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Waffen von Rosoboron

Die Krise der sowjetischen Wirtschaft, die in den 1980er Jahren einsetzte, und die nachfolgenden Reformbemühungen hatten weitreichende Auswirkungen auf die russische Rüstungsindustrie. Während der strukturellen Anpassung geriet der gewaltige militärisch-industrielle Komplex von allen Seiten unter Druck: In zwei Jahrzehnten fast ohne Staatsaufträge kämpften die Betriebe ums Überleben, zugleich wurden viele Staatsunternehmen privatisiert, und die Regierungen versuchten den Sektor umzubauen.

Zur Zeit der Perestroika und am Beginn von Jelzins Präsidentschaft verfolgte man den „Umbau“ der Rüstungsindustrie für die zivile Produktion. Doch dieser Ansatz galt bereits Mitte der 1990er Jahre als gescheitert.1 Stattdessen versuchte man es nun mit vertikaler Integration, um international wettbewerbsfähig zu werden: Große Rüstungsfirmen sollten entstehen, die vom Entwicklungsbüro bis zur Fertigung alle Produktionsstufen umfassen. An diesen neuen Unternehmensgruppen hielt der Staat die Mehrheit der Anteile.

So schuf Präsident Jelzin 1996 per Dekret aus 20 Betrieben – darunter die Hersteller der berühmten MiG-Kampfflugzeuge, der Kamow-Helikopter, Triebwerkshersteller und so weiter – die staatliche „Moskauer Flugzeugproduktionsgesellschaft“ (Mapo). Weitere marktfähige Unternehmen entstanden aus dem Zusammenschluss der Suchoi-Entwicklungsabteilung für Militärflugzeuge mit verschiedenen Produktionsstätten in Sibirien und der Fusion des großen Rüstungsunternehmen Almas-Antei (Hersteller der Flugabwehrrakete S-300) mit der „Industrie- und Finanzgruppe Schiffstechnik“ (spezialisiert auf Unterseeboote).2 Die Waffenexporte werden zu 90 Prozent über das Staatsunternehmen Rosoboronexport abgewickelt.

Die fortschreitende Umstrukturierung in den Unternehmensstrukturen und das Ausbleiben staatlicher Aufträge und Subventionen führte zu einem erbitterten Konkurrenzkampf: „Unter Jelzin wurden auch die Rüstungsbetriebe privatisiert. Da gab es keine Ausnahme“, erklärt Dmitri Gorenburg vom Davis Center for Russian and Eurasian Studies an der Harvard University, der Experte für die Entwicklung des russischen Militärs ist.3 „Unter Putin gab es dann eine gewisse Konsolidierung, eine Reihe strategisch wichtiger Industriebetriebe wurde wieder verstaatlicht.“

2006 schloss Putin die größten Luftfahrtunternehmen des Landes zum Konsortium OAK zusammen, nachdem Mapo nicht in der Lage war, ein Jagdflugzeug der 5. Generation zu entwickeln und nicht genug Exportaufträge vorweisen konnte. Der Staat subventionierte auch den Hersteller Suchoi bei der Entwicklung eines neuen Verkehrsflugzeugs. „Seit wenigstens acht Jahren haben sich die Eigentumsverhältnisse in der russischen Rüstungsindustrie kaum verändert“, meint der Moskauer Rüstungsexperte Wassili Sazepin. „Heute gehört etwa ein Drittel der Unternehmen dem Staat, ein weiteres Drittel ist in der Hand von Aktiengesellschaften, an denen wiederum staatliche Firmen Anteile halten, das letzte Drittel sind Privatunternehmen.“

Die russische Rüstungsindustrie bleibt ein sehr intransparenter Sektor, der sozialwissenschaftlichen Studien nicht zugänglich ist. Es gab Spekulationen über eine Überalterung des Personals in der Rüstungsbranche, die Wladimir Putin kürzlich in seiner Rede zur Regierungsbilanz vor dem Parlament zu entkräften suchte: Der Regierung sei es gelungen, durch Einstellung junger Techniker das Durchschnittsalter in der Rüstungsindustrie auf 45,6 Jahre und in den wissenschaftlichen Instituten auf 48,1 Jahre zu senken.4 Andere Quellen schätzen das Durchschnittsalter allerdings auf 55 bis 60 Jahre – und das bei einer durchschnittlichen Lebenserwartung der männlichen russischen Bevölkerung von derzeit 63 Jahren.5

Die Zahl der Beschäftigten in der Rüstungsindustrie sinkt jährlich um bis zu 5 Prozent, und das Durchschnittsalter steigt. Manche sind dennoch der Meinung, dass sich durch die Bemühungen der Regierung, junge, gut ausgebildete Experten für den Maschinenbau und die Rüstungsindustrie anzuwerben, das Durchschnittsalter von Technikern insgesamt verringert habe – von 50 (2006) auf 47 Jahre (2010).6

Das Lohnniveau im Rüstungssektor ist allerdings immer noch niedrig. Nach Aussagen russischer Wissenschaftler liegt das Monatseinkommen bei durchschnittlich 16 000 Rubel (580 US-Dollar) und bei 24 000 Rubel (875 US-Dollar) im Bereich der militärischen Forschung.7

Vicken Cheterian

Fußnoten:
1 Antonio Aanchez-Andres, „Arms Exports and Restructuring in the Russian Defence Industry“, in: Europe-Asia Studies, Bd. 56, Nr. 5, Juli 2004, S. 687.
2 Siehe Constantin Makienko, „Le complexe militaro-industriel à l’heure des réformes“, in: Yves Boyer und Isabelle Facon (Hg.), „La politique de sécurité de la Russie“, Paris (Ellipses) 2000, S. 113–132.
3 Siehe seinen Blog zur russischen Militärreform: russiamil.wordpress.com/author/gorenbur/.
4 Siehe dazu Putins Rede am 20. April 2011: transcript.duma.gov.ru/node/3423/?full.
5 Siehe Oleg Nikishenkov, „Armed forces in crisis“, Moscow News, 3. Mai 2011: themoscownews.com/bizfeature/20110503/188635920.html. Und zur Überalterung der russischen Gesellschaft: Philippe Descamps, „Sonderfall Russland“, Le Monde diplomatique, Juni 2011.
6 Siehe Oleg Wlabykin, „Engineers are attracted by modern weapons“, Nesawissimoje Wojennoje Obasrenije, 29. April 2011: nvo.ng.ru/realty/2011-04-29/1_engineers.html.
7 Siehe Anmerkung 5.
Aus dem Englischen von Edgar Peinelt

Le Monde diplomatique vom 14.10.2011, Vicken Cheterian