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Tonart der Ungerechtigkeit

Die Wiederentdeckung der iranischen Volksmusik von Ed Emery

Eine Menge junger Leute hatte sich in dem kleinen Konzertsaal in der englischen Universitätsstadt Oxford eingefunden. Auf dem Programm standen iranische Lieder, darunter auch Stücke auf Aseri, Kurdisch und Armenisch. Der Abend war schon weit fortgeschritten, als jemand aus dem Publikum rief, er wolle „Der Winter ist vorbei“ (Sar umad zemestoun) hören, ein Lied aus den 1960er Jahren, das heute zu den Hymnen der grünen Protestbewegung im Iran gehört.1

Die Musiker erklärten sich bereit, das Stück zu spielen, aber nur wenn das Publikum mitsänge. Nach und nach versammelte man sich am Bühnenrand zum Stegreifchor, wohl wissend, dass dies einem öffentlichen Bekenntnis gleichkam: Das Konzert wurde nämlich gefilmt, und die Agenten des iranischen Regimes würden es vielleicht schon am nächsten Tag auf YouTube sehen können. Wer Angehörige im Iran hat, musste in diesem Moment befürchten, dass seine Familie bald Schikanen ausgesetzt sein würde.

Nach den umstrittenen Wahlen vom Juni 2009 kochte im Iran der Volkszorn. Als die Prozessionen am Aschura-Tag im Dezember 2009 in Protestkundgebungen gegen das Regime mündeten und die Demonstranten die Basidsch-Milizen auf offener Straße attackierten, hatte man den Eindruck, dass die eine Hälfte der Leute mit Steinen und die andere mit Handykameras bewaffnet war. Die Bilder von den Tumulten wurden via YouTube und Facebook in die ganze Welt hinausgetragen.2 Dass die Menschen sich bei der Straßenschlacht filmen ließen, deutete man damals als Zeichen dafür, dass die Tage der Theokratie im Iran gezählt seien.

Annabelle Sreberny, Professorin am neu gegründeten Centre for Iranian Studies in London, arbeitet an einem Buch über die iranische Bloggerszene. Die sozialen Netzwerke im Internet würden Iraner daheim und in der Diaspora vor allem zur „schnellen und weltweiten Verbreitung von politischen Inhalten“ nutzen, sagt sie. Nachdem die iranischen Behörden im Dezember 2009 den Studentenführer Madschid Tawakoli verhaftet hatten, legten sie ihm, um ihn zu demütigen, einen Hidschab an, das im Iran für Frauen obligatorische Kopftuch, und machten ein Foto von ihm, das sie in allen Zeitungen des Landes abdrucken ließen. Es dauerte keine Woche, und hunderte iranische Männer hatten sich selbst mit dem Hidschab fotografiert und die Bilder als Zeichen ihres Protests auf Facebook oder YouTube gestellt.3

In der neuen Protestbewegung spielen neben den Bildern auch Töne und Klänge eine wichtige Rolle: Nach den Wahlen hörte man nächtelang ein unheimliches Wehklagen in den Straßen von Teheran, das von den Balkonen und aus den Fenstern scholl: In die religiöse Formel „Allahu akbar“ („Gott ist größer“), die sie so lange riefen, bis ihre Stimmen heiser wurden, legten die Leute all ihre Wut, Entschlossenheit und Hoffnung und versicherten einander ihre Solidarität.4

Zum Ärger der Behörden wurde das traditionelle Liedgut, das schon früher Teil der Protestkultur war, wieder ausgegraben. Als ein Kleriker im Fernsehen auftrat, um die Musik als Quelle des Bösen zu verdammen und dabei innerhalb von wenigen Minuten zehnmal „Santur“ (eine Art Zither) zwischen seinen dünnen Lippen ausstieß, erinnerte das die Zuschauer nur daran, dass die Regierung 2007 den Film „Santouri“ von Dariush Mehrjui über einen angehenden Santurspieler aus völlig unbegreiflichen Gründen verboten hatte. Ajatollah Chamenei verkündete letztens sogar, dass das Erlernen eines Instruments den Prinzipien der Islamischen Republik widerspreche und reine Zeitverschwendung sei. Kein Wunder, dass sich junge Iraner wieder für klassische Musik interessieren, die noch vor wenigen Jahren nur die ältere Generation hörte.

Der Morgenvogel klagt die Tyrannen an

Unmittelbar vor der islamischen Revolution von 1979 kam es im Iran zu einer kurzen Renaissance traditioneller Musik. Durch die zunehmende Verwestlichung unter Schah Pahlevi, der seit 1941 als letzter Herrscher auf dem Pfauenthron saß, drohte die jahrhundertealte Tradition klassischer persischer Musik in Vergessenheit zu geraten. Als Zeichen ihres Protests veranstalteten kleine Musikgruppen aus linken und fortschrittlichen Kreisen Konzerte und nahmen Platten auf. Auf den Alben von Hossein Alizadeh, Sedigh Tarif und Mohammad Reza Shajarian finden sich mitreißende Lieder über den politischen Widerstand.

Kurz nach der Revolution wurden Alben und Lieder mit explizit politischem Inhalt verboten; schon der bloße Besitz einer Musikkassette konnte zur Verhaftung und einer Gefängnisstrafe führen. Sowohl im Iran wie in der Diaspora (deren Aktivitäten vom Regime genau beobachtet wurden) fanden praktisch keine öffentlichen Konzerte mehr statt. Shajarian, der Doyen der klassischen iranischen Musik, vermied eigentlich jede politische Äußerung. Doch als Präsident Mahmud Ahmadinedschad die Widerstandsbewegung als „Abschaum und Gesindel“ bezeichnete, gab Shajarian der BBC sofort ein Interview: „Meine Stimme diente immer dem ‚Abschaum und Gesindel‘, und so wird es auch bleiben. Ich werde dem staatlichen Rundfunk und Fernsehen nie erlauben, meine Stimme zu benutzen.“

Shajarian singt Lieder der Befreiung. Ein sehr schönes Stück, bei dem er von dem legendären Parviz Meshkatian5 auf dem Santur begleitet wird, ist in der „Tonart der Ungerechtigkeit“ (avaz-e bidad) komponiert, die einst zur musikalischen Kritik am König gehörte. Das Lied „Morgenvogel“ (morg-e sahar) klagt die Ungerechtigkeit der Tyrannen an6 , und das Freiheitsgedicht „Jalaluddin Rumi“ führte Shajarian jüngst in Los Angeles gemeinsam mit weiblichen Musikern auf.

Unter dem Arbeitstitel „Songs of Love and Liberation from Iran“ (Lieder der Liebe und Befreiung aus dem Iran) forscht an der Londoner School of Oriental and African Studies (Soas) gerade eine kleine Gruppe von Musikern, auch Iraner und Kurden sind dabei, über die iranische Volkskultur. Ende 2011 soll das Projekt abgeschlossen sein. Die Teilnehmer betrachten sich als Musikarchäologen. Sie nehmen mit Musikern und Sängern im Iran und in der iranischen und kurdischen Diaspora Kontakt auf, um ein Verzeichnis aller Lieder und Instrumentalstücke zu den Themen „Liebe und Befreiung“ zu erstellen.

Diese Lieder haben alle eine lange Geschichte. 1905, zur Zeit der Reformbewegung für die Einführung der konstitutionellen Monarchie, stand die klassische persische Musik noch überwiegend im Dienste des Hofes. Der Dichter und Musiker Aref Qazwini (1882 bis 1934) schrieb, dass die Liedkunst, als er mit der Komposition seiner Epen begann, damals so tief gesunken war, dass die Musiker sogar Stücke für die Katze des Königs verfassen mussten. Die konstitutionelle Bewegung wurde im Verlauf von drei Jahren, die als die „kleine Tyrannei“ in die Annalen der iranischen Geschichte eingingen, niedergeschlagen. Dieser Moment wurde zum Wendepunkt in der modernen persischen Musikgeschichte.

Qazwini, Revolutionär und Anhänger der damaligen Reformbewegung, verfasste drei Lieder über diese bittere Zeit. Besonders populär wurde das Stück „Vom Blut der Jugend unserer Heimat“ (Az khun-e javanan-e vatan), das er Haidar Khan Amu Oghli, einem der Begründer der Kommunistischen Partei Irans, widmete. Während der gesamten Herrschaft des Schahs und auch während der Iranischen Revolution war das Stück landesweit sehr beliebt. Der Sänger Shajarian hat es zweimal aufgenommen. Die Melodie folgt der Tradition der Frühlingslieder (bahariye) zum Neujahrsfest (nowruz). Der ursprüngliche Text erzählt vom Leiden der Bevölkerung und ruft zum Widerstand auf. Dieser Teil fiel jedoch der Zensur zum Opfer, weshalb alle überlieferten Tondokumente immer nur die erste Strophe enthalten. Die zensierten Stellen sollen nun nachträglich wieder eingefügt werden.

Das Soas-Projekt plant Tourneen, Workshops und Seminare. Die Auftritte sollen in Bild und Ton aufgenommen werden, um das verloren gegangene historische Repertoire im Internet zu dokumentieren. Am Ende soll es ein Archiv geben, in dem die kompletten Versionen aller vergessenen, untergegangenen oder durch die Zensur (und Selbstzensur) verstümmelten Lieder gesammelt sind, und die Gruppe will ein Songbook herausgeben. Für Musikwissenschaftler hat das Projekt Modellcharakter, das Diasporagemeinschaften einen sozialen Rückhalt geben kann.

In einem neuen Videoclip auf YouTube sieht man zwei Mädchen musizieren.7 Die Aufnahme ist in einer iranischen Provinzstadt entstanden. Eines der Mädchen trägt ein grünes Kopftuch und spielt auf einer Setar; das andere, es ist vielleicht acht oder neun Jahre alt, schlägt die Tombak und singt eine traditionelle Weise: „Vergesst eure Reue, o Trinker, öffnet die Schänken … trinket auf heimliche Art.“ Am Ende der Vorstellung applaudieren die umstehenden Erwachsenen – und stellen den Film bei Facebook ins Netz.

1 „Sar oomad zemeston“, YouTube, 22. Mai 2009. 2 „Demonstrators retaliate and attack the riot police and basij militia“, YouTube, 30. Dezember 2009. 3 „Tavakoli“, 12. Dezember 2009. 4 Die Aufnahmen tragen den gemeinsamen Titel „Poem for the Rooftops of Iran“. 5 „Bidad“, Ostad Shajarian auf 4shared.com. 6 „Marghe Sahar“, Auftritt beim Konzert für die Opfer des Erdbebens von Bam, 2003. 7 Siehe YouTube; im Iran beträgt die Strafe für den Konsum von Alkohol beim ersten Mal 80 Peitschenhiebe, beim dritten Mal droht die Hinrichtung. Aus dem Englischen von Robin Cackett Ed Emery organisiert Universitatis adversitatis, eine freie Universität im Internet. Das erste Konzert von „Songs of Love and Liberation“ fand am 5. November 2010 an der Soas in London statt. © Le Monde diplomatique, London

Le Monde diplomatique vom 10.12.2010,