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Inga, größte Kraft Afrikas

Alte Kraftwerke könnten den Kongo mit Strom versorgen – wenn sie erst repariert wären von Tristan Coloma

Wir sitzen im Presse- und Informationsministerium in Kinshasa. Im Vorzimmer herrscht eine drückende Schwüle. Die Klimaanlage läuft nicht, der Strom ist mal wieder ausgefallen. In der Demokratischen Republik Kongo (DRK) geht es nicht um Wechselstrom oder Gleichstrom, es geht nur um den Wechsel zwischen Strom und keinen Strom. „Wir müssen warten, bis der Minister zurückkommt, er entscheidet, wann wir den Generator anstellen“, sagt die Sekretärin. Bei der staatlichen Elektrizitätsgesellschaft SNEL wisse man nie, wann der Strom wieder kommt. Weil er andauernd ausfällt, entweicht den überlasteten Generatoren ein permanentes Röcheln.

Im April 2008 schlug der Internationale Währungsfonds (IWF) Alarm: In der Mehrzahl der Länder südlich der Sahara machen die fehlenden oder unzureichenden Infrastrukturen in den Bereichen Energie, Verkehr, Wasser sowie Informations- und Kommunikationstechnologie einen Produktivitätsverlust von 30 bis 60 Prozent aus. Die Wachstumsraten könnten ohne diese Defizite um 2 Prozent höher liegen.1 Für Neubau, Reparatur und Wartung von Anlagen in der Infrastruktur müssten pro Jahr 93 Milliarden Dollar investiert werden. Diese Summe entspricht 15 Prozent des gesamten afrikanischen Bruttoinlandsprodukts (BIP).2

40 bis 80 Prozent der Infrastrukturdefizite fallen bei der Stromversorgung an. Im Ausland empört man sich häufig darüber, dass ein Drittel der afrikanischen Kinder nicht zur Schule geht, aber dass fast 80 Prozent der Kinder keinen Zugang zu Elektrizität haben, scheint niemanden zu interessieren. Mit 68 Gigawatt entspricht die Gesamtkapazität der 48 Länder südlich der Sahara noch nicht einmal der Stromproduktion Spaniens. Jedem Afrikaner stehen durchschnittlich höchstens 124 Kilowattstunden pro Jahr zur Verfügung . Nach Auskunft der Unternehmen in dieser Region fällt der Strom im Durchschnitt an 56 Tagen pro Jahr aus, daraus errechnen sie eine Umsatzeinbuße von 5 bis 6 Prozent.3

Noch finsterer sieht es in der Demokratischen Republik Kongo (DRK) aus (siehe Schaubild „Zugang zu Strom“). 94 Prozent der Bevölkerung nützt eine Glühbirne gar nichts. Und selbst wer einen Netzanschluss hat, sitzt häufig im Dunkeln, weil der Strom nur stundenweise kommt. Die ständige Überlastung des Netzes zieht vielerlei Probleme nach sich, unter anderem fallen auf dem Land die elektrischen Trinkwasserpumpen aus, in den Städten kommt es auf den unbeleuchteten Straßen häufig zu Überfällen, oder wenn in den Kliniken die Kühlung ausfällt, verlieren zum Beispiel wichtige Impfstoffe ihre Wirkung und müssen weggeworfen werden. Viele Leute organisieren sich daher ihren Strom auf eigene Faust und begeben sich in Lebensgefahr, wenn sie versuchen, Leitungen heimlich anzuzapfen.

Die diplomatischen Vertretungen oder die Zentrale der UN-Stabilisierungsmission im Kongo (Monusco) sind natürlich besser ausgestattet. Deshalb tummeln sich in diesen Vierteln „Kleinunternehmer mit Gastanschluss“: Mitten auf der Straße bieten sie Fotokopier- oder Aufladedienste für Mobiltelefone an.

Dabei schlummern in Afrika große Energiereserven. Man könnte vor allem auf Wasserkraft setzen, von deren Potenzial bislang nur 3 Prozent genutzt werden.4 Allein mit dem Wasser des Kongos ließen sich schätzungsweise 110 Gigawatt erzeugen. Zum Beispiel an den Inga-Fällen in der Provinz Bas-Congo, wo der geplante Großstaudamm Grand Inga auf eine Kapazität von 44 Gigawatt ausgelegt ist – doppelt so hoch wie bei dem Drei-Schluchten-Staudamm in China. Diese Strommenge könnte 40 Prozent des gesamten afrikanischen Bedarfs zwischen Kairo und dem Kap der Guten Hoffnung decken (siehe Karte, Seite 21).5

Die bestehenden Wasserkraftwerke Inga I und Inga II sind seit 1972 und 1982 in Betrieb. Sie liefern den Strom für die Hauptstadt Kinshasa, und über eine 1 725 Kilometer lange Gleichstromleitung werden Lubumbashi und die Bergwerke von Katanga versorgt (siehe Karte, Seite 20). Die Staudämme werden wie ein Hochsicherheitstrakt bewacht. Im August 1998 besetzten Rebellen von der RCD (Kongolesische Sammlung für Demokratie) das Kraftwerk. Sie wollten damals das ganze Land lahmlegen, erzählt der Direktor der Inga-Kraftwerke Mbuyi Tshimpanga. An einer wackligen Schautafel erläutert der Chef mit dem Zeigestock in der Hand die potenzielle Potenz von Inga: „Theoretisch können wir hier 1 800 Megawatt Strom erzeugen“, meint Tshimpanga. Theoretisch, denn im Kontrollraum stehen die meisten Zähler auf null: Das Kraftwerk kommt mit Mühe auf gerade mal 875 Megawatt.

„Bei Inga I sind von sechs Turbinen drei stillgelegt“, berichtet der technische Direktor Claude Lubuma. „Bei Inga II arbeiten vier Turbinen, drei werden mit Unterstützung der Weltbank repariert, eine weitere mit Zuschüssen der afrikanischen Entwicklungsbank.“ Am Kontrollturm blättert der Putz ab, doch das großspurige Versprechen aus der Mobutu-Ära ist noch lesbar: „Inga, die größte Kraft Afrikas für Afrika.“

Um das zu realisieren, braucht das Land Investoren. Nach dreißig Jahren Diktatur und einem Jahrzehnt Bürgerkrieg steht die DR Kongo auf dem Index gescheiterter Staaten ganz oben.6 Selbst mit einem Wirtschaftswachstum von derzeit 5,5 Prozent würde es mehr als fünfzig Jahre dauern, bis das Pro-Kopf-Einkommen vom Jahr der Unabhängigkeit 1960 wieder erreicht wäre.7

Obwohl die DRK über riesige Rohstoffvorkommen verfügt, gehört sie zur Gruppe der hochverschuldeten Entwicklungsländer (Heavily Indebted Poor Countries, HIPC). Im Wirtschaftsmagazin African Business vom Februar 2009 wurde der Wert der kongolesischen Rohstoffvorkommen auf 24 000 Milliarden Dollar geschätzt, so viel wie das Bruttoinlandsprodukt der USA und Europas zusammen. Doch das Land ist längst dem weltweiten Rohstoffhunger zum Opfer gefallen. Tatsache ist: Die Kassen sind leer.8 Ein SNEL-Beschäftigter meint resigniert: „Das kongolesische Stromnetz ist auf dem gleichen Stand wie vor fast fünfzig Jahren, als die Belgier den Kongo verließen. Wir sind wirklich an einem kritischen Punkt angelangt. Die Kunden müssen schon selbst für ihre Kabel sorgen, weil die SNEL defekte Leitungen nicht mehr ersetzen kann.“

Günstlingswirtschaft und eine veraltete Verwaltung verhindern Investitionen in die Infrastruktur. Zudem verkauft der Staat seinen Strom weit unter dem Erzeugerpreis. „In den meisten Ländern südlich der Sahara sind die Strompreise subventioniert. Sie liegen noch heute auf dem Niveau der 1970er Jahre, weil man die Wähler nicht vergraulen will. Auf diese Weise kann es aber keinen Fortschritt geben“, meint ein Mitarbeiter der Europäischen Investitionsbank (EIB). Es fragt sich nur, warum man die Preise erhöhen soll, wenn die Mehrheit der Bevölkerung sie nicht bezahlen kann.

In Kinshasa zieht ein Gewitter auf. Zuerst fegt ein Sandsturm durch die Straßen, dann bricht ein tropisches Unwetter aus, das die Stromversorgung der gesamten Stadt lahmlegt. Aus der pechschwarzen Nacht taucht das Ministerium für Infrastruktur und Wiederaufbau auf, davor ein riesiges Plakat mit Präsident Kabilas altem Slogan: „Gemeinsam, leistungsstark und entschlossen werden wir die Herausforderung des Wiederaufbaus und der Modernisierung des Kongo meistern.“

Zum Interview erscheint Infrastrukturminister Fridolin Kasweshi Musoka in Begleitung sämtlicher Mitarbeiter. „Die SNEL müsste, um in die Entwicklung ihrer Anlagen investieren zu können, von den Verbrauchern fünfmal höhere Strompreise verlangen. Für die Energiepolitik ist die soziale Komponente das Hauptproblem.“

Bernadette Tokwaulu, die Nummer zwei im SNEL-Management, hält nichts davon, wenn sich die Politiker in die Geschäfte der Staatsbetriebe einmischen: „Die Brauereien zahlen zum Beispiel nicht den vollen Strompreis. Im Namen der Entwicklungshilfe werden sie vom Staat subventioniert! Und die Behörden zwingen uns, den Boulevard des 30. Juni voll zu beleuchten, obwohl das eigentlich keine Priorität hat. So ist es auch mit der Straßenbeleuchtung in Kikwit. Ein Privileg, das nur den Interessen des Premierministers dient, weil in dieser Stadt seine Wählerhochburg liegt.“

Mit nur drei von sechs Turbinen

In Behörden und Staatsbetrieben ist Korruption weit verbreitet.9 Manche Fälle landeten bereits vorm Richter, was die Presse gleich zum Anlass nahm, dies als Erfolg von Präsident Kabilas Antikorruptionskampagne „Null Toleranz“ zu feiern. Weil die Staatskasse leer ist, setzt die Regierung auf internationale Hilfsgelder. Das bestätigt für seinen Bereich auch Energieminister Gilbert Tshiongo: „Die Gelder kommen im Wesentlichen von den üblichen Kreditgebern, zumeist von multilateralen und bilateralen Finanzinstitutionen wie der Weltbank, der Afrikanischen Entwicklungsbank, der Europäischen Investitionsbank, der Arabischen Bank für Wirtschaftsentwicklung in Afrika (Badea), der Europäischen Union, der deutschen Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) und der belgischen Finexpo.“10

Doch IWF und Weltbank kritisieren die SNEL wegen ihrer mangelnden Rentabilität und ihrer Unfähigkeit, das Land mit Strom zu versorgen. Sie machen ihre Unterstützung von einer Reform abhängig, die auf die Öffnung des Stromsektors und auf die Beteiligung privater Investoren in allen Segmenten der Produktionskette zielt.11

Viele protestieren gegen dieses Konzept: „In Afrika fordern IWF und Weltbank den Privatsektor auf, für den Ausbau der Stromversorgung zu sorgen, während dies überall sonst in der Welt die Aufgabe des Staats ist. Mit dieser Strategie will die Weltbank die staatlichen Unternehmen in die Knie zwingen, um deren Unfähigkeit zu demonstrieren, was wiederum die Privatisierung rechtfertigen soll“, meint Franck Mériau, der in Kinshasa als Berater für den Bereich Bergbau und Energie arbeitet.

Auch in den höheren Etagen der SNEL gibt es nicht viele Stimmen, die mit der laufenden Reform einverstanden wären. Bernadette Tokwaulu meint ganz unverblümt: „Wenn die Öffnung des Strommarkts kommt, werden sich die privaten Versorger die rentablen Marktsegmente unter den Nagel reißen und die unrentablen Sozialfälle der SNEL überlassen; das bedeutet für uns noch mehr Schulden. Der Staat muss seine Pflichten als Souverän erfüllen, indem er Basisdienstleistungen wie die Stromversorgung selbst übernimmt.“ Außerdem würden höchstwahrscheinlich private Monopole entstehen. Doch Institutionen wie das Wettbewerbsrecht und Behörden, die darüber wachen, dass es auch eingehalten wird, gibt es im subsaharischen Afrika noch nicht.

Nach Schätzungen des Energieministeriums braucht man in der DR Kongo mehr als 6,5 Milliarden Dollar, „um die Zahl der Netzanschlüsse zu verdoppeln und die Energieversorgung bis 2015 zu stabilisieren“. Die erforderlichen Investitionen werden sich zwar langfristig amortisieren, aber sie bieten keine gesicherten Profite. Das erklärt auch das ungeheure Paradox, dass von 987 Millionen Afrikanern 500 Millionen ein Mobiltelefon besitzen, während 700 Millionen keinen Zugang zu einer Stromquelle haben. Ein Telefonnetz ist eben billiger als ein Elektrizitätsnetz, und vor allem amortisiert es sich viel schneller.

Alain Bokele ist völlig überlastet. Der SNEL-Manager, zuständig für Kinshasa, wird ständig am Handy verlangt. Mit einem Seufzer sinkt er in seinen Sessel und sagt: „Die Situation ist wirklich vertrackt. Die Ausschreibungen zur Modernisierung des Netzes sind fertig, aber man kann nicht behaupten, dass sich die Bewerber um die Aufträge reißen.“ Auch Mbuyi Tshimpanga, der Kraftwerksleiter von Inga, berichtet, dass PPPs, also Public-Private-Partnership-Projekte im Kongo die Ausnahme sind: „In Katanga kooperiert die SNEL manchmal mit Bergbauunternehmen wie TFM und KCC. Das Problem dabei ist, dass man bei PPPs einen Teil der Anlagen auf die Interessen der privaten Investoren zuschneiden muss. Dem gemeinschaftlichen Nutzen dient das eher nicht.“

Bei diesen düsteren Aussichten macht jeder seine eigenen Prognosen. Zum Beispiel heißt es im Jahresbericht 2010 des UN-Wirtschafts- und Sozialrats (Ecosoc), die weltweite Finanzkrise könnte aus Sicht Afrikas zum „Katalysator“ für Investitionen aus aufstrebenden Wirtschaftsmächten wie den Bric-Staaten (Brasilien, Russland, Indien und China), den Golfstaaten, der Türkei oder gar Südkorea werden: „Bei nachlassenden Wachstumsaussichten in den Industrieländern steht zu erwarten, dass die wirtschaftlichen Beziehungen zwischen Afrika und anderen aufstrebenden Regionen an Bedeutung gewinnen.“

Diesen Optimismus muss der Rohstoffexperte Franck Mériau etwas dämpfen: „Die Entwicklung Afrikas hängt davon ab, was dabei für die Interessen der ausländischen Unternehmen herausspringt.“ Während unserer Unterhaltung in einem beliebten libanesischen Restaurant werden an den anderen Tischen die Ohren gespitzt. „Das Ausland investiert vor allem in Projekte, die dem Handel dienen, also in Häfen und Flughäfen, in Straßen und allgemein in die Infrastruktur – eben in alles, was man zum organisierten Abtransport von Rohstoffen braucht. Tatsächlich haben alle PPP-Projekte etwas mit Bergbau und Export zu tun.“

Das größte Bergbauunternehmen der Welt, BHP Billiton, braucht für den Betrieb eines Aluminiumwerks, das in der Provinz Bas-Congo entstehen soll, ein Stromvolumen von mehr als 2 000 Megawatt. Das Unternehmen könnte eine PPP mit der DR Kongo beschließen, um zusammen den neuen Staudamm Inga III zu bauen.

Hilfe vom Bergbauminister

Die jüngsten Studien zeigen, dass man mit einer Investition von 7 Milliarden Dollar etwa 4 300 Megawatt Strom erzeugen könnte. Aber wie der Journalist Bienvenu-Marie Bakumanya von der kongolesischen Tageszeitung Le Potentiel berichtet, wollte BHP Billiton die Kapazität der Anlage auf 3 500 oder sogar 2 500 Megawatt begrenzen, „um nur den eigenen Bedarf zu decken und damit die Kosten zu reduzieren.“

Nach dem aktuellen Planungsstand will die Regierung in Kinshasa das Kraftwerk Inga III bis 2020 fertigstellen und beim Megastaudamm Grand Inga bis 2025 die erste Baustufe abgeschlossen haben (mit einer Kapazität von 6 Gigawatt, die mit dem weiteren Ausbau auf 39 Gigawatt gesteigert werden könnte). Für diese beiden Projekte muss die kongolesische Regierung 22,1 Milliarden US-Dollar auftreiben. Um das zu schaffen, arbeitet Energieminister Tshiongo eng mit dem Bergbauministerium zusammen. Er hofft, dass die Bergbaukonzerne, denen man Abbaukonzessionen gewährt, im Gegenzug die Stromerzeugung und die Leitungen bis zu den Bergwerken finanzieren – und – falls ein paar Megawatt übrig bleiben – ein Verteilernetz für die einheimische Bevölkerung.

Eine solche Form der Zusammenarbeit ginge jedoch zulasten der regionalen Integration. Aber die kommt ohnehin nur schwer voran. Das zeigt das Schicksal eines Projekts, das von einem Konsortium namens Westcor (Western Power Corridor) getragen wurde, dem fünf Staaten (DRK, Angola, Sambia, Botswana, Südafrika) angehörten. Westcor wurde im Februar 2010 auf Betreiben der DRK von den Energieministern der beteiligten Länder aufgelöst. Der Vertrag hätte in der Tat große Nachteile für die DR Kongo bedeutet, da alle Unterzeichnerstaaten zu gleichen Teilen Eigentümer des Staudamms geworden wären.

Der Forschungs- und Entwicklungsdirektor von SNEL, Waku Ekwi Mapuata, sitzt an seinem Schreibtisch hinter dicken Aktenstapeln verschanzt. „Die SNEL verfügt nicht über die technischen und finanziellen Mittel, um solche Projekte selbst durchzuführen.“ 2006 waren weniger als ein Viertel der Kredite, die aus den klassischen Fonds von IWF und Weltbank nach Afrika fließen, für den Produktionssektor bestimmt. Und obwohl die Europäer sich ständig für die Entwicklung des Privatsektors ins Zeug legen, ist ihr Engagement im Bergbausektor längst nicht mehr so stark.

Die Länder des Südens dagegen, die in die hinterlassene Lücke stoßen, investieren nicht nur in den Rohstoffsektor, sondern auch in große Energie-, Verkehrs- oder Gesundheitsvorhaben. Der „Jahrhundertvertrag“ zum Beispiel, den Kinshasa am 17. September 2007 mit drei chinesischen Firmen unterzeichnet hat, sieht vor, dass den Chinesen als Gegenleistung für die Durchführung von Infrastrukturprojekten und die Gewährung von umfassenden Kreditfazilitäten ein privilegierter Zugang zu wichtigen Rohstoffen gewährt wird. In seiner Kombination aus Handelsbeziehungen, Aufbauhilfe und ausländischen Direktinvestitionen erinnert das Partnerschaftsabkommen an das Geschäftsgebaren der früheren Kolonialherren. Die angeblichen Win-win-Verträge mit den Chinesen könnten sich irgendwann als Lug und Trug herausstellen.

Die Chinesen bauen die Straßen

Noch ist Präsident Kabila vom Antikolonialismus und Afrika-Optimismus der Chinesen ganz angetan. „Wir werden unser Land zum China Afrikas machen“, erklärte er 2007. Sein Informationsminister Lambert Mende hält das chinesische Engagement auch heute noch für einen Segen: „Es ist ein neues Konzept der Zusammenarbeit, bei dem auch wir auf unsere Kosten kommen werden. Wir haben nicht das Gefühl, Bittsteller in einer Armenküche zu sein, mit denen man alles machen kann.“

Kinshasa trug früher den Beinamen „Kin la belle“, die Schöne. Doch die Stadt hat ihren Charme seit langem verloren, heute nennt man sie „Kin la poubelle“, die Mülltonne. Im Radio hört man zwar noch immer die alten Predigten, die den Hungernden einreden wollen, dass sie stark bleiben und den Glauben bewahren müssen, weil „Gott in seiner Barmherzigkeit euch am Ende des Tages vielleicht noch mit einem Stück Brot belohnen wird“. Doch die Hoffnung der Kongolesen auf eine weniger elende Zukunft basiert mittlerweile auf handfesteren Gründen. Vor allem seit mit Hilfe chinesischer Baumaschinen asphaltierte Straßen, neue Wohnsiedlungen und – ständig überfüllte – Sportstadien entstanden sind.

Angesichts der vielen Baustellen und der Geschwindigkeit, mit der die Arbeit voranschreitet, kann die kongolesische Regierung frohlocken und mit Optimismus auf den nächsten Wahlkampf blicken. Für Informationsminister Mende ist die Rechnung ganz einfach: „In den nächsten zehn Jahren können wir 15 000 Straßenkilometer bauen und nicht bloß 700 wie mit den traditionellen Partnern.“ Die Spitze zielt gegen die Weltbank als Sprachrohr der westlichen Kreditgeber. Die hat zum Beispiel ihre Zusage, die Reparatur von zehn Turbinen in den Kraftwerken Inga I und II zu finanzieren, bis heute nicht eingelöst. Das Projekt wurde gerade zum zweiten Mal verschoben, weil die Weltbank wegen der Finanzkrise nicht ausreichend Mittel beschaffen konnte. Die für 2012 versprochene Generalüberholung der Turbinen wird sich wohl bis 2016 verzögern.

Der Riese als Mündel, das die Demokratische Republik Kongo noch immer ist, weiß heute nicht einmal mehr, von wem genau er abhängig ist. Häufig kommt es zu Interessenkonflikte zwischen den aufstrebenden Großmächten wie China und den westlichen Kreditgebern.12 Auf der einen Seite ist die Unterstützung der neuen Wirtschaftsmächte für die afrikanischen Regierungen eine wichtige Trumpfkarte bei ihren Verhandlungen mit den internationalen Finanzinstitutionen. Sie erlaubt ihnen zum ersten Mal, sich den politischen Reformen zu widersetzen, die ihnen der IWF oder die Weltbank diktieren wollen.

Allerdings deutet alles darauf hin, dass auch die Chinesen eigene Interessen im Blick haben, wenn sie auf die neue Kreditwürdigkeit der hochverschuldeten Länder setzen. Es besteht also durchaus die Gefahr, dass der Jahrhundertvertrag die DR Kongo in eine Jahrhundertverschuldung treiben wird – und damit in eine neue Abhängigkeit von ihrem Hauptkreditgeber. Weil die Regierung in Kinshasa dies weiß, hört sie nicht auf, den Norden zu umwerben. Im Dezember 2010 lobte der kongolesische Staatschef ausdrücklich die Europäische Union für ihre entschiedene Unterstützung bei der „Wiedergeburt“ seiner Nation, für die er „ unendlich dankbar“ sei.13

Gefährliche Geierfonds

Joseph Kabila hat auch kaum eine andere Wahl, denn nach wie vor schwebt ein Damoklesschwert über seinem Land: die gigantischen Schulden aus der Zeit der Mobutu-Diktatur. Nachdem die Regierung in Kinshasa am 18. November letzten Jahres mit dem Pariser Club der Gläubigerstaaten ein Schuldenerlass-Abkommen erzielt hatte, musste sie erleben, wie sogenannte Vulture Funds14 die Rückzahlung von 425,5 Millionen Dollar erwirken wollen: Am 2. Januar 2011 hat ein Fonds namens FG Hemisphere (mit Sitz in Delaware, USA) vor einem Gericht in Jersey ein entsprechendes Urteil gegen die DR Kongo erwirkt.15

Diese „Geierfonds“ haben es vor allem auf die SNEL abgesehen. So hat ein südafrikanisches Gericht dem FG Hemisphere bereits im November 2008 das Recht zugestanden, die 105 Millionen US-Dollar an Einnahmen zu konfiszieren, die der SNEL für Stromlieferungen nach Südafrika zustehen. „Wenn die Sonne schläft, bleibt Inga wach“ lautet das alte Motto der SNEL. Es könnte eine neue Bedeutung bekommen.

Fußnoten: 1 Internationaler Währungsfonds (IWF), „Regional Economic Outlook: Sub-Saharan Africa“, Washington, April 2008. 2 Vivien Foster und Cecilia Briceño-Garmendia, „Africa’s Infrastructure: A Time for Transformation“, Washington (Weltbank) 2010, siehe auch unter: www.infrastructureafrica.org. 3 Die statistischen Daten sind entnommen aus: Jean-Michel Severino und Olivier Ray, „Le Temps de l’Afrique“, Paris (Odile Jacob) 2010; „Africa’s Infrastructure: A Time for Transformation“ (Anm. 2); Africa Infrastructure Country Diagnostic, „Underpowered: The State of the Power Sector in Sub-Saharan Africa“, Juni 2008; „Regional Economic Outlook: Sub-Saharan Africa“ (Anm. 1), siehe auch www.africa-energy.com. 4 „Tap That Water“, in: The Economist, London, 8. Mai 2010. 5 Siehe Dominic Johnson: „Fallhöhe 102 Meter“, tageszeitung, 9. Dezember 2006. 6 The Fund for Peace, Failed States Index 2010, www.foreignpolicy.com. 7 Serge Michailof und Alexis Bonnel, „Notre maison brûle au Sud – Que peut faire l’aide au développement?“, Paris (Fayard) 2010. 8 Der Staatshaushalt 2011 beläuft sich auf lediglich 6,4 Milliarden CFA-Francs (etwa 7 Milliarden US-Dollar). 9 So steht SNEL-Chef Daniel Yengo unter Verdacht, 10 Millionen Dollar in Katanga unterschlagen zu haben. 10 Von den internationalen Finanzinstitutionen flossen im Zeitraum von 2008 bis 2010 an die DRK 1,5 Milliarden US-Dollar (Quelle: Energieministerium). 11 2006 gab es in 75 Prozent der Länder südlich der Sahara private Beteiligungen im Energiesektor, und 66 Prozent hatten die öffentliche Energieversorgung privatisiert. Vgl. IWF, „Regional Economic Outlook: Sub-Saharan Africa“, siehe Anm. 1. 12 Vgl. Colette Braeckman, „Die besseren Freunde. Kongo, China und der IWF“, in: Le Monde diplomatique, September 2009. 13 Jeune Afrique, Paris, 3. Dezember 2010. 14 Vulture Funds kaufen den Gläubigern Schuldentitel von Entwicklungsländern zu sehr niedrigen Preisen ab und versuchen anschließend auf juristischem Wege, die Regierungen zur Rückzahlung der ursprünglichen Investitionssumme samt Zinsen, Säumniszuschlägen und Verwaltungs- und Gerichtskosten zu zwingen. 15 Siehe dazu die Publikation des Committee for the Abolition of Third World Debt: www.cadtm.org/FG-Hemisphere-vulture-fund-s.

Aus dem Französischen von Sabine Jainski

Tristan Coloma ist Journalist.

Le Monde diplomatique vom 11.03.2011,