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Trotz Internet und Popkultur

Die Islamisierung der arabischen Gesellschaften schreitet voran von Hicham Ben Abdallah El Alaoui

Gesetze sind nicht so mächtig wie Ideologien. Gesetze können Frauen verpflichten, in der Öffentlichkeit eine Burka zu tragen oder es ihnen verbieten. Für Ideologien hingegen gehen die Leute – freiwillig und mehr oder weniger militant – auf die Straße, um Gesetzesänderungen zu erzwingen. Das Reich der Diskurse, in denen sich die Ideologien herausbilden, ist die Kultur.

Unter islamischen Rechtsgelehrten („Ulema“) besteht seit jeher ein gewisser Argwohn gegenüber modernen kulturellen Erzeugnissen und Ausdrucksformen. Denn sie eröffnen Räume, in denen Menschen ein von der Religion unabhängiges Verständnis von ihrem Leben und ihrer Welt entwickeln können. Zum größten Teil allerdings lief künstlerisches und kulturelles Schaffen – was auch immer die Ulema gesagt haben – auf einer tolerierten gesellschaftlichen Parallelschiene, obwohl beispielsweise moderne Kunst und Malerei ziemlich verwestlicht waren und vorwiegend in westlich orientierten bürgerlichen Kreisen Anklang fanden.

Für das theologische Denken, das dieser vorsichtigen Toleranz zugrunde lag, umfasst der Islam mehr als die Scharia und lässt auch eine pluralistische Gesellschaft zu, in der sich die Kultur neben der Religion entwickelt. Demnach lässt sich sogar das profane – und die Grenzen der Schicklichkeit manchmal überschreitende – literarische und künstlerische Schaffen in Dichtung, Kalligrafie, Bildhauerei und Musik als legitime Fortsetzung der Religion begreifen.

Tatsächlich verdankt der Islam seine Größe nicht zuletzt seiner Fähigkeit, eine Vielzahl kultureller Einflüsse aufzugreifen und sich anzueignen. Die muslimische Welt schützte die großen Traditionen klassischer Literatur und Philosophie, studierte sie und entwickelte sie weiter. Hier wurden keine Bücher verbrannt, sondern Bibliotheken gebaut. Und es gab eine Zeit, da wurden in ihnen die Gründungsdokumente der abendländischen Zivilisation verwahrt: Die muslimische Welt wusste, dass sie in Wahrheit zum geistigen Erbe der Menschheit gehören.

Mit dem Erstarken islamistischer Bewegungen etablierten sich jedoch neue religiöse Normen, die häufig als „salafistisch“ bezeichnet werden, weil sie auf einer eng ausgelegten „Rückkehr“ zu einem ursprünglichen und reinen Glauben beruhen. Diese Normen sind zu einer inoffiziellen Moral geworden, die zwar nur selten mit rechtlichen oder administrativen Maßnahmen durchgesetzt wird, darum aber nicht weniger einflussreich ist. Ihre Bedeutung verdankt sich nicht der Macht eines Regimes, sondern der Tatsache, dass der strenge Islam inzwischen ein wesentlicher Bestandteil der arabischen Identität ist – er ist zur Manifestation des Widerstands gegen Verwestlichung und Neokolonialismus geworden.

In früheren Jahrzehnten konnte der arabische Nationalismus eine derart anmaßende Religiosität noch abwehren. Heute halten sich die säkularen Stimmen lieber bedeckt. Sie legen sich eigenhändig einen Maulkorb an, weil sie sich von den Religiös-Konservativen oder den Machthabern nicht vorwerfen lassen wollen, sie höhlten die arabische Authentizität und Unabhängigkeit, ja den arabischen Nationalismus aus.

Picknick ist streng verboten

Ein Beispiel dafür haben wir letztes Jahr erlebt, als ein paar junge Marokkaner während des Ramadans in einem öffentlichen Park ein Picknick machten. Die religiösen Kreise reagierten erwartungsgemäß empört. Aber auch in der USFP, der sozialdemokratischen Partei Marokkos, forderte man die Bestrafung der Fastenbrecher. Der „linke“ Kniefall vor einer religiösen Norm verbarg sich hinter nationalistischen Begriffen, von einem Affront gegen die marokkanische Nationalkultur war die Rede. Am Ende stellte die Regierung die jungen Leute unter Anklage – und machte dafür in nie da gewesener Weise den offensichtlich säkularen Vorwurf der Störung der „öffentlichen Ordnung“ geltend.

Der öffentliche Raum steht also zunehmend unter der Herrschaft einer Norm, die auf strengen Regeln sowie allerlei Verboten beruht. Dabei verengt sich der Islam auf seine salafistische Glaubensrichtung und erzeugt einen normativen Kontext, in dem die Gläubigen alles Kulturelle nicht mehr nur als weltlich wahrnehmen, sondern als heidnisch ablehnen. In einem auf die Scharia reduzierten Islam hat die Kultur schließlich keinen Platz mehr, die Verbindungswege zwischen den geheiligten Räumen der Religion und den säkularen Diskursen werden abgeschnitten.

Die Salafisierung schreitet weiter voran, obwohl die Bevölkerung in den arabischen Ländern über Fernsehen, Internet und Bücher nichtreligiöse Kultur rezipiert. Wer diese Flut an Bildern und Werken nur als „ausländisch“ anprangert, negiert die Kreativität und den Einfallsreichtum, mit dem sich die arabische Welt das gesamte zeitgenössische Kulturschaffen anverwandelt hat.

Während sich die Eliten inzwischen gern als Mäzene für moderne Kunst hervortun – und dabei mit westlichen Stiftungen und Geldgebern aus den Golfstaaten konkurrieren –, kommt die breite Bevölkerung an den Massenprodukten der westlichen Unterhaltungsindustrie kaum noch vorbei. Daneben setzen sich aber auch lokale Medien und kulturelle Angebote immer mehr durch – von Nachrichtensendern wie al-Dschasira und al-Arabija bis hin zu den beliebten Seifenopern, Ratgebern und Musikvideos im Internet. Letztlich entsteht da ein großer kultureller Einheitsbrei, samt zugehöriger „Festivalkultur“, in der arabische Unternehmen, Veranstalter und Mittelsmänner kräftig mitmischen und die sich über die Glaubensgrenzen hinwegsetzt. So treten beispielsweise beim traditionellen Festival der sakralen Musik in Fes regelmäßig auch amerikanische Gospelmusiker auf. Bei all dem spielen religiöse Inhalte meist gar keine Rolle. Vielmehr handelt es sich um eine globalisierte und durchweg säkulare Popkultur.

Obwohl der politische Islam an Einfluss gewinnt, sind die diversen Versuche, Kunst und Kultur in der arabischen Welt zu islamisieren, weitgehend wirkungslos geblieben. Unsere Künstler, Autoren und Intellektuelle stecken in einer Zwickmühle zwischen dem Modernisierungsdruck, der von der globalen Kultur ausgeht, und den religiösen Normen in ihrer Gesellschaft – und nehmen vorsichtshalber für sich in Anspruch, „muslimisch“ zu sein, obwohl ihre Werke nichts mit Religion zu tun haben und womöglich sogar die Säkularisierung der arabischen Gesellschaften vorantreiben. „Muslimisch“ beantwortet für sie eher die Frage nach ihrer Herkunft, unabhängig davon, ob sie die Religion auch praktizieren.

Wir erleben in der arabischen und muslimischen Welt eine Art Schizophrenie: Während man in privaten als auch in den sorgfältig abgeteilten halböffentlichen Räumen nichtreligiöse Unterhaltungskultur konsumiert, verhält man sich in der Öffentlichkeit ganz anders, geht zum Beispiel nicht ins Kino und zelebriert zuweilen sogar noch durch Moscheebesuche, lange Bärte und Schleier die Zugehörigkeit zur islamischen Religion. Beides besteht nebeneinander, doch im öffentlichen Raum behauptet sich erkennbar die religiöse Norm. Der Säkularisierungsprozess darf weder anerkannt noch begrüßt werden.

Bis weit ins 20. Jahrhundert war es mehr oder weniger selbstverständlich, dass verwestlichte Eliten sich mit nichtreligiöser Kultur umgeben konnten, während Normalsterbliche sich an den islamisch geprägten Traditionen orientierten. Diese Kluft zwischen der Elite und der Bevölkerungsmehrheit spielt auch heute noch eine Rolle. Aber im Lauf der letzten Jahrzehnte haben Erziehung, Bildung und die boomenden Kommunikationstechnologien tiefgreifende Veränderungen nach sich gezogen. Heute haben auch die breiten Schichten Zugang zu anderen Sprachen und Kulturen.

Arabische Jugendliche lesen Romane von internationalen Autoren, sehen Kino- und Videofilme, hören in vielerlei Sprachen Musik und verfolgen oder schreiben selbst Blogs. Sie sind nicht nur Konsumenten der modernen Kultur, sondern beherrschen auch die entsprechenden Kulturtechniken und bringen ihre eigenen Texte, Videos und Songs in Umlauf, die sprachliche und kulturelle Einflüsse aus dem Osten, Norden, Süden und natürlich dem Westen aufgreifen.

Diese Diversifizierung der Massenkultur führt freilich nicht automatisch zu einem Säkularisierungs- oder Demokratisierungsprozess. Dieselbe Person kann am einen Tag einen Liebesroman oder ein Buch über Astrologie lesen und am nächsten eine religiöse Abhandlung, die sie womöglich im selben Buchladen gekauft hat, derselbe Mensch guckt vielleicht beim Mittagessen den islamischen Fernsehkanal Iqraa TV und nach dem Abendessen Clips auf dem arabischen Musiksender Rotana.

Auch die Salafisten nutzen inzwischen natürlich das Internet für ihre Zwecke. Für sie kommt es darauf an, dass die Leute den Konsum von profaner Massenkultur als Zerstreuung erleben – als etwas, das nicht ganz respektabel ist und bestimmt nicht zu gesellschaftlichen oder politischen Veränderungen führen wird. Alle sollen ihren Respekt vor den salafistischen Normen bekunden, auch wenn sie sich in ihrem Privatleben nicht an sie halten. Tatsächlich stärken die tagtäglichen privaten Verstöße gegen die Vorschriften des Korans nur die Herrschaft des Glaubens im öffentlichen Raum. Dabei entsteht eine ideologische „soft power“, die sehr viel wirkungsvoller ist als jede bürokratisch durchgesetzte Zensur.

Romane sind besonders verdächtig

Diese Schizophrenie zeigt sich auch in der Haltung zum Fundament der islamischen Kultur: der Sprache. Die Ulema haben über Jahrhunderte das geschriebene Werk der Religionsgelehrten als den erhabensten Ausdruck des menschlichen Geistes gefeiert. In der heutigen Literatur hingegen kommen arabische Texte nur noch am Rande vor. Arabische Intellektuelle schreiben nicht mehr in der Sprache, die ihr Volk spricht. In diesem Punkt sind sich panarabischer Nationalismus und Islamismus einig: Beide beharren darauf, dass arabische Literatur nur im klassischen Hocharabisch, der Sprache des Korans („fusha“), verfasst sein kann.

Für die Panarabisten hält Fusha die arabische Nation zusammen, für die Islamisten verbindet sie die Umma, die Weltgemeinschaft aller Muslime. Damit leugnet man allerdings die himmelweiten Unterschiede zwischen Fusha, das fast nur in den Religionsschulen gesprochen wird, und der Alltagssprache, ja sogar dem modernen Standardarabisch, das in den Medien, akademischen Diskursen und auch der Unterhaltungsliteratur gebräuchlich ist. Der zeitgenössische Roman macht sich damit besonders verdächtig, denn er ist nicht nur relativ unabhängig von der Religion, sondern erfindet auch die arabische Sprache neu und trägt sie weit über die Grenzen des Fusha hinaus.

Ähnliche Schwierigkeiten gibt es auch in Fragen der Rechtsprechung. Jeder arabische Staat macht seine eigenen Gesetze – die meisten übernehmen dabei auch moderne Rechtsstaatsprinzipien –, aber alle berufen sich mehr oder weniger ausdrücklich auf die Scharia. Trotzdem gibt es in der Praxis auch Entscheidungen in den Gerichten und Verwaltungsbehörden, die nicht unbedingt vom islamischen Recht abgeleitet sind.

Indem die autoritären arabischen Staaten die Salafisierung zulassen – vom Verschleierungsgebot bis hin zur Schließung von Kinos –, erneuern sie zugleich ihr Bündnis mit den mächtigen Gelehrten und Wächtern des Islam. Diese haben folglich eher ein Interesse, sich um die Gunst des jeweiligen Regimes zu bemühen, als es zu bekehren. Die „gemäßigten“ Islamisten, die mit Unterstützung religiöser Ideologen die Frömmigkeit in den lokalen Gemeinschaften kontrollieren, kann der Staat durchaus tolerieren. Und um in den Augen der Moderaten und westlicher Beobachter als Bollwerk gegen eine vollständige Islamisierung zu gelten, braucht der Staat nur ab und zu gegen die empörendsten Scharia-Strafen vorzugehen und zum Beispiel die Steinigung vergewaltigter Frauen zu verbieten.

Gleichzeitig kommt es oft zu Situationen, in denen reformorientierte Intellektuelle in Konflikten mit den Ulema oder den Fundamentalisten den Schutz des autoritären Staats in Anspruch nehmen, weshalb sie hinterher meinen, ihn verteidigen zu müssen. Verglichen mit dem Islamismus scheint eine noch so autoritäre Regierung das kleinere Übel zu sein, weil sie wenigstens einzelne Freiräume kultureller Autonomie schützt und zugleich eine vage Hoffnung auf eine künftige Liberalisierung zulässt. So haben sich zum Beispiel in den 1990er Jahren viele liberale Intellektuelle, wenn auch widerstrebend, auf die Seite des algerischen Staats gestellt, als der mit großer Härte gegen die Islamisten vorging. Und vor kurzem wurde in Ägypten der reformorientierte Schriftsteller Sayyed al-Qimni vom Staat beschützt, nachdem eine Fatwa gegen ihn ergangen war.

Die arabischen Staaten treffen – auch wenn sie das nicht gern zugeben – bisweilen Stillhaltevereinbarungen mit islamischen Bewegungen, die ihnen nicht ganz so bedrohlich erscheinen wie die Muslimbruderschaft. Manchmal erhalten solche Gruppen sogar den Status einer stabilen Minderheit im Parlament als Teil der tolerierten Opposition. Dadurch kann das Regime nur umso schärfer gegen militante Islamisten vorgehen, die die Staatsmacht unterhöhlen.

Angesichts dieses prekären Gleichgewichts zwischen den sozialen Akteuren können die Mächtigen ihre repressive Politik unbehelligt fortsetzen. Sie können brutal und zugleich zielgenau vorgehen, während sich die undemokratische salafistische Norm weiter festigt.

Das Ergebnis ist ein tatsächlicher oder virtueller „Braindrain“: Viele arabische Künstler und Intellektuelle leben und arbeiten außerhalb ihrer Heimat, wollen von vornherein nicht das arabische, sondern ein internationales Publikum erreichen und treten nicht als Ägypter oder Tunesier auf, sondern bezeichnen sich als „arabisch“ oder „muslimisch“. Damit beanspruchen sie eine Identität, die in ihren Grundzügen dem Salafismus sehr nahesteht.

Derzeit trägt zwar das Internet dazu bei, dass Proteste gegen Willkür und Machtmissbrauch viele Mitstreiter finden und eine größere Wirkung entfalten können, aber damit entsteht, wie wir in Ägypten und im Iran erlebt haben, noch kein politisches Bewusstsein. Hinzu kommt, dass die Salafisten mit den technischen Erfindungen der Moderne kein Problem haben – was daran liegen mag, dass sie zwischen dem ehrenwerten „Denker“ („mufakir“) und dem geächteten „Intellektuellen“ („muthakkaf“) unterscheiden.

Der ägyptische Autor Sonallah Ibrahim beispielsweise oder die legendäre marokkanische Musikgruppe Nas El Ghiwan gehörten einst zur Avantgarde innerhalb einer reformerischen Bewegung. Heutige Künstler und Intellektuelle teilen vielleicht moderne Vorstellungen über Kultur und Gesellschaft, aber einer Protestbewegung würden sie sich deshalb noch lange nicht anschließen. Sie sind eher wie „Höflinge“, die in geschützten Räumen operieren. Dabei hätten künstlerisches und intellektuelles Schaffen zur Demokratisierung in der arabischen Welt viel beizutragen – wenn es gelänge, das salafistische Paradigma auf seinem angestammten Terrain anzugreifen und eine überzeugende Alternative anzubieten.

Aus dem Englischen von Barbara Schaden Hicham Ben Abdallah El Alaoui ist Wissenschaftler am Freeman Spogli Institute for International Studies an der Stanford University in Kalifornien und Beiratsmitglied von Human Rights Watch.

Le Monde diplomatique vom 10.09.2010,