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Plantagen am Rokel River

Nennen wir sie Theresa Kargbo. Sie arbeitet als Beraterin von Kleinbauern in 25 Dörfern im Innern von Sierra Leone. Die Leute hier bauen Reis, Maniok und Gemüse an, ihr Saatgut gewinnen sie aus eigener Ernte. Theresa geht über die Felder und begrüßt die Mitglieder ihrer Beratungsgruppen. Adama pflanzt gerade Maniok an, sie hat ihren gelähmten Mann zu versorgen und zahlt das Schuldgeld für ihre drei Kinder aus dem Ertrag ihrer Ernte. Charles kommt in der Hitze des Spätnachmittags von seinen Feldern zurück. Auch er kann von den Erträgen seines bescheidenen Grundbesitzes seine drei Kinder ernähren und zur Schule schicken.

Theresa befürchtet allerdings, dass Adama und Charles ihre Felder nächstes Jahr nicht mehr bestellen können – zumindest nicht auf die gewohnte Weise. Das Leben in der Region wird sich verändern, für immer. Die Schweizer Firma Addax Bioenergy1 hat einen Pachtvertrag für 15 500 Hektar Land abgeschlossen. Dort will sie Zuckerrohr anbauen, um Ethanol zu produzieren und nach Europa zu exportieren. Das Projekt ist nach Auskunft seines Managers Andrew Turay auf hundert Jahre angelegt. Addax Bioenergy ist ein Tochterunternehmen der Addax & Oryx. An deren Spitze steht der Schweizer Finanz- und Ölmagnat Jean-Claude Gandur, auf der Forbes-Liste der reichsten Menschen dieser Erde belegt er Platz 701.

Die 200 Millionen Euro, die das Ethanol-Projekt kostet, finanziert Addax Bioenergy mithilfe der Europäischen Entwicklungsbank und der African Development Bank. In Sierra Leone genießt das Unternehmen die Unterstützung von Präsident Ernest Bai Koroma und dessen Sonderberater für die Privatwirtschaft, Oluniyi Robbin-Coker. Sierra Leone liegt auf dem Index der menschlichen Entwicklung der UN (Human Development Index, HDI) an drittletzter Stelle. Nach elf Jahren Bürgerkrieg, der erst 2002 zu Ende ging, müht sich das Land immer noch, seine Ernährungsautonomie zurückzuerlangen.

Oluniyi Robbin-Coker bezeichnet das Ethanol-Projekt als „Flaggschiff“ der landwirtschaftlichen Investitionspolitik von Sierra Leone. Er rechnet damit, dass Addax dafür insgesamt 40 000 Hektar Land benötigt. Derzeit werden drei weitere Pachtverträge für Ölpalmplantagen ausgehandelt.

Addax musste für sein Projekt ein sogenanntes Environmental, Social and Health Impact Assessment (ESHIA) vorlegen. In dem Gutachten wird dem Pachtland eine „degradierte“ Qualität bescheinigt. „Das ist glatt gelogen“, sagt Theresa Kargbo. „Unser Boden ist sehr fruchtbar, unsere Pflanzen wachsen ohne Düngemittel. Das ist hier alles Bioreis.“ Die Frauen, die in der Gegend das Land bewirtschaften, sind zu den Addax-Plänen nicht befragt worden. Viele Leute sind beunruhigt, trauen sich aber nicht, gegen ein Projekt zu protestieren, das von Spitzenpolitikern unterstützt wird. Der junge Ibrahim dagegen macht sich keine Sorgen; er hofft auf einen Job bei Addax, nachdem er gehört hat, „dass die Firma, die Weißen, uns helfen wollen“.

Aus dem ESHIA-Gutachten geht hervor, dass bei dem Maniok-Projekt die Herbizide mit mobilen Sprühanlagen aufgebracht werden. Auf der Plantage sollen Fungizide, Pestizide, das Herbizid Glyphosat und Düngemittel sowie schwere Landmaschinen und Lkws zum Einsatz kommen. Die einheimischen Bauern wissen davon noch nichts. Mohamed will erst einmal abwarten, ob die Chemikalien wirklich gefährlich sind. Außerdem hat er gehört, dass die Firma den Bauern erlauben werde, auf den feuchteren Flächen des Pachtgebiets neben dem Maniok auch Reis für den Eigenbedarf anzubauen.

Adama und vielen andern ist auch nicht klar, dass sie ihre Maniok- und Paprika-Felder in den höhergelegenen Gebieten verlieren werden. Dort will Addax Zuckerrohr anbauen, bewässert aus dem nahe gelegenen Rokel River, der zu den größten Flüssen von Sierra Leone gehört. Dem ESHIA-Gutachten ist nicht zu entnehmen, wie viel Wasser abgezapft und welche Menge Abwässer in den Fluss zurückgeleitet werden soll.

Der Parlamentsabgeordnete Martin Bangura bezeichnet sich als „Champion“ des Projekts. Animiert wurde er zu dieser Rolle von Vincent Kanu, dem früheren Chef der staatlichen Ölgesellschaft von Sierra Leone, der als Partner bei Addax Bioenergy eingestiegen ist. Bangura erzählt, dass er manchmal zwei oder drei Tage pro Woche über die Dörfer fährt, „um bei den Leuten Vertrauen für das Projekt aufzubauen“. Schließlich werde es 4 000 Arbeitsplätze bringen. Laut ESHIA-Gutachten sollen es allerdings gerade einmal 2 200 feste Jobs sein, der Rest seien Saisonarbeiter.

Bis jetzt hat Addax für seine Pflanzschulen am Ufer des Rokel River lediglich 50 Männer angestellt. Einer von ihnen ist der lokale Chief, der den Pachtvertrag unterschrieben hat. Die Männer erhalten einen Tageslohn von 10 000 Leones, umgerechnet rund zwei US-Dollar. Einige bekommen Zuschläge für gesundheitsgefährdende Arbeiten, womit sich ihr Monatseinkommen auf 400 000 Leones oder 80 Dollar erhöht.

Als Pachtgebühr zahlt Addax die von der Regierung festgesetzten 5 Dollar pro Hektar und Jahr. Das Geld wird zwischen den lokalen und regionalen Räten, der Zentralregierung und den Grundbesitzern aufgeteilt. Nach Auskunft von Oluniyi Robbin-Coker, der im Auftrag der Regierung das Memorandum of Understanding mit Addax Bioenergy ausgehandelt hat, genießt die Schweizer Firma die üblichen Vergünstigungen für Agrobusiness-Investition, nämlich Steuerbefreiung und Zollfreiheit für Importwaren.

Niemand in der Gegend weiß, für wie viele Jahre der Pachtvertrag abgeschlossen ist, wie viele Menschen umgesiedelt werden und was sie als Entschädigung erhalten. Laut ESHIA soll es irgendwann einen „Resettlement Action Plan“ geben, über den aber im Einzelnen nichts festgelegt ist.

Überhaupt bietet das Gutachten auf 270 Seiten nur wenig detaillierte Informationen über die Maßnahmen zur Abfederung der mit dem Projekt verbundenen Risiken für Menschen, Böden und Flüsse. Klar erkennbar ist nur die Absicht, die umworbenen europäischen Märkte davon zu überzeugen, dass bei dem ganzen Projekt die für Biosprit geltenden Nachhaltigkeitskriterien der Europäischen Union eingehalten werden. Aber die enthalten so viele Schlupflöcher und Ausstiegsklauseln, dass sie für eine wirklich nachhaltige Produktion keinerlei Garantie bieten, so die Überzeugung von Adrian Bebb von Friends of the Earth Europe. Deshalb bestehe für Afrika die große Gefahr, dass die Menschen „ihr Land, ihre Nahrungsmittel und ihre natürliche Umwelt verlieren, damit in Europa die Autos mit Biosprit fahren können“.

Joan Baxter

Fußnote:1 In der Selbstdarstellung des Unternehmens nachzulesen unter: ecologic-events.eu/sustainable-biofuel/documents/02_Andrew_Turay_PPT_Presentation.pdf.

Aus dem Englischen von Niels Kadritzke

Le Monde diplomatique vom 15.01.2010,