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Stadt, Land, Widerstand

Die Bilder von den jüngsten Massenprotesten im Iran erinnern zwar an die Revolution von 1979. Allerdings hat sich das Land in den letzten dreißig Jahren stark verändert, insbesondere die Urbanisierung hat sich beschleunigt. Heute lebt die große Mehrheit der Iraner in den Städten. Der Anteil der städtischen Bevölkerung, der 1979 bei weniger als 50 Prozent lag und vor acht Jahren noch 65 Prozent betrug, ist inzwischen auf mehr als 70 Prozent gestiegen.1

Parallel dazu haben sich sich auch die ländlichen Gebiete entwickelt, etwa durch den Ausbau des Straßennetzes sowie durch Verbesserungen der Strom- und Wasserversorgung während der ersten Jahren der Revolution. Die Lebensweisen zwischen Stadt und Land haben sich angenähert. Krankenversorgung, Bildung, ja sogar Hochschulbildung sind nicht mehr Privileg der Städter, sondern auch für die ländliche Bevölkerung zugänglich.

Im Zuge diese Prozesses ging die Analphabetenrate enorm zurück und die Hochschulabschlüsse nahmen zu: Vor der Revolution waren mehr als die Hälfte der Iraner Analphabeten, heute sind es weniger als 15 Prozent. Der Anteil der Frauen, die lesen und schreiben können, hat sich mehr als verdoppelt (von 36 auf über 74 Prozent, in den Städten auf 82 Prozent). Dreißig Jahre nach der Revolution ist die Zahl der Studierenden um das Siebeneinhalbfache gestiegen (von 160 000 auf 1,2 Millionen), der Anteil der Studentinnen von 38 auf 65 Prozent.2

Gleichzeitig erlebte der Iran eine demografische Revolution: 1979 hatte das Land 30 Millionen Einwohner, heute sind es 70 Millionen. Mehr als die Hälfte von ihnen ist jünger 25 Jahre. Die Mehrheit der Iranerinnen und Iraner ist also nach der Revolution geboren. Der demografische Wandel ist abgeschlossen: 1979 bekam eine Frau im Durchschnitt sechs Kinder, heute sind es zwei.

So paradox es klingen mag: Unter der islamischen Herrschaft sind die Hindernisse für die Schuldbildung der Mädchen beseitigt worden. Trotz des Boykotts der Traditionalisten haben sich Fernsehen und Kino in den Familien durchgesetzt, die Zahl der national und international bekannten iranischen Schriftstellerinnen hat sich vervielfacht.3

Mit dem städtischen Leben entstanden allerdings neue Bedürfnisse, die die Regierung nicht befriedigen konnte. Die Arbeitslosenquote bei den Menschen unter 25 lag 2005 bei 29 Prozent, für junge Frauen sogar bei 39 Prozent. Auch die Beschränkungen der bürgerlichen und politischen Freiheitsrechte und das Fehlen beruflicher Perspektiven haben dazu geführt, dass im Lauf dieser Jahre sehr viele Studenten und Hochschulabsolventen ins Ausland abgewandert sind. Laut IWF-Angaben leben allein in den USA 250 000 iranische Ingenieure und Ärzte sowie 170 000 sonstige Hochschulabsolventen.

Die in der zweiten Amtszeit von Präsident Rafsandschani durchgeführten neoliberalen Reformen haben dem Profitstreben zum Durchbruch verholfen und die Revolutionsslogans für soziale Gerechtigkeit verstummen lassen. Dank der Liberalisierung konnten Händler und Geschäftsleute ihren Einfluss verstärken, der Markt für Importprodukte wuchs, und die Konsumneigung insbesondere von jungen Leuten aus der Mittel- und Oberschicht nahm zu. Die einheimische Industrie konnte der Konkurrenz der Importprodukte nicht standhalten, an denen in vielen Fällen staatlich protegierte Spekulanten mitverdienen.

Dreißig Jahre nach der Revolution ist der Rahmen, den die Machthabenden der iranischen Gesellschaft vorgeben, zu eng geworden. Vom anfänglichen Elan ist nichts mehr zu spüren, das Regime setzt sich über die sozialen und kulturellen Bedürfnisse der Bevölkerung hinweg und verkennt die Hoffnungen der Jugend. Die aktuelle Revolte zeugt vom Wunsch, die aufgezwungenen Grenzen zu verschieben.

Shervin Ahmadi

Fußnoten: 1 N. Pur Afkari und S. Kalantari, Professoren für Sozialwissenschaften an der Universität von Isfahan, „Fortschritte der Urbanisierung im Iran“, offizielle Website des Amts für Statistik im Iran: www.nocrir.com. 2 Website der Stiftung für Forschung und Planung der Hochschulbildung, Ministerium für nationale Bildung des Iran: www.irphe.ir. 3 Bijan Baran, „Modernismus und Frauenliteratur“, 9. Dezember 2009, Website der Zeitung Kar. www.kar-online.com/wp/?p=9487.

Aus dem Französischen von Claudia Steinitz

Shervin Ahmadi leitet die Ausgabe von Le Monde diplomatique in Farsi.

Le Monde diplomatique vom 12.02.2010,