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Ausgabe vom 11.3.2011

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Der Marty-Report

Am 25. Januar 2011 entschied der Europarat, den Spuren nachzugehen, die Dick Marty mit seiner Untersuchung über "Menschenrechtsverletzungen und illegalen Organhandel im Kosovo" gelegt hat. Der Schweizer Abgeordnete Marty berichtet unter anderem über eine "kriminelle Vereinigung", die er "Drenica-Gruppe" nennt, weil die meisten ihrer Mitglieder aus der gleichnamigen Region in Zentralkosovo stammen. Hashim Thaci, 1994 Mitbegründer der Guerillaorganisation UCK und derzeit Ministerpräsident des Kosovo, soll ihr Anführer sein. Marty verweist darauf, dass die UCK während des Kriegs von Albaniens Streitkräften und dem albanischen Geheimdienst "Shërbimi Informativ i Shtetit" (Shish) unterstützt wurde. Auch westliche Geheimdienstler, die 1999 in Albanien stationiert waren, hätten mit der UCK zusammengearbeitet.

Die kriminellen Aktivitäten der UCK (Schmuggel, Waffen- und Drogenhandel) seien nach Kriegsende fortgesetzt worden. Marty zitiert Berichte westlicher Geheimdienste, in denen Hashim Thaci als "Unterweltboss des Kosovo" bezeichnet wird. Dieser sei zwar die bekannteste Figur der "Drenica-Gruppe", doch die Anführer Azem Syla und Xhevat Halili seien nach Martys Informationen mindestens genauso wichtig.

Die "Drenica-Gruppe" hat ein regelrechtes System von Gefangenenlagern in Albanien errichtet. Manche der nahe der Grenze zum Kosovo gelegenen Lager, wie Cahan, Kukës und Bicaj, waren vor allem für die albanischen "Verräter und Kollaborateure" bestimmt, die dort "verhört" wurden. Eine zweite Kategorie von Gefangenen, vor allem Serben, wurde während der Haft in Albanien ermordet. Die dritte Kategorie von Gefangenen wurden nach Martys Bericht Opfer des illegalen Organhandels. Sie waren in einem Lager in Fushë-Krujë interniert, in der Nähe von Tiranas Flughafen, von wo die Organe ausgeflogen wurden. Dieses Schicksal soll allerdings nur "eine Handvoll" Gefangene erlitten haben, die durch mehrere Lager und Selektionen geschleust worden waren.

Eine Schlüsselrolle in dem illegalen Handel mit Organen soll der Arzt Shaip Muja gespielt haben, der im Kosovokrieg die Feldlazarette für die UCK betreut hat und heute Regierungsberater für Gesundheitsfragen ist. In einem Interview mit der taz vom 26. Januar 2011 bestreitet Muja, dass dieser Organhandel überhaupt jemals stattgefunden hat. Er habe bereits eine Klage wegen Rufschädigung gegen Marty eingereicht und ist zuversichtlich, dass er den Prozess gewinnen wird.

Mujas Name taucht allerdings auch in Berichten über die Medicus-Klinik auf, einer Privatklinik in Prishtina, die dem Urologen Lutfi Dervishi gehört, der ein Schwager von Azem Syla ist, einem Onkel von Ministerpräsident Thaci. Die Medicus-Klinik war vermutlich noch bis 2008 ein weiteres Zentrum im illegalen Organhandel. "Freiwillige" ließen sich hier gegen Geld eine Niere entnehmen. Die Abnehmer sollen aus Deutschland, Kanada und Israel stammen.

Le Monde diplomatique Nr. 9442 vom 11.3.2011, 63 Zeilen,

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