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Europas Gier ist Afrikas Hunger

Die Nacht ist schwarz und mondlos, der Sturm peitscht fast in Orkanstärke übers Meer. Haushohe Wellen stürzen krachend auf das hölzerne Fischerboot herunter. Zehn Tage zuvor hat das Boot in einer kleinen Bucht in Mauretanien mit über hundert afrikanischen Hungerflüchtlingen abgelegt. Wunderbarerweise wird es am Ende auf ein Riff vor der kleinen kanarischen Insel El Medano geworfen. Im Boot findet die spanische Guardia Civil die Leichen von drei jungen Männern und einer Frau, die an Hunger und Durst gestorben sind.

Das war im Mai letzten Jahres. In derselben Nacht strandete auf der nahen Insel El Hierro ein weiteres Boot mit sechzig Männern, siebzehn Kindern und sieben Frauen, die knapp dem Tode entkommen waren.1 Und weiter westlich im Mittelmeer, 150 Kilometer südlich von Malta, entdeckte ein Beobachtungsflugzeug der EU-Grenzagentur Frontex ein überfülltes Schlauchboot mit 53 Passagieren, darunter Frauen und kleine Kinder, das manövrierunfähig auf der unruhigen See dahintrieb. Nach seiner Rückkehr auf die Militärbasis in La Valletta informierte der Pilot die maltesischen Behörden. Die verweigerten jegliche Hilfe unter dem Vorwand, das Boot treibe in der „libyschen Forschungs- und Sicherheitszone“. Dass Laura Boldini, die Sprecherin des UNO-Flüchtlingshilfswerks, Malta aufforderte, ein Rettungsboot zu entsenden, bewirkte nichts. Und Europa schaute weg. Von dem Flüchtlingsboot wurde nie wieder etwas gesehen.

Es war nicht das erste, und es wird nicht das letzte sein. Man schätzt, dass jedes Jahr etwa 2 Millionen Menschen versuchen, illegal auf das Territorium der EU zu gelangen. Von ihnen kommen etwa 2 000 im Mittelmeer um, und ebenso viele dürften es im Atlantik sein. Von Mauretanien und Senegal aus steuern sie die Kanarischen Inseln an, von Marokko aus versuchen sie, die Meerenge von Gibraltar zu überqueren.

Tausende Afrikaner, darunter Frauen und Kinder, kampieren im ausgedörrten Rif-Gebirge vor den Grenzzäunen der spanischen Enklaven Ceuta und Melilla. Auf Befehl der Brüsseler Kommissare treiben marokkanische Polizisten die Afrikaner in die Sahara zurück.2 Viele Hunderte sterben in der Wüste zwischen Sand und Felsen.3

Nach Angaben der Regierung in Madrid sind 2006 an Spaniens Küsten 47 685 afrikanische Migranten gelandet. Nach Malta und zu den italienischen Inseln südlich von Sizilien schafften es im selben Jahr 23 151 Flüchtlinge, die von den Küsten Libyens oder Tunesien zu ihrer gefährlichen Fahrt aufbrachen. Ebenso versuchen tausende Asylbewerber über die Türkei oder über Ägypten nach Griechenland zu gelangen. Markku Niskala, Generalsekretär der Internationalen Föderation des Roten Kreuzes und des Roten Halbmonds, erklärt: „Diese Krise wird totgeschwiegen. Nicht nur, dass niemand diesen Menschen in ihrer ausweglosen Lage zu Hilfe kommt, es gibt noch nicht einmal eine Organisation, die wenigstens Statistiken über diese alltägliche Tragödie erstellt.“4

Um Europa gegen die Migranten zu verteidigen, hat die EU Frontex aufgebaut. Die Organisation verfügt über schnelle (und bewaffnete) und hochseetüchtige Abfangboote, über Kampfhubschrauber, über eine Flotte von Überwachungsflugzeugen mit hochsensiblen Kameras und Nachtsichtgeräten, über Radar, Satelliten und modernes Gerät zur elektronischen Distanzüberwachung.

Frontex unterhält auch „Auffanglager“ auf afrikanischem Boden, wo Hungerflüchtlinge festgehalten werden, die meist aus Zentral-, West- oder Südafrika kommen, aus dem Tschad, der Demokratischen Republik Kongo, aus Burundi, Kamerun, Eritrea, Malawi, Simbabwe. Oft benötigen sie für ihren Weg über den Kontinent ein oder zwei Jahre, um über mehrere Staatsgrenzen hinweg zu einer der Küsten zu gelangen. Angesichts der großzügigen Frontex-Gelder verweigern nur wenige afrikanische Regierungen die Einrichtung solcher Lager auf ihrem Territorium. Zu den wenigen gehört Algerien, dessen Präsident Abdelasis Bouteflika erklärt: „Wir wollen nicht die Kerkermeister unserer Brüder sein.“

Die Flucht der Afrikaner über das Meer wird durch eine aktuelle Entwicklung begünstigt: die rapide Zerstörung der Fischerdörfer an der Atlantik- und Mittelmeerküste. Dazu einige Zahlen: Auf der ganzen Welt leben 35 Millionen Menschen direkt und ausschließlich vom Fischfang, davon 9 Millionen in Afrika.5 Dort stammen 19 Prozent des verzehrten tierischen Eiweißes von Fischen, in Asien sind es sogar 23,1 Prozent. Damit kommt der Ausbeutung – und der Hege – der Fischbestände inner- wie außerhalb der nationalen Wirtschaftszonen eine zentrale Bedeutung für den Arbeitsmarkt und die Nahrungssicherung der betroffenen Länder zu.

Die meisten Staaten der Sahelzone sind überschuldet. Sie verkaufen daher ihre Fischereirechte an Großunternehmen in Japan, Europa und Kanada. Deren riesige Fabrikschiffe beuten die Fanggründe der traditionellen Fischerdörfer bis in die Territorialgewässer hinein aus. Dabei fischen sie mit ihren illegalen engmaschigen Netzen häufig auch außerhalb der festgelegten Fangsaison. Die meisten afrikanischen Regierungen, die solche Verträge unterzeichnet haben, verfügen über keine Kriegsflotte, um die Einhaltung der Verträge durchzusetzen. Die Fischpiraterie setzt sich durch. Und die Fischerdörfer sterben.

Die Fabrikschiffe verarbeiten ihren Fang zu Tiefkühlkost, Fischmehl oder Konserven und bringen ihn weltweit auf den Markt.

Ein Beispiel: In der 200-Meilen-Zone um Guinea-Bissau, der Wirtschaftszone des Landes, gibt es eine enorme Vielfalt an Meerestieren. Heute jedoch müssen die Bewohner der Bissagos-Inseln, die früher vom Fischfang lebten, auf dem Markt von Bissau dänische, kanadische und portugiesische Konserven zu überhöhten Preisen kaufen. Die ruinierten Fischer verkaufen in ihrer Verzweiflung ihre Boote zu billigen Preisen an die Schleuser der Mafia oder werden selbst zu Schleusern. Dabei sind ihre für den Küstenfischfang gebauten Boote allesamt nicht hochseetauglich.

Die Passagiere, die sie finden, sind ebenfalls Opfer der wirtschaftlichen Entwicklung. Bei einer afrikanischen Gesamtbevölkerung von knapp einer Milliarde Menschen ist die Zahl schwerwiegend und dauerhaft unterernährter Afrikaner von 1972 bis 2002 von 81 Millionen auf 202 Millionen angestiegen.

Dafür gibt es eine Vielzahl von Gründen, aber der wichtigste ist die Agrarpolitik der Europäischen Union. Die industrialisierten Staaten der OECD haben ihren Bauern und Viehzüchtern 2006 mehr als 350 Milliarden Dollar an Subventionen gezahlt. Besonders zynisch ist das Agrardumping, das die EU praktiziert. Es führt zur systematischen Vernichtung des afrikanischen Nahrungsmittelanbaus.

Das ist zum Beispiel in Sandaga, dem größten Konsumgütermarkt Westafrikas zu besichtigen. Auf diesem lauten, farbigen, duftenden Markt im Herzen von Dakar kann man heute unter anderem Obst und Gemüse aus Portugal, Frankreich, Spanien, Italien und Griechenland kaufen, zu einem Drittel oder der Hälfte des Preises der einheimischen Produkte. Und nur ein paar Kilometer weiter arbeitet ein Bauer in der sengenden Sonne samt Frau und Kindern bis zu 15 Stunden pro Tag, aber sie haben keine Chance, das Lebensnotwendigste zu erwirtschaften.

Von den 52 Staaten Afrikas sind 37 nahezu reine Agrarnationen. Wenige Bauern dieser Erde arbeiten unter so schwierigen Bedingungen wie die Wolof im Senegal, die Bambarg in Mali, die Mossi in Burkina Faso oder die Bashi in Kivu. Doch das europäische Agrardumping zerstört ihr Leben.

Damit sind wir wieder bei Frontex und der Heuchelei der Brüsseler Kommissare, die auf der einen Seite die Hungersnot in Afrika organisieren und auf der anderen Seite die Opfer ihrer Politik, die Hungerflüchtlinge, kriminalisieren. Die Schriftstellerin und ehemalige Kultur- und Tourismusministerin von Mali, Aminata Traoré, sagte in ihrer Rede beim Weltsozialforum in Nairobi im Januar 2007: „Die menschlichen, finanziellen und technologischen Mittel, die Europa gegen die Migrationswellen aus Afrika einsetzt, sind in Wahrheit die Werkzeuge eines Krieges zwischen dieser Weltmacht und jungen Afrikanern aus Stadt und Land, deren Recht auf Bildung, wirtschaftliche Betätigung, Arbeit und Nahrung in ihren Herkunftsländern unter der Knute der strukturellen Anpassung vollkommen missachtet wird. Als Opfer makroökonomischer Entscheidungen, für die sie in keiner Weise verantwortlich sind, werden sie gejagt, aufgespürt und gedemütigt, sobald sie einen Ausweg in der Emigration suchen.“ Jean Ziegler

Fußnoten:1 El País, Madrid, 13. Mai 2007; es geht um die Nacht vom 11. auf den 12. Mai. 2 Am 28. September 2005 töteten spanische Soldaten fünf junge Afrikaner, die versucht hatten, den elektrischen Zaun der Enklave Ceuta zu übersteigen. Acht Tage später kamen sechs junge Schwarzafrikaner unter ähnlichen Umständen ums Leben. 3 Human Rights Watch, 13. Oktober 2005, hrw.org/english/docs/2005/10/13/spain11866.htm. 4 Tribune de Genève vom 14. Dezember 2006. 5 Die Beschäftigten von Fischfarmen, von denen heute 27 Prozent der globalen Fischproduktion stammen, sind darin nicht enthalten. FAO (Welternährungsorganisation): „La situation mondiale des pêches et de l’aquaculture“, Rom 2007.

Aus dem Französischen von Sabine Jainski Jean Ziegler ist bei der UNO Sonderberichterstatter für das Recht auf Nahrung. Von ihm erschien auf Deutsch zuletzt: „Das Imperium der Schande. Der Kampf gegen Armut und Unterdrückung“, München (Pantheon Paperbacks) 2007.

Le Monde diplomatique vom 14.03.2008,