das kann nur jemand behaupten, der nicht richtig hinschaut.

Heremias Jovito, ein Bauer aus dem Dorf El Pilar, erzählt: „Bis letztes Jahr habe ich auf fünf Hektar Mais angebaut. Die Traktoren vom Ethanolprojekt sind kurz nach der Ernte gekommen – da war natürlich nichts mehr auf dem Feld!“ Seitdem wächst auf seiner Parzelle Zuckerrohr statt Mais. Das ist kein Einzelfall: Die meisten Dörfer in der Gegend sind betroffen, ebenso wie die Stammesgebiete der indigenen Gemeinschaften und Wälder im Naturschutzgebiet Sierra Madre.

„In San Mariano hat GFII die Bodenpreise in die Höhe getrieben. Das weckt natürlich auch bei den örtlichen Eliten Begehrlichkeiten“, erklärt Cita Managuelod, die das Center for Genuine Agrarian Reform leitet und die Bauernorganisation Dagami (Danggaya Dagiti Mannalon ti Isabela, die Abkürzung bedeutet „Unser Land“) berät. „Sie haben keine Hemmungen, Beamte zu bestechen oder Dokumente zu fälschen, um sich Land anzueignen, das die Kleinbauern seit vielen Generationen beackern, allerdings meist ohne jeden schriftlichen Besitznachweis.“

Unabhängig von den fragwürdigen Methoden widerspricht die Übereignung solcher Ländereien an landwirtschaftliche Großprojekte der philippinischen Verfassung von 1987. In Artikel 18, Absatz 22 heißt es zwar, der Staat könne „brachliegende oder verlassene“ landwirtschaftliche Flächen enteignen, aber diese müssen dann „an die Nutznießer der Landreform“ umverteilt werden. „Die Regierung gibt das Land lieber den ausländischen Investoren“, schimpft Cita Managuelod. „Dabei ist die Provinz Isabela der wichtigste Mais- und der zweitgrößte Reisproduzent des Landes – die Gesamtproduktion deckt nicht einmal die Inlandsnachfrage.“ Die Philippinen sind mittlerweile die größte Reisimportnation der Welt.

In San Mariano regt sich allerdings Widerstand gegen das Ethanolprojekt. Im Februar 2011 standen mehrere hundert Demonstranten vor dem GFII-Büro. Im August desselben Jahres wurde in El Pilar ein GFII-Traktor angezündet. Die unter dem Dach von Dagami versammelten Bauern und Indigene konnten sogar einige Parzellen zurückgewinnen, die Green Future unrechtmäßig gepachtet hatte. Daraufhin wollte das Unternehmen seine Plantagen zunächst von 11 000 auf 6 000 Hektar verkleinern. Ende August kündigte GFII dann die Schließung der Fabrik von San Mariano an. Die Fabrik war schon bald nach der Inbetriebnahme im Mai in Verruf geraten: Sie hatte gegen Umweltvorschriften verstoßen und giftige Abwässer in den Fluss geleitet.

Die Ankündigung der saudischen Far Eastern Agricultural Investment Company (FEAICO), 78 000 Hektar Land auf Mindanao für 25 Jahre zu pachten, um Reis, Mais, Bananen und Ananas für Saudi-Arabien zu produzieren, sorgte dagegen für keinerlei Unruhe auf der Insel. Die auf Initiative der saudischen Regierung gegründete FEAICO (ein Zusammenschluss von international operierenden Agrarkonzernen) verabredete dafür eigens ein Joint Venture mit der philippinischen Firma Aztropex. Und die konnte sich auf die Unterstützung der philippinischen Regierung verlassen, die sich um Agrarinvestitionen aus dem Nahen Osten und vor allem Saudi-Arabien bemüht, wo 200 000 philippinische Migranten arbeiten.

FEAICO setzte darauf, dass die muslimische Bevölkerung Mindanaos Sympathien für Saudi-Arabien hegt, und nahm sogar Verbindung zu den Rebellen der Moro Islamic Liberation Front (Milf) auf, die in der Gegend großen Rückhalt genießt und jetzt die muslimischen Investoren begrüßte. „Erst Entwicklung, und dann Frieden“, argumentiert Aztropex-Chefin Rose Sira.4

Um den Kauf dieser riesigen Ackerflächen zu bewerkstelligen, wurden alle staatlichen Hebel in Bewegung gesetzt. In der Gemeinde Isulan, wo das Konsortium 1 500 Hektar Land für Bananenplantagen pachten will, ist Rodger Barasquia für das Ministerium für Landreform im Einsatz. „Die ausländischen Investoren bieten den Bauern eine große Chance“, sagt er. „Jetzt können sie endlich die Tilgung für ihr Land bezahlen“ – und zwar an den Staat. In Isulan bebaut eine Familie im Schnitt anderthalb Hektar. Den meisten wurde dieses Land im Zuge der Agrarreform zugesprochen. Um einen Besitztitel zu erwerben, hätten die Bauern bei der staatlichen „Land Bank“ die vorgeschriebene Ablösesumme, genannt „Tilgung“, bezahlen müssen. Doch das Geld hatten nur wenige.

Jetzt erhalten die Bauern, die ihr Land verpachten, jährlich 8 000 Pesos (etwa 140 Euro) pro Hektar. Die Hälfte davon geht zur Tilgung ihrer Schulden sofort an die Land Bank. Die Bauern besitzen somit zwar ein Stück Land, dürfen es aber nicht mehr bebauen und bekommen es erst nach 25 Jahren intensiver Monokultur wieder zurück. „Diese Methode der Besitzübertragung sichert im Übrigen auch langfristig die Bodenansprüche der Investoren“, erklärt Arze Glipo, die Leiterin der NGO Integrated Rural Development Foundation (IRDF).

Für den Dialog mit der Bevölkerung hat FEAICO die Immobilienagentur und Arbeitsvermittlung Badrun gegründet. Seit 2009 haben bereits hunderte Kleinbauern Pachtverträge unterzeichnet, die mit einem ausdrücklichen Anbauverbot verbunden sind. Badrun verspricht den Bauern, die ihr Land verpachten, sie als Erste einzustellen, wenn Landarbeiter benötigt würden. Barasquia ist begeistert: „Ein Hektar, ein Arbeitsplatz. 1 500 Hektar verpachtetes Land, das sind also 1 500 neue Arbeitsplätze!“ Die Bauern, die mit Badrun verhandeln, wissen, dass sie es mit Investoren aus dem Nahen Osten zu tun haben, aber den Namen der Firma kennen sie nicht.

Um das Vorhaben durchzusetzen, hat sich FEAICO – mit Besuchen, Geschenken, Versprechungen und so weiter – das Wohlwollen von Beamten und geistlichen Würdenträgern gesichert. Der Einsatz hat sich gelohnt. „Sonst hätten die Leute hier nein gesagt“, meint Abedine Datukan, ein Bauer aus dem Dorf Laguilayan in Isulan. „Aber der Sultan hat ja zugestimmt, dann machen wir mit.“ Er macht sich trotzdem Sorgen: „Was wird aus meinen vier Söhnen, wenn ich als Einziger Arbeit habe? Wenn es pro Hektar nur einen einzigen Arbeitsplatz gibt?“

Jetzt verzögert sich der Start des Projekts auch noch. Für die Bauern heißt das, dass sie auf ihrer verpachteten Parzelle nichts anbauen können. „Sie haben uns die Verträge unterschreiben lassen, uns aber kein Geld gegeben“, berichtet Bainoria Sinienggayan, die Ehefrau des Sultans von Laguilayan, etwas verlegen. „Seitdem haben wir die Leute nicht wiedergesehen, und wir wissen nicht, was los ist.“

Die meisten dieser Großprojekte, bei denen neuerdings ausländische Investoren Agrarflächen pachten, sind im Grunde noch in der Testphase,5 weshalb zwischen Vertragsabschluss und Anbaubeginn viele Monate, manchmal sogar Jahre liegen.

In Casiguran in der Provinz Aurora, das an einer tiefen Bucht in der Nähe der Schiffsrouten nach Taiwan und Südkorea liegt, verschlingt die Gründung einer riesigen Freihandelszone, der Aurora Pacific Ecozone & Free Port (Apeco), das Land der Bauern und Ureinwohner. Das ursprüngliche Projekt, das unter der Regierung von Gloria Macapagal Arroyo im Jahr 2007 vorgestellt wurde, umfasste 500 Hektar. Die neuere Planung aus dem Jahr 2010, der Amtszeit Benigno Aquinos III., sieht schon 13 000 Hektar vor, und die Verkäufer weisen bereits darauf hin, dass in der Umgebung noch Flächen für eine weitere Expansion vorhanden wären.

Die Regierung nutzt die als „Ökozonen“ bezeichneten Sonderwirtschaftszonen hauptsächlich, um Investoren anzulocken. Schon 2012 waren mehr als 2 000 Betriebe bei der staatlichen Philippine Economic Zone Authority (Peza) registriert, die dem Handels- und Industrieministerium unterstellt ist. Inzwischen existieren 250 „Ökozonen“, die im Textil-, Agrar-, Elektronik- und Automobilsektor oder im Tourismus (auch Medizintourismus) tätig sind, dazu kommen Banken, Callcenter und Telekommunikationsfirmen.

Die registrierten Unternehmen profitieren von vereinfachten Ansiedlungsformalitäten und erhalten zahlreiche Steuervergünstigungen: Für sechs bis acht Jahre zahlen sie keine Körperschaftsteuer und keine Importzölle auf Maschinen und Material. Die Investoren können sich jederzeit aus dem Geschäft wieder zurückziehen, während auf der anderen Seite auch künftige Regierungen an die eingegangenen Verpflichtungen gebunden sind. Die Sonderwirtschaftszonen gelten als autonome Territorien, die über eine eigene Polizei verfügen, und das ungeschriebene Gesetz „Keine Gewerkschaft, kein Streik“ wird rigoros angewandt.6

Seit einigen Jahren hat die Entwicklung landwirtschaftlicher Sonderwirtschaftszonen höchste Priorität. Marriz Agbon, der Präsident der PADCC, erklärt: „Idealerweise liegen die Sonderwirtschaftszonen in der Nähe eines Hafens, das erleichtert den Gütertransport. Und die Fläche muss so groß sein, dass wir auf die Bedürfnisse potenzieller Investoren eingehen können.“7

In Casiguran haben die südkoreanische Regierung und vier taiwanische Firmen Interesse bekundet, in einen Freihafen und ein Containerterminal zu investieren, sowie in Aquakulturen und die dazugehörigen Fischfabriken.8 Das Programm sieht auch einen internationalen Flughafen, Hotels und die Herstellung von Kokosprodukten vor. Doch das Projekt ist umstritten.

„Fünf Dörfer sind davon betroffen“, berichtet Pater José Francisco Talaban. „Tausende Menschen werden umgesiedelt und die Fischer und Bauern ihrer Lebensgrundlage beraubt. Wo jetzt die Friedhöfe der indigenen Gemeinschaften liegen, sollen Luxushotels entstehen. Der Bau von Hafen und Aquafarmen wird dramatische Folgen für die Mangrovenwälder und die Lebewesen des Meeres haben.“

Ohne Land in Mindanao, ohne Arbeit in Manila

Die Gegner des Projekts, die von der Bauernorganisation Panama,9 Umweltverbänden und Vertretern der katholischen Kirche unterstützt werden, kritisieren auch, dass öffentliche Gelder zugunsten von privaten Investoren eingesetzt werden: Zwischen 2007 und 2010 wurden 46 Millionen Dollar für Apeco ausgegeben; im Haushalt für 2012 sind weitere 7,5 Millionen eingeplant.10

Während die Aztropex-Chefin Rose Sira mithilfe der Landverpachtung an ausländische Investoren einen bewaffneten Konflikt in Mindanao beilegen will,11 wird in Casiguran, wo alle Gegner zum Schweigen gebracht werden sollen, ein erbitterter Krieg gegen die kommunistische Guerilla der Neuen Volksarmee (New People’s Army, NPA) geführt. „Das Militär behauptet, wir gehörten zur NPA. Die Projektgegner werden regelrecht verfolgt“, erzählt Elmer Dayson von der Bauernorganisation Panama.

Am 26. Juni 2010 wurde auf das Haus von Pater Francisco Talaban ein Anschlag mit Handgranaten verübt. Die Täter waren Mitglieder der paramilitärischen Allianz gegen die Kommunisten von Bianoan (dem Dorf, in dem der Geistliche wohnt). Wenn Panama eine Informationsveranstaltung im Dorf Cozo abhält, kommen die Soldaten uneingeladen hinzu. Sie beteiligen sich nicht an den Diskussionen, sondern schreiben nur die Namen der Anwesenden auf.

Im Wahlkampf 2010, aus dem Benigno Aquino schließlich als Sieger hervorging, hatte dieser angekündigt, die Verträge und die Vereinbarungen zur Verpachtung großer Ackerflächen überprüfen zu lassen. Nun verlangen mehrere Organisationen, die ihn unterstützt hatten, die Auflösung der staatlichen Investitions- und Entwicklungsagentur PADCC. „Aber noch ist nichts passiert“, stellt die NGO-Vertreterin Arze Glipo fest. „Für die Regierung sind ausländische Investitionen nach wie vor der wichtigste Schlüssel zur wirtschaftlichen Entwicklung.“

Es geht aber nicht nur um Ackerland. Mit 340 Hektar Büroflächen, Einkaufszentren und Wohnhäusern an einer zentral gelegenen Kreuzung der Hauptstadt Manila will der Quezon City Central Business District (QC-CBD) zum wichtigsten Geschäftsviertel des Landes aufsteigen. Im Rahmen des von der Weltbank unterstützten Vorhabens hat die Immobiliengesellschaft Ayala eine Public Private Partnership mit der staatlichen National Housing Authority abgeschlossen, um eine 29 Hektar große Fläche zu erschließen – zu der gehört auch das Armenviertel San Roque, wo derzeit 6 000 Familien leben.

„Erst haben sie mir zu Hause in meiner Provinz mein Land genommen. Und jetzt wollen sie mein Stadtviertel abreißen, um Türme für die Geschäftsleute zu bauen!“, schimpft Estrilita Bagasbas. Sie ist Sprecherin der Anti-Abriss-Allianz von San Roque. „Die Regierung und Ayala behaupten, wir würden das Land geringschätzen, auf dem wir leben, und es wäre viel profitabler, wenn man es an ausländische Investoren verpachtet.“

Nachdem Estrilita Bagasbas ihr kleines Stück Land auf Mindanao verloren hatte, auf dem Reis und Kokospalmen wuchsen, machte sie sich auf den Weg nach Manila, um Arbeit zu suchen. Sie fand eine Unterkunft in einem der illegal errichteten Stadtviertel, die in der 13-Millionen-Stadt überall aus dem Boden schießen. Hier lebt sie nun schon seit etlichen Jahren. So ähnlich ist es vielen Bewohnern von San Roque ergangen, die dem Elend auf dem Land entfliehen wollten.

Im Jahr 2002 hatte die Regierung versprochen, für die elementare Infrastruktur in San Roque zu sorgen und die rechtliche Situation der Bewohner zu regeln. Fünf Jahre später kam der Plan für das neue Geschäftszentrum, und die Versprechen waren nichts mehr wert. Die Behörden schlagen den Bewohnern jetzt als einzige Alternative den Umzug in die 20 Kilometer nördlich von Manila gelegene Siedlung Montalban vor. Die meisten Einwohner von San Roque leben jedoch von Gelegenheitsjobs in den nahe gelegenen Einkaufsstraßen. Wenn sie aus ihrem Viertel wegziehen müssen, verlieren sie auch ihre Arbeit. Hinzu kommt, dass Montalban in einem Überschwemmungs- und Erdbebengebiet liegt.

Daher leisten die Leute in San Roque weiter Widerstand. Im September 2010 konnten sie nach schweren Auseinandersetzungen mit der Polizei einen Räumungsversuch abwehren. Seitdem lebt das Viertel im ständigen Ausnahmezustand. Die Bewohner werden brutal unter Druck gesetzt: Am 2. März 2012 stürmten Sicherheitsleute der Firma Ayala das Haus von Josy Lopez, einer weiteren Sprecherin der Gemeinde, und drohten, sie umzubringen. Seitdem haben die Bewohner Angst vor Brandstiftung. 2011 haben die zuständigen Behörden 851 Fälle von Brandstiftung verzeichnet, die meisten in Stadtvierteln, die vom Abriss bedroht sind.

Fußnoten: 1 Dazu gehören die philippinische Bioethanol and Energy Investments Corp., die taiwanische Holding GCO sowie die japanische JGC Corp. 2 Zitiert nach Ceres P. Doyo, „Human face of food sovereignty“, in: Philippine Daily Inquirer, Manila, 30. Juli 2009. 3 „P6-billion bioethanol facility to rise in Isabela“, 11. Oktober 2011. www.philstar.com. 4 Zitiert nach: Tania Salerno, „Transnational land deals in Mindanao“, Land Deal Politics Initiative, Rotterdam, April 2011. 5 Siehe Ben Shepherd, „Redefining food security in the face of foreign land investors“, Centre for non-traditional security studies, Singapur. www.rsis.edu.sg. 6 Siehe „Philippines: voyage autour des zones économiques spéciales“ (Webdokumentation): philipperevelli.com. 7 Siehe „Agri-Business Economic Zones“, 14. Mai 2009: www.agriculture-ph.com. 8 „Taiwanese companies commit investment in Aurora ecozone“, 3. Dezember 2011, www.aurorapacific.com.ph. 9 Panama und Dagami sind Gruppen auf Provinzebene, die der größten Bauernorganisation des Landes, der Philippinischen Bauernbewegung (KMP), angehören. 10 „Angara using underhanded tactics to get back at critics of ecozone“, 27. September 2011: opinion.inquirer.net. Die Kritiker haben beim obersten Gerichtshof eine Petition gegen das ihrer Ansicht nach verfassungswidrige Projekt eingereicht. 11 Inzwischen hat die Regierung mit der Moro Islamic Liberation Front (Milf) ein Friedensabkommen vereinbart, das am 15. Oktober unterzeichnet werden soll. Es sieht für die muslimische Bevölkerung von Mindanao eine autonome Region namens Bangsamoro vor. Aus dem Französischen von Sabine Jainski Philippe Revelli ist Journalist und Fotograf.

Familien mit Einfluss

Die philippinische Verfassung von 1987 schuf nach dem Sturz von Ferdinand Marcos neue demokratische Freiräume. Doch die eher linksgerichteten Basisbewegungen, die zur Vertreibung des Diktators wesentlich beigetragen hatten, wurden von der offiziellen Politik weiter ausgeschlossen. Die wohlhabende Oberschicht, die zumeist den Großgrundbesitzerdynastien entstammt, verteilte die Senatoren-, Abgeordneten- und Gouverneursposten unter sich und verhinderte jede tiefgreifende Reform der philippinischen Gesellschaft, die nach wie vor von extremer Ungleichheit geprägt ist.

Zwar wurden im Zuge der Agrarreform von 1988 (Comprehensive Agrarian Reform Program, Carp) 2 Millionen Hektar Land in den Provinzen an Kleinbauern umverteilt, aber dort regieren noch immer die Clanoberhäupter und Großgrundbesitzer wie Feudalherren. Ein extremes Beispiel dafür ist das Massaker von Maguindanao: Im November 2009 ließ der Sohn des Gouverneurs aus der herrschenden Ampatuan-Familie, ein Verbündeter von Präsidentin Gloria Macapagal-Arroyo, 57 Menschen umbringen, darunter 32 Journalisten sowie die Ehefrau und Tochter seines Konkurrenten bei der Gouverneurswahl.

Die beiden Amtszeiten von Arroyo (von 2001 bis 2010) waren geprägt von Korruptionsskandalen, Putschversuchen und schweren Menschenrechtsverletzungen.1 Die Präsidentin stützte ihre Macht vor allem auf die Armee. Als treue Gefolgsfrau der USA und deren Kreuzzug gegen den Terrorismus setzte Arroyo in den jahrzehntelangen bewaffneten Konflikten mit der kommunistischen Neuen Volksarmee (NPA) und den muslimischen Guerillagruppen Moro Islamic Liberation Front (Milf) und Abu Sayyaf in erster Linie auf militärische Lösungen.

2010 wurde Benigno Aquino III., der Sohn der populären früheren Präsidentin Corazon Aquino, zum Staatspräsidenten gewählt. Im Wahlkampf hatte er sich mit dem Versprechen, die Korruption und die Armut im Land zu bekämpfen, auch die Unterstützung eines Teils der gemäßigten Linken gesichert. Nach seinem Amtsantritt verfolgte Aquino, der aus einer der einflussreichsten Familien des Landes kommt, jedoch die gleiche neoliberale Politik wie seine Vorgängerin: Öffnung des Landes für ausländische Investoren, Ausbau der Sonderwirtschaftszonen, in denen sich vor allem Zulieferbetriebe mit geringer Wertschöpfung ansiedeln, sowie Export von Bergbau- und Agrarprodukten.

Den Kampf gegen die Armut will Präsident Aquino vor allem mit dem Conditional Cash Transfer (CCT) gewinnen, den seine Vorgängerin Arroyo ins Leben gerufen hatte. Über den CCT erhalten arme Familien, wenn sie bestimmte Voraussetzungen erfüllen, bis zu 30 Euro im Monat. Kritiker halten das allerdings eher für eine PR-Kampagne. Denn in den CCT-Dateien seien „die Ärmsten der Armen gar nicht erfasst“, so dass sie von jeder Unterstützung ausgeschlossen blieben.2

Derzeit leben 26,6 Prozent der 97 Millionen Filipinos unterhalb der Armutsgrenze. Auf dem Land, wo 60 Prozent der Bevölkerung wohnen, sind es sogar 38 Prozent. Eine neue Untersuchung des Sozialministeriums weist auf den besorgniserregenden Anstieg der Unterernährung hin: 21,5 Prozent der Bevölkerung haben nicht genug zu essen.

Fußnoten: 1 Siehe Philippe Revelli, „Staatsterror in Cagayan“, und David Camroux, „Klüngel, Kirchen, Kriminelle“, in: Le Monde diplomatique, Juni 2008 und Juni 2006. 2 Che de los Reyes, „Hype & rush mask gaps in CCT rollout“, Philippine Center of Investigative Journalism, 29. Mai 2011.

Paradies für Investoren

Die Insel Mindanao im Süden des philippinischen Archipels wird häufig als der Brotkorb der Philippinen bezeichnet. Die großen Agrarmultis wie Dole, Del Monte und Nestlé sind dort schon seit Langem tätig. Aber seit gut zehn Jahren sind sie nicht mehr allein: Neue Investoren wie Agrosprithersteller, die arabischen Golfstaaten und Investmentfonds bemühen sich darum, hier Ackerland zu pachten.

Nach Angaben der Philippines Agricultural Development & Commercial Corporation (PADCC) wurde allein im Jahr 2011 landesweit eine Fläche von 310 000 Hektar verplant, um dort Zuckerrohr, Maniok, Jatropha und Ölpalmen zur Herstellung von Agrotreibstoff anzupflanzen.1

Im Februar 2012 hat die Firma Nadir & Ibrahim Sons of Hassan aus Bahrain mit der philippinischen AMA Group Holding einen Vertrag über Investitionen von 50 Millionen Dollar und die Bereitstellung von 10 000 Hektar Land für Bananen- und Ananasplantagen in der Provinz Davao del Norte abgeschlossen.2 Danilo Ramos, der Sekretär der Bauernbewegung Kilusang Magbubukid ng Pilipinas (KMP), sagt dazu: „Es ist ein Skandal, dass unser Ackerland dafür geopfert wird, die Nahrungsmittelversorgung anderer Länder sicherzustellen, während die philippinischen Bauern selbst nicht genug Land haben und ihr Elend ständig zunimmt.“

Im Dezember 2011 erwarb der in Singapur ansässige Investmentfonds Black Rivers Capital Partners Fund Food Holdings, der dem US-Multi Cargill gehört, einen Anteil von 28,11 Prozent an der philippinischen AgriNurture Inc. (ANI). Deren Präsident Antonio Tiu erklärte, sie werde ihr Geschäftsfeld auf Mindanao ausdehnen und dort 20 000 Hektar zum Anbau von Reis, Mais und Bananen pachten.3

Fußnoten: 1 „Impact of agrofuel investments in Mindanao“, Alternate forum for research in Mindanao, Davao (Philippinen), 21. November 2011. 2 „Tillers seek probe of 300 million dollars land lease deal with Bahrain“, Food Crisis and The Global Land Grab, 3. Februar 2012: siehe www.farmlandgrab.org. 3 „Singapore-based firms acquires 28,1 percent stake in AgriNurture“, Food Crisis and The Global Land Grab, 2. Januar 2012.

Le Monde diplomatique vom 12.10.2012,