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Jetzt beklagen sich die Trottel

Unveröffentlichte Notizen aus dem Kerker von Pierre-Joseph Proudhon

4. Dezember 1851

Ich stehe früh um halb sechs auf. Ich hatte einen fiebrigen, entzündeten Schlaf, ein unerträgliches Pulsieren in den Adern. Die Krise ist entsetzlich. […] Ein nichtswürdiger Abenteurer, vom Volke in seiner Illusion gewählt, um das Schicksal der Republik zu lenken, macht sich die Uneinigkeit der Bürger zunutze, um die Verfassung zu zerreißen, die Gesetze aufzuheben, die Volksvertreter zu verjagen und gefangen zu nehmen und durch seine Vasallen jene ermorden zu lassen, die Widerstand leisten und damit ihre heiligste Pflicht erfüllen. Er setzt uns das Messer an die Kehle und verlangt die Tyrannei. Paris gleicht heute einem von Räubern gefesselten, geknebelten, vergewaltigten Weibe. Wäre ich frei, würde ich mich mit den getreuen Bürgern unter den Ruinen der Republik begraben oder weit fortgehen von diesem Vaterland, das der Freiheit nicht würdig ist.

9. Dezember 1851

Ich hatte eine schlechte Nacht. Der Kummer verfolgt mich; alle möglichen Befürchtungen bedrängen mich. Der Fortschritt von Wissenschaft und Philosophie hat die führenden Köpfe Europas mit einem Schlag weit vorangebracht, die Massen jedoch sind wenig anders, als sie im Mittelalter waren. Wir dachten, wir könnten sie mit Vernunft, mit ihren eigenen Interessen, mit der nationalen Würde, der Liebe zur Freiheit überzeugen. Nichts davon wirkt. Zwei Drittel aller Bauern glauben eher ihrem Priester als ihrem Anwalt; noch immer ist die Faszination, die von Kaiser Napoleon ausgeht, derart, dass kein vernünftiges Argumentieren dagegen ankommt. Das Volk ist ein Monster, das alle seine Wohltäter und Befreier verschlingt. Es gibt kein revolutionäres Volk, wie wir angenommen hatten, es gibt nur eine Elite von Männern, die dachten, sie könnten das Volk begeistern und so ihre Vorstellungen von Gemeinwohl durchsetzen. […] Alles beweist nur, dass zum Narren wie zum Scharlatan sich macht, wer das Volk zum Schiedsrichter über sein eigenes Schicksal erhebt.

 

15. Dezember 1851

Frankreich ist nichts mehr. Louis Bonaparte ist der Vikar der Jesuiten, der Arm der Kirche, der ergebene Diener des Dieners der Diener Gottes. […] Schande über diese feige, vom Merkantilismus zerfressene Nation, über ihre absurden Royalisten, ihre prahlerischen Jakobiner, ihre egoistische, materialistische Bourgeoisie ohne Glauben und Gemeinsinn, über ihr hirnloses Proletariat, das nur nach Sensationen giert und jederzeit bereit ist, sich zu verkaufen. […] Schande über den heuchlerischen, eidbrüchigen Klerus, der für jede Niedertracht und jeden Verrat gut ist; Schande über diese Armee ohne Gemeinsinn, dieses Heer grausamer Bestien, die seit zwanzig Jahren in den Kriegen in Afrika üben, wie man Menschen ohne Erbarmen und ohne Gewissen tötet. […] Oh! Diese Reaktion ist der Vorsehung und der Menschlichkeit nicht würdig: einzig ihre Zerstreuung in alle Winde könnte dieses ihr Verbrechen aufheben […] Juni und Dezember 1848, Juni 1849, Mai 1850, Dezember 1851: All die begangenen Feigheiten, die erlittenen Schmähungen klagen auf ewig an! Die Elite dieses Landes, die mit ihrem Denken, ihrem Gewissen die Nation leben ließ, ist tot, verbannt oder geknebelt. Es bleibt nichts als Asche!

 

21. Dezember 1851

Die verdorbene, verdummte Nation hat kein Schamgefühl mehr, nicht mal mehr Weitblick. Mit gesenktem Kopf rast sie in den Absolutismus. (…) Der Kult des Vaterlandes! Auch so ein widerlicher Aberglaube, den man aus den Herzen der Menschen reißen muss, gleich dem des Katholizismus und dem der Gerichtsherren. Ehre, Wahrheit, Gleichheit, Freiheit, Verbesserung des Menschen und der Menschheit: Das sind die Götter! Das ist das Vaterland! Ohne dies sind Mitbürger, Landsleute, Glaubensbrüder, Mitverschworene für mich nur grausame und giftige Bestien. Deshalb sind Vaterland, Religion, all diese Worte, nichts als Lügen, die das Gewissen straucheln lassen und die Tugend in die Flucht schlagen.

 

11. Januar 1852

Gewiss, wir haben Großes versucht, als wir zehn Millionen Bürger aufriefen, am Staatswesen teilzuhaben; als wir uns an dieses große Unternehmen wagten, das den Skandalen aller früheren Mächte ein Ende setzen sollte. Die Massen haben ihre Lehrmeister verhöhnt: Der gemeine Proletarier hat gewählt, nicht ohne Undankbarkeit, nicht ohne Bosheit gegen jene, die ihm diese neue Freiheit schenkten. Warum sollten wir uns dafür schämen? Warum sollte der Apostel entehrt sein, weil man ihm, der auf Überzeugung und Freiheit gesetzt hat, nun mit Schmähung, Verfolgung und Gewalt antwortet? Der französische Pöbel erklärt sich der politischen Freiheit für unwürdig; er kehrt zurück in seine Unterwürfigkeit und Demut, erklärt ausgerechnet jene zu Staatsfeinden, die ihn mündig machen wollten! Wir gehören zu den Starken, wir, die Gleichheit predigten, wir werden immer Herren sein können, wenn es dem Volk nicht gefällt, uns zu Gleichen zu haben.

Unsere Sympathie war voller Hoffnung, voller Zukunft. Wir dienten ihm nicht seiner Verdienste wegen, sondern für den Ruhm, der unserem Land aus der Verbesserung entstehen sollte, für die Liebe zur Menschheit. Man kann, man muss das neugeborene Kind mit Liebe aufziehen. Was aber schuldet man dem Kind, das noch nicht einmal gezeugt ist? Dem Proletariat! Eine Horde von Lebewesen mit menschlichem Antlitz, die die Achtung des Rechts, der Moral und der Vernunft nachäfft, gefügig unter Schlägen, undankbar für Wohltaten, die das Wort eher fordern, aber nicht sprechen: Das sind keine Menschen!

 

1. März 1852

Ich kann sagen, was ich von der Idee halte, ausgerechnet jene zu souveränen, gesetzgebenden und inspirierenden Richtern zu machen, die von der Gesellschaft aufgeklärt, erzogen, zum Leben gebracht, gelenkt werden sollen; der Idee, sie sollten Intelligenz und Autorität in die reglose und passive Masse tragen, und gerade den größten und ärmsten, also den zurückgebliebensten, unwissendsten, lasterhaftesten, undankbarsten Teil der Nationen für den Träger aller Tugend, Vernunft und Güte zu halten. […] Die allgemeine und direkte Wahl hat die Republik gemordet, die Masse hat erst ihre Vertreter im Stich gelassen und verraten und sich dann einen Herrn gegeben. Wenn die Erfahrung von 1799 und 1804 nicht ausgereicht hat, werde ich es kaum vollbringen, dass die Erfahrung von 1852, der die Erfahrung von Jahrhunderten vorangegangen ist, etwas bewirkt. […] Es ist bewiesen, dass das Volk zum Despotismus neigt und der Freiheit feindlich gesinnt ist. Deshalb verhalten sich alle Tyranneien gleich und verfolgen nur eine Politik: Sie trachten danach, die mittleren, sogenannten bürgerlichen Klassen zu zerstören und nur eine unwissende pöbelhafte Klasse übrig zu lassen, dazu eine Aristokratie in Gerichtsbarkeit und Heer und einen Klerus als Gegengewicht. […]

 

15. Mai 1853

Die Aufgabe des 19. Jahrhunderts wird in jeder Hinsicht unvergleichlich größer sein als die von 1789, größer um den ganzen Unterschied zwischen Negation und Affirmation, zwischen Zerstörung und Aufbau. Beeilt ihr euch also, Bürger, euer industrielles Werk zu vollenden, und dem menschlichen Geist, der mitnichten allein in euren Maschinen und euren Kontoren steckt, zu seinem Recht zu verhelfen? Glaubt ihr, ihr könnt lange von euren Agios, euren Prämien, euren Skonti, euren Hypotheken leben? Glaubt ihr, das menschliche Denken würde sich, trotz dieser Wunder, mit diesem ganzen Maschinenbetrieb begnügen? Und dass wir zufrieden sind, wenn wir Bergbau-, Wasser-, Eisenbahngesellschaften, Kredit-, Depot-, Spar-, Giro-, Assekuranz-, Diskont- und Kompensationsbanken in Hülle und Fülle haben, und die Arbeit garantiert und das Leben billig? […] Das ist das Materielle, der Körper der Gesellschaft: Die Seele fehlt. Seele brauchen wir. Also seht zu, welche ihr macht!

 

22. Juni 1853

Seit sechzig Jahren verlangt Frankreich nur danach, sich der Wahrheit und dem Gemeinsinn zu öffnen, und man speist es mit Romanen ab. […] 1789 gab es ein Jahr der Freiheit, gleich darauf ist das Land wieder in Knechtschaft verfallen, und während es seine Freiheit verfluchte und seine Knechtschaft bejubelte, breitete sich die Revolution in ganz Europa aus. Erst nachdem die Völker das heilige Wort aufgenommen hatten, haben wir bemerkt, dass die Revolution etwas Gutes hatte. Aber wie schwach war die Schar der Anhänger! Wie ungebildet! Wie unfähig! Voller Utopien! […] Zugleich bringt Frankreich den Sozialismus hervor, Saint-Simon, Fourier, den Kommunismus (…), ich selbst. Aber das angeblich revolutionäre Frankreich lehnt den Sozialismus ab, und der Sozialismus geht ins Ausland. Der Sozialismus erfasst Italien, Deutschland, die Slawen, er wird in Ungarn studiert, an der Donau, in Moskau, rings um das Schwarze Meer! Nur in Frankreich lehnt man ihn ab, wie man 1799 bis 1830 die Revolution abgelehnt hat! […] In dreißig Jahren werden wir Sozialisten sein. Immer zwei, drei Generationen hinter uns selbst zurück.

 

2. April 1854

Der Staatsstreich vom 2. Dezember hat für Frankreich endgültig eine neue Ära eingeläutet, er war der zweite, entscheidende Schritt in der Karriere des Indifferentismus. Nach 1814 stellte Frankreich fest, dass es im Hinblick auf die Religion indifferent geworden war; vergeblich versuchte die Restauration wie heute das Kaiserreich, den Leichnam des Christentums zu beleben. […] Jetzt, nach einer ganzen Reihe politischer Versuche (vierzehn Regierungswechsel in fünfundsechzig Jahren) ist die politische oder dynastische Indifferenz erreicht wie vordem die religiöse. In Frankreich begreift man also, dass die Regierungsform nichts bedeutet, eine zweitrangige Frage und die Regierung etwas Nachgeordnetes ist, dass die Hauptsache nicht die Ordnung des Staates ist, sondern die Ordnung der Interessen. Das Gesetz ist atheistisch und anarchisch: Dies ist seit 1852 das wahre Frankreich. Gegen diese Notwendigkeit sperrt sich die Horde der Schreiberlinge aller Parteien wie verrückt.

 

9. Juli 1858

Frankreich in die Enge getrieben. In jeder Hinsicht. Gegenüber dem Ausland: Rückkehr in die Isolation. England, Österreich, Preußen, Deutschland, Belgien, Schweiz und Piemont, sogar der Papst, alle sind uns feindlich gesinnt! Uns bleibt nur die zweifelhafte und sehr gefährliche Allianz mit Russland. (…) Im Inneren: Finanzen, Handel, Industrie, Landwirtschaft, wir kommen keinen Schritt mehr voran. Die Popularität ist erschöpft, die Bourgeoisie in Verruf geraten; der Plebs verhasst und verachtet, die Parteien abgenutzt. Wir befinden uns im Strudel. Man spricht von einer Restauration des Hauses Orléans. Dann hätten wir seit 1789 vier Dynastien gehabt, die nacheinander an die Macht kamen, gestürzt wurden und zurückkehrten, wenn man die Republik mitzählt: insgesamt acht! (…) Wer ist daran schuld? Die Korruption des bürgerlichen Frankreichs, der ungezügelte Appetit, der Fehler von Regierungen, die sich alle bald auf Gewalt oder Machiavellismus, bald auf Leidenschaften und Interessen stützen; aber niemals auf das Gesetz. […] Arme Bourgeoisie! Der bloßen Geldgier gehorchend, hat sie ihr eigenes Grab gegraben, wie ein Trappistenmönch, der fastet und sich kasteit. Sie hat Ehre und Geld verloren. Dabei war ihre Mission schön, ja sogar lukrativ. Dem Plebs als Lehrer dienen, für die Erziehung der Arbeiter und des Landvolks sorgen; sie in die Wissenschaft, ins politische und gesellschaftliche Leben einführen, aus ihren Reihen schöne, aufrichtige Burschen, schöne und kluge Mädchen als Ehegatten ihrer Erben wählen und so das Blut ihrer Nachkommen auffrischen, der alten Barbarei ein Ende setzen, jenen Rost entfernen, der uns entehrt. […] Aber nein: Diese Gierigen brauchen Ausbeutung, brauchen Leibeigene. O ja! Sie verdienen es, bestraft, beraubt zu werden. […] 1852 applaudierten alle dieser unvergleichlichen Regierung, die wie durch Zauberei Schätze hervorbrachte, den Bürgern eine goldene Brücke baute, die alle verdienen ließ, die spekulieren wollten, das Kapital verdoppelte usw. […] Jetzt beklagen sich die Trottel, sie klagen an, empören sich gegen den Kaiser, der ihnen nur allzu gehorsam war.

Aus dem Französischen von Claudia Steinitz Der Text entstammt den bislang unveröffentlichten Tagebüchern Proudhons, die im Februar in Frankreich erscheinen: „Carnets inédits – Journal du Second Empire“, Paris (CNRS Edition) 2009.

4. Dezember 1851

Ich stehe früh um halb sechs auf. Ich hatte einen fiebrigen, entzündeten Schlaf, ein unerträgliches Pulsieren in den Adern. Die Krise ist entsetzlich. […] Ein nichtswürdiger Abenteurer, vom Volke in seiner Illusion gewählt, um das Schicksal der Republik zu lenken, macht sich die Uneinigkeit der Bürger zunutze, um die Verfassung zu zerreißen, die Gesetze aufzuheben, die Volksvertreter zu verjagen und gefangen zu nehmen und durch seine Vasallen jene ermorden zu lassen, die Widerstand leisten und damit ihre heiligste Pflicht erfüllen. Er setzt uns das Messer an die Kehle und verlangt die Tyrannei. Paris gleicht heute einem von Räubern gefesselten, geknebelten, vergewaltigten Weibe. Wäre ich frei, würde ich mich mit den getreuen Bürgern unter den Ruinen der Republik begraben oder weit fortgehen von diesem Vaterland, das der Freiheit nicht würdig ist.

9. Dezember 1851

Ich hatte eine schlechte Nacht. Der Kummer verfolgt mich; alle möglichen Befürchtungen bedrängen mich. Der Fortschritt von Wissenschaft und Philosophie hat die führenden Köpfe Europas mit einem Schlag weit vorangebracht, die Massen jedoch sind wenig anders, als sie im Mittelalter waren. Wir dachten, wir könnten sie mit Vernunft, mit ihren eigenen Interessen, mit der nationalen Würde, der Liebe zur Freiheit überzeugen. Nichts davon wirkt. Zwei Drittel aller Bauern glauben eher ihrem Priester als ihrem Anwalt; noch immer ist die Faszination, die von Kaiser Napoleon ausgeht, derart, dass kein vernünftiges Argumentieren dagegen ankommt. Das Volk ist ein Monster, das alle seine Wohltäter und Befreier verschlingt. Es gibt kein revolutionäres Volk, wie wir angenommen hatten, es gibt nur eine Elite von Männern, die dachten, sie könnten das Volk begeistern und so ihre Vorstellungen von Gemeinwohl durchsetzen. […] Alles beweist nur, dass zum Narren wie zum Scharlatan sich macht, wer das Volk zum Schiedsrichter über sein eigenes Schicksal erhebt.

15. Dezember 1851

Frankreich ist nichts mehr. Louis Bonaparte ist der Vikar der Jesuiten, der Arm der Kirche, der ergebene Diener des Dieners der Diener Gottes. […] Schande über diese feige, vom Merkantilismus zerfressene Nation, über ihre absurden Royalisten, ihre prahlerischen Jakobiner, ihre egoistische, materialistische Bourgeoisie ohne Glauben und Gemeinsinn, über ihr hirnloses Proletariat, das nur nach Sensationen giert und jederzeit bereit ist, sich zu verkaufen. […] Schande über den heuchlerischen, eidbrüchigen Klerus, der für jede Niedertracht und jeden Verrat gut ist; Schande über diese Armee ohne Gemeinsinn, dieses Heer grausamer Bestien, die seit zwanzig Jahren in den Kriegen in Afrika üben, wie man Menschen ohne Erbarmen und ohne Gewissen tötet. […] Oh! Diese Reaktion ist der Vorsehung und der Menschlichkeit nicht würdig: einzig ihre Zerstreuung in alle Winde könnte dieses ihr Verbrechen aufheben […] Juni und Dezember 1848, Juni 1849, Mai 1850, Dezember 1851: All die begangenen Feigheiten, die erlittenen Schmähungen klagen auf ewig an! Die Elite dieses Landes, die mit ihrem Denken, ihrem Gewissen die Nation leben ließ, ist tot, verbannt oder geknebelt. Es bleibt nichts als Asche!

21. Dezember 1851

Die verdorbene, verdummte Nation hat kein Schamgefühl mehr, nicht mal mehr Weitblick. Mit gesenktem Kopf rast sie in den Absolutismus. (…) Der Kult des Vaterlandes! Auch so ein widerlicher Aberglaube, den man aus den Herzen der Menschen reißen muss, gleich dem des Katholizismus und dem der Gerichtsherren. Ehre, Wahrheit, Gleichheit, Freiheit, Verbesserung des Menschen und der Menschheit: Das sind die Götter! Das ist das Vaterland! Ohne dies sind Mitbürger, Landsleute, Glaubensbrüder, Mitverschworene für mich nur grausame und giftige Bestien. Deshalb sind Vaterland, Religion, all diese Worte, nichts als Lügen, die das Gewissen straucheln lassen und die Tugend in die Flucht schlagen.

11. Januar 1852

Gewiss, wir haben Großes versucht, als wir zehn Millionen Bürger aufriefen, am Staatswesen teilzuhaben; als wir uns an dieses große Unternehmen wagten, das den Skandalen aller früheren Mächte ein Ende setzen sollte. Die Massen haben ihre Lehrmeister verhöhnt: Der gemeine Proletarier hat gewählt, nicht ohne Undankbarkeit, nicht ohne Bosheit gegen jene, die ihm diese neue Freiheit schenkten. Warum sollten wir uns dafür schämen? Warum sollte der Apostel entehrt sein, weil man ihm, der auf Überzeugung und Freiheit gesetzt hat, nun mit Schmähung, Verfolgung und Gewalt antwortet? Der französische Pöbel erklärt sich der politischen Freiheit für unwürdig; er kehrt zurück in seine Unterwürfigkeit und Demut, erklärt ausgerechnet jene zu Staatsfeinden, die ihn mündig machen wollten! Wir gehören zu den Starken, wir, die Gleichheit predigten, wir werden immer Herren sein können, wenn es dem Volk nicht gefällt, uns zu Gleichen zu haben.

Unsere Sympathie war voller Hoffnung, voller Zukunft. Wir dienten ihm nicht seiner Verdienste wegen, sondern für den Ruhm, der unserem Land aus der Verbesserung entstehen sollte, für die Liebe zur Menschheit. Man kann, man muss das neugeborene Kind mit Liebe aufziehen. Was aber schuldet man dem Kind, das noch nicht einmal gezeugt ist? Dem Proletariat! Eine Horde von Lebewesen mit menschlichem Antlitz, die die Achtung des Rechts, der Moral und der Vernunft nachäfft, gefügig unter Schlägen, undankbar für Wohltaten, die das Wort eher fordern, aber nicht sprechen: Das sind keine Menschen!

1. März 1852

Ich kann sagen, was ich von der Idee halte, ausgerechnet jene zu souveränen, gesetzgebenden und inspirierenden Richtern zu machen, die von der Gesellschaft aufgeklärt, erzogen, zum Leben gebracht, gelenkt werden sollen; der Idee, sie sollten Intelligenz und Autorität in die reglose und passive Masse tragen, und gerade den größten und ärmsten, also den zurückgebliebensten, unwissendsten, lasterhaftesten, undankbarsten Teil der Nationen für den Träger aller Tugend, Vernunft und Güte zu halten. […] Die allgemeine und direkte Wahl hat die Republik gemordet, die Masse hat erst ihre Vertreter im Stich gelassen und verraten und sich dann einen Herrn gegeben. Wenn die Erfahrung von 1799 und 1804 nicht ausgereicht hat, werde ich es kaum vollbringen, dass die Erfahrung von 1852, der die Erfahrung von Jahrhunderten vorangegangen ist, etwas bewirkt. […] Es ist bewiesen, dass das Volk zum Despotismus neigt und der Freiheit feindlich gesinnt ist. Deshalb verhalten sich alle Tyranneien gleich und verfolgen nur eine Politik: Sie trachten danach, die mittleren, sogenannten bürgerlichen Klassen zu zerstören und nur eine unwissende pöbelhafte Klasse übrig zu lassen, dazu eine Aristokratie in Gerichtsbarkeit und Heer und einen Klerus als Gegengewicht. […]

15. Mai 1853

Die Aufgabe des 19. Jahrhunderts wird in jeder Hinsicht unvergleichlich größer sein als die von 1789, größer um den ganzen Unterschied zwischen Negation und Affirmation, zwischen Zerstörung und Aufbau. Beeilt ihr euch also, Bürger, euer industrielles Werk zu vollenden, und dem menschlichen Geist, der mitnichten allein in euren Maschinen und euren Kontoren steckt, zu seinem Recht zu verhelfen? Glaubt ihr, ihr könnt lange von euren Agios, euren Prämien, euren Skonti, euren Hypotheken leben? Glaubt ihr, das menschliche Denken würde sich, trotz dieser Wunder, mit diesem ganzen Maschinenbetrieb begnügen? Und dass wir zufrieden sind, wenn wir Bergbau-, Wasser-, Eisenbahngesellschaften, Kredit-, Depot-, Spar-, Giro-, Assekuranz-, Diskont- und Kompensationsbanken in Hülle und Fülle haben, und die Arbeit garantiert und das Leben billig? […] Das ist das Materielle, der Körper der Gesellschaft: Die Seele fehlt. Seele brauchen wir. Also seht zu, welche ihr macht!

 

22. Juni 1853

Seit sechzig Jahren verlangt Frankreich nur danach, sich der Wahrheit und dem Gemeinsinn zu öffnen, und man speist es mit Romanen ab. […] 1789 gab es ein Jahr der Freiheit, gleich darauf ist das Land wieder in Knechtschaft verfallen, und während es seine Freiheit verfluchte und seine Knechtschaft bejubelte, breitete sich die Revolution in ganz Europa aus. Erst nachdem die Völker das heilige Wort aufgenommen hatten, haben wir bemerkt, dass die Revolution etwas Gutes hatte. Aber wie schwach war die Schar der Anhänger! Wie ungebildet! Wie unfähig! Voller Utopien! […] Zugleich bringt Frankreich den Sozialismus hervor, Saint-Simon, Fourier, den Kommunismus (…), ich selbst. Aber das angeblich revolutionäre Frankreich lehnt den Sozialismus ab, und der Sozialismus geht ins Ausland. Der Sozialismus erfasst Italien, Deutschland, die Slawen, er wird in Ungarn studiert, an der Donau, in Moskau, rings um das Schwarze Meer! Nur in Frankreich lehnt man ihn ab, wie man 1799 bis 1830 die Revolution abgelehnt hat! […] In dreißig Jahren werden wir Sozialisten sein. Immer zwei, drei Generationen hinter uns selbst zurück.

2. April 1854

Der Staatsstreich vom 2. Dezember hat für Frankreich endgültig eine neue Ära eingeläutet, er war der zweite, entscheidende Schritt in der Karriere des Indifferentismus. Nach 1814 stellte Frankreich fest, dass es im Hinblick auf die Religion indifferent geworden war; vergeblich versuchte die Restauration wie heute das Kaiserreich, den Leichnam des Christentums zu beleben. […] Jetzt, nach einer ganzen Reihe politischer Versuche (vierzehn Regierungswechsel in fünfundsechzig Jahren) ist die politische oder dynastische Indifferenz erreicht wie vordem die religiöse. In Frankreich begreift man also, dass die Regierungsform nichts bedeutet, eine zweitrangige Frage und die Regierung etwas Nachgeordnetes ist, dass die Hauptsache nicht die Ordnung des Staates ist, sondern die Ordnung der Interessen. Das Gesetz ist atheistisch und anarchisch: Dies ist seit 1852 das wahre Frankreich. Gegen diese Notwendigkeit sperrt sich die Horde der Schreiberlinge aller Parteien wie verrückt.

9. Juli 1858

Frankreich in die Enge getrieben. In jeder Hinsicht. Gegenüber dem Ausland: Rückkehr in die Isolation. England, Österreich, Preußen, Deutschland, Belgien, Schweiz und Piemont, sogar der Papst, alle sind uns feindlich gesinnt! Uns bleibt nur die zweifelhafte und sehr gefährliche Allianz mit Russland. (…) Im Inneren: Finanzen, Handel, Industrie, Landwirtschaft, wir kommen keinen Schritt mehr voran. Die Popularität ist erschöpft, die Bourgeoisie in Verruf geraten; der Plebs verhasst und verachtet, die Parteien abgenutzt. Wir befinden uns im Strudel. Man spricht von einer Restauration des Hauses Orléans. Dann hätten wir seit 1789 vier Dynastien gehabt, die nacheinander an die Macht kamen, gestürzt wurden und zurückkehrten, wenn man die Republik mitzählt: insgesamt acht! (…) Wer ist daran schuld? Die Korruption des bürgerlichen Frankreichs, der ungezügelte Appetit, der Fehler von Regierungen, die sich alle bald auf Gewalt oder Machiavellismus, bald auf Leidenschaften und Interessen stützen; aber niemals auf das Gesetz. […] Arme Bourgeoisie! Der bloßen Geldgier gehorchend, hat sie ihr eigenes Grab gegraben, wie ein Trappistenmönch, der fastet und sich kasteit. Sie hat Ehre und Geld verloren. Dabei war ihre Mission schön, ja sogar lukrativ. Dem Plebs als Lehrer dienen, für die Erziehung der Arbeiter und des Landvolks sorgen; sie in die Wissenschaft, ins politische und gesellschaftliche Leben einführen, aus ihren Reihen schöne, aufrichtige Burschen, schöne und kluge Mädchen als Ehegatten ihrer Erben wählen und so das Blut ihrer Nachkommen auffrischen, der alten Barbarei ein Ende setzen, jenen Rost entfernen, der uns entehrt. […] Aber nein: Diese Gierigen brauchen Ausbeutung, brauchen Leibeigene. O ja! Sie verdienen es, bestraft, beraubt zu werden. […] 1852 applaudierten alle dieser unvergleichlichen Regierung, die wie durch Zauberei Schätze hervorbrachte, den Bürgern eine goldene Brücke baute, die alle verdienen ließ, die spekulieren wollten, das Kapital verdoppelte usw. […] Jetzt beklagen sich die Trottel, sie klagen an, empören sich gegen den Kaiser, der ihnen nur allzu gehorsam war.

Aus dem Französischen von Claudia Steinitz

Der Text entstammt den bislang unveröffentlichten Tagebüchern Proudhons, die im Februar in Frankreich erscheinen: "Carnets inédits - Journal du Second Empire", Paris (CNRS Edition) 2009.

Le Monde diplomatique vom 16.01.2009,