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Der Staat als Maschine

Das Kybernetik-Experiment in Allendes Chile von Philippe Rivière

Ein Jahr bevor George Orwells politischer Science-Fiction-Roman „1984“ erschien, veröffentlichte der US-amerikanische Mathematiker Norbert Wiener 1948 seine Definition der Kybernetik: „Die Kontrolle und Kommunikation in Organismen und Maschinen.“1 John von Neumann und Oskar Morgenstern erklärten mit ihrer Spieltheorie wirtschaftliches Verhalten2 , und in Le Monde schwärmte der Dominikanermönch Pater Dubarle von den „faszinierenden Perspektiven einer rationalen Steuerung menschlicher Vorgänge“ und träumte „von einer Zeit, in der an die Stelle der heute so offensichtlichen Unvollkommenheit der Köpfe und herkömmlichen politischen Instrumente eine Regierungsmaschine tritt“.3

Wiener warnte hingegen davor, die menschliche Verantwortung an eine Maschine abzugeben – egal ob diese lernfähig sei oder nicht.4 Er lehnte die Mitarbeit an den Programmen des Verteidigungsministeriums zur Erforschung von Informatik und künstlicher Intelligenz ab und kritisierte die haltlosen Kampagnen des Kommunistenhassers Joseph McCarthy. Der Preis dafür war hoch: Wiener und seine Lehre von der Kybernetik wurden marginalisiert.5

Die britische Kybernetikschule war dagegen erfolgreicher. Deren Anhänger – Wissenschaftler, Psychologen und Mediziner – betrieben in ihrer Freizeit kybernetische Forschungen und Experimente: 1950 baute der Neurophysiologe Grey Walter in Bristol einen kleinen schildkrötenartigen Roboter, der sich an Hindernissen vorbei auf eine Lichtquelle zu bewegen konnte; der Psychiater und damalige Forschungsdirektor am Barnwood House Hospital in Gloucester, William Ross Ashby, entdeckte 1948 das Phänomen des homöostatischen Systems, das mit Hilfe von Regelkreisen für das innere Gleichgewicht von Organismen sorgt (zum Beispiel beim Blutkreislauf oder der Körpertemperatur). Mit ihren Untersuchungen über die Einflüsse stroboskopischer Lichteffekte auf das Gehirn, mit denen die Kybernetiker etwa neue Erkenntnisse über Epilepsie gewannen, inspirierten sie die Dichter der Beat-Generation und Musiker wie John Cage, Brian Eno oder Alvin Lucier, dessen „Music for Solo Performer“ (1965) per Elektroenzephalogramm entstand.

Das erste realpolitische Experiment mit einem maschinell gesteuerten Staatswesen ging aus der Begegnung des britischen Kybernetikers Stafford Beer6 mit dem demokratischen Sozialismus in Chile hervor: Am 12. November 1971 begab sich Beer in die Moneda, den Präsidentenpalast von Santiago de Chile, um Salvador Allende sein CyberSyn-Projekt vorzustellen.

Der Kybernetiker hatte sich bereits seit zwei Jahrzehnten mit einem „Modell lebensfähiger Systeme“ (Viable System Model, VSM) aus fünf Steuerungsebenen beschäftigt, das er sowohl auf Zellen und das Gehirn wie auf soziale und politische Organisationen anwandte. In Chile ergab sich nun die einmalige Gelegenheit, die Theorie in die Praxis umzusetzen. Eingeladen hatte Beer damals Fernando Flores, den technischen Direktor der „Corfo“, einer Dachgesellschaft der von der Allende-Regierung verstaatlichten Betriebe.

Der junge Ingenieur Flores7 wollte „auf nationaler Ebene – auf der kybernetisches Denken heute zu einer Notwendigkeit geworden ist – wissenschaftliche Verwaltungs- und Organisationstechniken“ einführen, wie er es in einem Einladungsschreiben an Beer formulierte. Um die vorprogrammierten Wirtschaftskrisen in Echtzeit bewältigen zu können, sollten nach der Vorstellung von Flores und Beer alle Fabriken und Betriebe des Landes durch ein Informationsnetz miteinander verbunden werden.

Der promovierte Arzt Allende war von der Idee begeistert und unterhielt sich stundenlang mit Beer, der später berichtete, dass es dem Präsidenten vor allem darum gegangen sei, die „dezentralisierenden und antibürokratischen“ Aspekte zu stärken und „die Mitbestimmung der Arbeiter“ zu fördern.8 Als er Allende die zentrale Schaltstelle seines Modells erläuterte, die nach seiner Vorstellung der Präsident besetzen sollte, rief dieser: „At last: el pueblo!“

Das aus Wissenschaftlern verschiedener Disziplinen zusammengesetzte CyberSyn-Team machte sich also an die Arbeit, sammelte unbenutzte Fernschreiber ein und verteilte sie an alle staatlichen Betriebe. Unter der Leitung des deutschen Designers Gui Bonsiepe entwickelte man den Prototyp eines „Opsrooms“ (Operationsroom), einen Kontrollraum wie im „Star Trek“-Universum, der aber nie realisiert wurde.

Ein Treffen im Präsidentenpalast

Per Telex- und Funkverbindungen wurden die Daten über Tagesproduktion, Arbeitskraft und Energieverbrauch durchs ganze Land geschickt und von einem der wenigen Computer, die es damals in Chile gab, einem IBM 360/50, täglich ausgewertet (als Indikator der „sozialen Malaise“ zählte unter anderem das Fernbleiben vom Arbeitsplatz). Sobald eine der Ziffern aus ihrer statistischen Marge herausfiel, wurde ein Alarm – in Beers Vokabular ein „algedonisches Signal“ – ausgesendet, der dem jeweiligen Betriebsleiter eine gewisse Zeit einräumte, um das Problem zu lösen, bevor es bei einer Wiederholung des Signals an die nächsthöhere Instanz gemeldet wurde.

Beer war davon überzeugt, dass dies „den chilenischen Unternehmen einerseits eine fast vollständige Kontrolle über ihre Aktivitäten verschaffte und andererseits den Eingriff von zentraler Stelle ermöglichte, wenn ein ernstes Problem auftrat …“9

Das CyberSyn-Projekt, war „zwar technisch anspruchsvoll“, schreibt die Informatikhistorikerin Eden Medina, „aber es war von Anfang an nicht nur ein technischer Versuch, die Wirtschaft zu regulieren. Aus der Sicht der Beteiligten konnte es dazu beitragen, Allendes sozialistische Revolution voranzutreiben. […] Die Konflikte um die Konzeption und Entwicklung von CyberSyn spiegelten gleichzeitig den Kampf zwischen Zentralisierung und Dezentralisierung wider, der Allendes Traum vom demokratischen Sozialismus störte.“

Am 21. März 1972 produzierte der Computer seinen ersten Bericht. Bereits im Oktober hatte das System angesichts der von Opposition und berufsständischen Interessenverbänden („gremios“) organisierten Streiks seine erste Prüfung zu bestehen. Das CyberSyn-Team bildete einen Krisenstab, um die 2 000 täglich aus dem ganzen Land eintreffenden Fernschreiben auszuwerten. Anhand dieser Daten ermittelte die Regierung, wie man die Situation in den Griff bekommen könnte. Daraufhin organisierte man 200 loyale Lastwagenfahrer (gegenüber rund 40 000 streikenden), die den Transport aller lebenswichtigen Güter sicherstellten – und überwand die Krise.

Das CyberSyn-Team gewann an Ansehen, Flores wurde zum Wirtschaftsminister ernannt, und in London titelte der British Observer am 7. Januar 1973: „Chile run by Computer“. Noch am 8. September 1973 veranlasste der Präsident, den Zentralrechner, der bis dahin in den verlassenen Räumen der Reader’s-Digest-Redaktion gestanden hatte, in die Moneda zu verlegen. Nur drei Tage später bombardierten die Jagdflugzeuge der Armee den Präsidentenpalast, und Salvador Allende nahm sich das Leben.10

Der Wissenschaftshistoriker Andrew Pickering meint, die Kybernetik sei eine ungeliebte, weil unverstandene Disziplin. So werde sie mal als „militaristische Wissenschaft“ bezeichnet, mal „mit der Automatisierung der Nachkriegszeit assoziiert“. Dabei sei sie eigentlich – im Sinne von Deleuze – eher eine „nomadische“ als eine etablierte „königliche Wissenschaft“11 .

Als Theorie widersetze sich die Kybernetik dem modernen Denken, meint Pickering. Jedenfalls insofern, als die Moderne jedes System in seine Elemente zerlegt, um zu begreifen, wie es funktioniert, und es daraufhin nachbilden zu können. Die kybernetische Analyse beruhe dagegen auf einer „nichtmodernen Ontologie“, die sich für „das performative Handeln als solches interessiert und nicht für blasse Nachbildungen“.

Die Immobilienblase als positive Rückkopplung

Der Mensch, das Gehirn, der Computer, das Tier oder das Unternehmen sind keine Apparate, um sich die Welt vorzustellen, sondern lernende Wesen, die auf ihre Umwelt einwirken können. Wo die „künstliche Intelligenz“ durch einen ausgeklügelten Algorithmus gelenkt wird, operiert der kybernetische Apparat mittels Sensoren und kann durch Rückkopplungseffekte (Feedback) auf seine Umwelt reagieren.

„Die Kybernetiker und vor allem Stafford Beer“, schreibt Pickering, „haben sich stets gegen die moralische und politische Verurteilung ihrer Wissenschaft gewehrt.“ Der Begriff der Kontrolle könne zum Beispiel auch noch eine andere Bedeutung haben. Gemeinhin verstehe man darunter zwar im negativen Sinne „Herrschaft, die Menschen zu Automaten macht“, doch meine „der kybernetische Begriff von Kontrolle etwas ganz anderes. Genauso wie man die Psychiatrie Ronald Laings gelegentlich als Antipsychiatrie bezeichnet, wären auch die britischen Kybernetiker gut beraten gewesen, wenn sie sich als Fachleute für Antikontrolle bezeichnet hätten“ – als Spezialisten für eine Kritik der Macht, die sich nicht damit zufriedengibt, nur kritisch zu sein, sondern auch Gegenmachttechniken entwickelt.

In den kommunistischen Systemen, in denen die Kybernetik ab den 1950er Jahren aufgegriffen wurde (losgelöst von ihrer westlichen und lateinamerikanischen Geschichte) war sie Gegenstand ganz anderer Kontroversen. So tauchte zum Beispiel die Frage auf, ob „die Kybernetik die DDR hätte ‚retten‘ können“.12

Brauchen wir die Kybernetik heute noch? Ein Beispiel, das dafür spräche, ist die in der Kybernetik vorgenommene Unterscheidung zwischen positiven und negativen Rückkopplungseffekten. Verstärkt die Reaktion des Systems die Wirkung der sie auslösenden Information, führt dies zu einer Fehlentwicklung, die man umgangssprachlich je nachdem als „Blase“ oder als „Teufelskreis“ bezeichnet. Von einer negativen Rückkopplung sprechen Kybernetiker dagegen, wenn sich das System stabilisiert, indem es sich diesem scheinbaren Automatismus widersetzt und nach intelligenten Lösungen innerhalb einer sich verändernden Umwelt sucht.

Die Europa heute erschütternde Wirtschaftskrise ist dafür ein hervorragendes Beispiel: Wenn ein Land von den Ratingagenturen abgewertet wird, kürzt es die öffentlichen Ausgaben. Das führt zwangsläufig zu einem Abflauen der Konjunktur, so dass es von den Agenturen noch weiter abgewertet wird. Dagegen ist die sogenannte antizyklische Politik, die den Staat bei abflauender Konjunktur zu Investitionen veranlasst, das Beispiel für einen negativen Feedback mit Stabilisierungseffekten.

Fußnoten: 1 Norbert Wiener, „Cybernetics: or Control and Communication in the Animal and the Machine“, Boston (MIT) 1948. 2 Der vielseitige Mathematiker John von Neumann (1903 bis 1957) war außerdem an zahlreichen Programmen der US-Armee beteiligt und unter anderem Mitglied im Target Committee, das über den Einsatz von Atombomben beriet; vgl. das Protokoll vom 10./11.Mai 1945 unter www.dannen.com/decision/targets.html. 3 Dominique Dubarle, „Une nouvelle science: la cybernétique – Vers la machine à gouverner?“, Le Monde, 28. Dezember 1948. 4 Siehe Norbert Wiener, „The Human Use of Human Beings: Cybernetics and Society“, Boston (Houghton Mifflin) 1950. 5 Guy Lacroix, „Cybernétique et Société: Norbert Wiener ou les déboires d’une pensée subversive“, Terminal, Nr. 61, Herbst 1993. 6 Stafford Beers einflussreichstes Buch war „Cybernetics and Management“ von 1959 (Deutsch: „Kybernetik und Management“, Frankfurt am Main 1967). 7 Nach dem Pinochet-Putsch wurde Flores für drei Jahre in ein Lager verschleppt und gefoltert. Danach emigrierte er mit seiner Familie in die Vereinigten Staaten und machte als Informatiker Karriere. Später kehrte er nach Chile zurück, war zwischen 2001 und 2009 Senator für die Regionen Arica-Parinacota und Tarapacá. Heute ist er Berater von Präsident Sebastián Piñera. 8 Eden Medina, „Designing Freedom, Regulating a Nation. Socialist Cybernetics in Allende’s Chile“, Journal of Latin American Studies, Nr. 38, Cambridge 2006. 9 Medina, siehe Anmerkung 8. 10 Siehe Tomás Moulián, „Genosse Präsident. Ein Nachruf auf Salvador Allende“, Le Monde diplomatique, September 2003. 11 Andrew Pickering, „The Cybernetic Brain“, Chicago (Chicago University Press) 2010. 12 Zur Kybernetik in den ehemaligen Ostblockstaaten siehe Jérôme Segal, „L’introduction de la cybernétique en RDA. Rencontres avec l’idéologie marxiste“, in: Dieter Hoffmann u. a. (Hg.), „Science, Technology and Political Change“, Turnhout, Belgien (Brepols) 1999.

Aus dem Französischen von Thomas Laugstien

Le Monde diplomatique vom 12.11.2010,