Le Monde diplomatique
Abonnieren Sie unseren Newsletter, Ihre E-Mail:

Der Fleischatlas 2014
Daten und Fakten über Tiere als Nahrungsmittel. Kostenloser Download

NEU: Die aktuelle Ausgabe im tazshop Die nächste Ausgabe von LE MONDE diplomatique liegt am 12.9.2014 der taz bei. Ab dem 11.9.2014 gibt es sie separat am Kiosk oder im tazshop

Ausgabe vom 7.7.2006

Übersicht

Welt ohne Frauen

Inder und Chinesen bekommen immer weniger Kinder. Und sie wünschen sich nur männliche Nachkommen

von Isabelle Attané

Der ungefähr 30-jährige Chinese versteht die Frage nicht: "Welcher Frauentyp mir gefällt? Völlig egal! Ich will irgendeine, das ist alles."1 In einigen Ländern Asiens ist es gar nicht so leicht, eine Ehefrau zu finden. Nach Schätzungen werden ab 2010 alljährlich eine Million heiratswillige Chinesen ohne Partnerin bleiben. In manchen Dörfern im nordindischen Punjab haben die Männer ihre Suche bereits auf die benachbarten Bundesstaaten Rajasthan und Orissa ausgeweitet.

Indien und China, wo heute über ein Drittel der Weltbevölkerung lebt, haben etwas gemeinsam, was eher atypisch ist: ein Frauendefizit. Doch dieser demografische Verstoß gegen die Regel findet immer noch zu wenig Beachtung. Niemand reagierte, als der indische Nobelpreisträger Amartya Sen vor mehr als 15 Jahren feststellte: "Es fehlen heute über 100 Millionen Frauen"(2), vor allem in China und in Indien.

Wenn Männer und Frauen in einer Gesellschaft gleichberechtigt sind und nicht mehr Frauen als Männer auswandern, sind Frauen normalerweise in der Überzahl. Würde Asien dieser allgemeinen Regel folgen, gäbe es dort rund 90 Millionen mehr Frauen als Männer.

China präsentierte sich noch vor 30 Jahren als eifriger Verfechter der Gleichberechtigung von Mann und Frau. Heute gehört es zu den Ländern, in denen Frauen in demografischer Hinsicht am stärksten benachteiligt sind. Es ist die Kehrseite der wirtschaftlichen und sozialen Liberalisierung des Landes, dass sich die traditionellen Machtverhältnisse zum Nachteil der Frauen reetabliert haben. Auch Indien diskriminiert seine Frauen. Gleiches gilt für Pakistan, Bangladesch, Taiwan, Südkorea und in geringerem Maße für Indonesien. In diesen Staaten lebt knapp die Hälfte der 6,5 Milliarden Erdbewohner. Das Frauendefizit entsteht, weil selektiv abgetrieben wird und Mädchen schlechter behandelt werden als Jungen. Und aufgrund der mangelhaften Gesundheitsvorsorge für die Benachteiligten ist die Mädchen- und Frauensterblichkeit zudem übermäßig hoch.

Die Geschlechterstruktur einer Bevölkerung hängt von zwei Faktoren ab: dem jeweiligen Anteil der Geschlechter bei der Geburt und den altersspezifischen Sterbeziffern von Mann und Frau. Im weltweiten Durchschnitt leben Frauen in der Regel sieben Jahre länger als Männer. Während z. B. Japan diesen Mittelwert erreicht, beträgt der Unterschied in China drei Jahre, in Indien und Bangladesch ein Jahr bzw. wenige Monate. In Pakistan leben Männer im Schnitt fünf Monate länger als Frauen.

Normalerweise kommen auf 105 Jungen- 100 Mädchengeburten, ein Defizit, das sich später durch die höhere Sterblichkeitsrate bei Männern wieder ausgleicht.(3) Die beobachteten Schwankungen der biologischen Norm sind weltweit recht gering. Am unteren Ende - 101 Jungen auf 100 Mädchen - befindet sich Ruanda, am oberen Ende Surinam mit 108 Jungen.

Doch in vielen Ländern Asiens führen soziale Praktiken dazu, dass weniger Frauen auf die Welt kommen, als geboren werden sollten, und dass zu viele Frauen sterben. Zwar mögen dabei auch biologische, genetische und umweltbedingte Faktoren eine Rolle spielen, aber die dramatische Entwicklung in den letzten 25 Jahren lässt sich damit allein nicht erklären. Anfang der 80er-Jahre lag der Anteil der Jungen an den Neugeborenen in China, Indien, Südkorea und Taiwan im Normbereich. Doch mit dem seither eingetretenen Geburtenrückgang verstärkte sich auch die traditionelle Präferenz für männliche Nachkommen, was das natürliche Gleichgewicht zerstörte.

Töchter sind unerwünscht

Der technologische Fortschritt macht es möglich, die Geschlechtszugehörigkeit der eigenen Nachkommenschaft zu beeinflussen. Erfährt nun die werdende Mutter, die in einem Land wie China lebt, dass sie einen Jungen zur Welt bringen wird, kann sie beruhigt nach Hause gehen und geduldig auf das glückliche Ereignis warten. Ist es aber ein Mädchen, stehen die Eltern vor einem Dilemma: Sollen sie darauf hoffen, beim nächsten Mal einen Jungen zu bekommen und das Mädchen behalten? Und wenn sie sich dafür entscheiden, die Tochter am Leben zu lassen, werden die finanziellen Mittel für die steigenden Unterhaltskosten beim zweiten Kind, das ein Junge werden muss, ausreichen? In vielen Fällen entscheiden sich die Eltern gegen die unerwünschte Tochter und für eine Abtreibung. So liegt der Jungenüberschuss bei den Neugeborenen in China heute um 12 Prozent über der Norm, in Indien um 6 Prozent. In Südkorea kamen auf dem Höhepunkt der Entwicklung Mitte der 90er-Jahre 115 Jungen auf 100 Mädchen. Seither ist allerdings eine Normalisierung der Situation zu beobachten (2004: 108 Jungen).

Seit kurzem weitet sich das Phänomen des Mädchendefizits auf andere Teile des Kontinents aus. So werden in jeder zweiten vietnamesischen Provinz derzeit 110 Jungen auf 100 Mädchen geboren. In den Kaukasusländern Aserbaidschan, Georgien und Armenien steigt der Jungenüberschuss seit Mitte der 90er-Jahre rapide an und erreicht derzeit ähnliche Ausmaße wie in manchen Regionen Chinas und Indiens. In den Nachbarländern Russland, Ukraine, Iran und Türkei ist das Zahlenverhältnis zwischen Jungen und Mädchen weiterhin ausgeglichen.

In Indonesien stieg die Zahl der männlichen einjährigen Kinder im Jahr 2000 auf 106,3 pro 100 Mädchen. Ursache war neben einer Massenmigration von Frauen, insbesondere in Richtung Saudi-Arabien, auch das Ungleichgewicht der Geschlechter bei der Geburt.(4)

Ein komplexes Geflecht von Faktoren führt dazu, dass Männer auf die ein oder andere Weise bevorzugt und Frauen auf unterschiedliche Weise misshandelt werden. Die asiatischen Gesellschaften mit einem Defizit an weiblichen Neugeborenen zeichnen sich durch eine starke Präferenz für Söhne aus. Infolge einer autoritären Politik in der Geburtenkontrolle sank in China die Zahl der Kinder je Frau von mehr als fünf Anfang der 70er-Jahre auf derzeit weniger als zwei Kinder. In Indien bekommt eine Frau bald weniger als drei Kinder, während es vor 20 Jahren noch knapp fünf waren. In Südkorea und Taiwan bekommen die Frauen inzwischen im Durchschnitt nur noch 1,2 Kinder, eine der weltweit niedrigsten Geburtenraten. Was also tun, wenn man nur sehr wenige Kinder haben will oder kann (wie in China) und wenn man in jedem Fall einen Sohn will? Da bleibt nur die Möglichkeit, die Geburt eines Mädchens möglichst zu verhindern und gegebenenfalls alles zu unternehmen, damit das unerwünschte Kind die Chance auf einen Sohn nicht verbaut.

In Indien wirbt die Regierung seit den 60er-Jahren für das Modell der Kernfamilie. Die fast überall auf der Welt anerkannte Idealnorm ist das Geschwisterpaar aus einem Jungen und einem Mädchen - die Chinesen sagen: "Es braucht einen Jungen und ein Mädchen, damit das Paar vollständig ist." Recht häufig wünschen sich Ehepaare aber einen oder mehrere Jungen und höchstens ein Mädchen.

In Bangladesch und in Pakistan, wo die Frauen noch zwei- bis dreimal so viele Kinder zur Welt bringen wie in China, Taiwan oder Korea, ist die vorgeburtliche Geschlechterselektion zwar wenig verbreitet, die Diskriminierung von Mädchen und Frauen jedoch deshalb nicht weniger ausgeprägt.

Mädchen werden häufig vernachlässigt und in Sachen Ernährung, Krankenpflege und Impfung gegenüber den Jungen benachteiligt. Diese Praxis hat oft fatale Konsequenzen: Bis zum vollendeten 5. Lebensjahr ist die Sterblichkeit der Jungen normalerweise höher als die der Mädchen. In Indien dagegen liegt sie bei den Mädchen um 7 Prozent höher als bei den Jungen, in Pakistan um 5 Prozent und in Bangladesch um 3 Prozent. In den laut UN-Entwicklungsprogramm vergleichbaren muslimischen Ländern Tunesien, Ägypten und Mauretanien liegt die Jungensterblichkeit bei den unter Fünfjährigen nach wie vor knapp über der Mädchensterblichkeit. Die stärkste Anomalie weist mit einer um 28 Prozent höheren Mädchensterblichkeit China auf.

Die geschlechtsspezifischen Abtreibungen und die Vernachlässigung der kleinen Mädchen sind die wichtigsten Gründe des Frauendefizits - andere Diskriminierungsformen wie die Tötung neugeborener Mädchen spielen dabei nur noch eine geringe Rolle. Die patriarchale Gesellschaftsordnung verlangt einen Sohn, um den Fortbestand der Familie zu sichern, ihren Namen zu erhalten und die soziale wie biologische Reproduktion zu gewährleisten.

In China, Taiwan und Südkorea ist das Fehlen eines männlichen Erben gleichbedeutend mit dem Ende des Familienstammbaums und der Verehrung der Vorfahren. Im Hinduismus sehen sich die Eltern zu ewiger Irrfahrt verdammt, da das Bestattungsritual beim Tod der Eltern traditionell Aufgabe des Sohnes ist. In Indien wie in China gehört ein Mädchen nur vorübergehend zu seinen Eltern. Nach seiner Heirat soll es sich der Familie seines Mannes widmen und ist gegenüber den eigenen Eltern zu nichts mehr verpflichtet. In den ländlichen Gegenden Chinas weiß jeder, dass man "einen Sohn aufziehen muss, um fürs Alter gerüstet zu sein", weil man nie in den Genuss einer Rente kommt. "Ein Mädchen aufziehen", sagt ein chinesisches Sprichwort, "heißt das Feld eines anderen bestellen", die Inder sagen "den Garten seines Nachbarn gießen".

In Indien wird die pränatale Selektion vor allem von den wohlhabenden und gebildeten Schichten praktiziert. Und merkwürdigerweise betrifft dies gerade Frauen, die es geschafft haben, sich unabhängig zu machen. Auch in China - vor allem in den großen Städten - sind es eher junge Akademikerinnen, die ihren Nachwuchs vor der Geburt systematisch selektieren.

In Indien bedroht die jüngste Teuerung bei der Mitgift das wirtschaftliche Gleichgewicht der Familien, was ein ganz wesentlicher Grund dafür ist, dass Mädchen abgetrieben werden. Auch in betuchten Kreisen gilt ein Mädchen oft als schwerer Schicksalsschlag. Heiratet eine Tochter, muss man der Familie ihres Künftigen einen Teil des Familienbesitzes abtreten, heiratet ein Sohn, fließen nicht unerhebliche Summen in die Familienkasse: "Drei Töchter sind dein Ruin, drei Söhne deine Rettung."

Auch die Religionszugehörigkeit beeinflusst die Neigung der Ehepaare, einen Sohn vorzuziehen. Der Buddhismus und die konfuzianischen Wertvorstellungen geben männlichen Nachkommen den Vorzug und tolerieren Abtreibungen eher als Katholizismus und Protestantismus. Dies verschärft die Diskriminierung der Mädchen via pränatale Selektion. In Indien zeigen die Hindus - und mehr noch die Sikhs und die Jainas - eine starke Neigung zu selektiver Abtreibung, während Muslime und Christen ihre Töchter wenig diskriminieren und sich in puncto Jungenanteil im Rahmen der Norm bewegen.

In China boomt der Frauenhandel

Die unmittelbaren demografischen Konsequenzen werden ab Mitte des nächsten Jahrzehnts sichtbar, wenn die Jahrgänge mit Mädchendefizit das heiratsfähige Alter erreichen.

In China wird sich das Ungleichgewicht auf dem Heiratsmarkt ab 2010 verschärfen, um 2030 wird der Männerüberschuss wohl 20 Prozent erreichen. Dann könnten jedes Jahr 1,6 Millionen Männer unfreiwillig ledig bleiben. Der Heiratsmarkt wird darauf zunächst mit Selbstregulierung reagieren. Die heiratswilligen Männer werden sich zunächst immer jüngeren Frauen zuwenden und sich anschließend auf zwei Gruppen konzentrieren, die in China bislang kaum Begehrlichkeiten weckten: zum einen die Witwen - sofern das Tabu der Wiederheirat schließlich doch noch fallen sollte -, zum anderen auf die weit größere Gruppe der Geschiedenen.

In jedem Fall werden sich die Heiratswilligen länger gedulden müssen, bis sie eine Frau finden, und sie werden bei ihrer Heirat im Durchschnitt älter sein als heute. Auf längere Sicht werden viele Männer gezwungenermaßen ledig bleiben und auf Nachkommen verzichten müssen. Vereitelt wird dann, was heute gerade einer der Hauptgründe der Bevorzugung männlicher Nachkommen ist - die Fortschreibung des Familienstammbaums.

Um den insbesondere in China wachsenden Frauenbedarf zu decken, organisieren sich transnationale Netze. Zum Beispiel wandern immer mehr vietnamesische Frauen zur Heirat nach China aus. Gerade in den südchinesischen Provinzen herrscht akuter Frauenmangel. Außerdem sind die Heiratskosten seit den Wirtschaftsreformen der 80er-Jahre drastisch gestiegen. Für ärmere chinesische Familien ist es daher oft billiger, für den Sohn eine Frau aus dem Ausland zu kaufen, um die Mitgift zu sparen (bei den Chinesen ist es der Bräutigam, der seiner Braut eine Mitgift gibt). Inzwischen gehören solche Geschäfte zu den ökonomischen Strategien vietnamesischer Migrantinnen, die mit der Heirat eines chinesischen Mannes die Hoffnung auf ein besseres Leben verbinden.

Auch in Richtung Taiwan nimmt die Heiratsmigration aus Vietnam stark zu. So waren im Jahr 2000 8 Prozent der Eheschließungen taiwanisch-vietnamesische Verbindungen. Seit Mitte der 90er-Jahre heirateten offenbar rund 100 000 Vietnamesinnen Taiwaner, die in den meisten Fällen eine feste Verbindung mit einer Frau wünschen, die die traditionellen Wertvorstellungen achtet und weniger Wert auf Selbstständigkeit legt als eine Taiwanerin.

In China boomt der Frauenhandel. Käufer sind im Allgemeinen arme Bauern mit geringer Bildung, für die es einfacher und billiger ist, die Dienste von Menschenhändlern in Anspruch zu nehmen, als nach traditioneller Art einen Hausstand zu gründen. Eine gewisse Laxheit von amtlicher Seite und korrupte Verhältnisse vereinfachen den Handel in den "Käuferregionen". In manchen Dörfern verkürzen die Behörden eigenmächtig das Eheschließungsverfahren und stellen dem Käufer ein kostenpflichtiges Zertifikat aus, das die Heirat mit der gekauften Frau bestätigt. Somit ist die Eheschließung in aller Form ins Personenstandsregister eingetragen. Als eine junge Chinesin, die entführt und verkauft worden war, bei ihrer Befreiung durch die Polizei zu ihrer Familie zurückkehren wollte, beteuerte der Käufer und offizielle Ehemann, das Zertifikat in der Hand: "Ja, meine Frau habe ich gekauft, aber vor dem Gesetz sind wir Eheleute."

Wird sich die Lage der Frauen, weil sie rar geworden sind, nun auf längere Sicht hin verbessern? Dafür gibt es derzeit keinerlei Anhaltspunkte. Besonders in China und in Indien werden Frauen mehr und mehr als Ware wahrgenommen und behandelt und gelten in manchen Gegenden nur noch als ein Konsumgut unter anderen. Weit davon entfernt, den symbolischen Wert von Frauen zu steigern und ihnen dadurch mehr Respekt zu zollen, befördern die ökonomische Modernisierung und das Phänomen der "fehlenden Frauen" deren Verdinglichung. Das ist in Indien der Fall, namentlich über das Mitgiftsystem, und das ist in China der Fall, wo der Marktwert der Frau im Zuge der Wirtschaftsreform zwar stieg, die Achtung vor der Frau jedoch nicht, vor allem nicht auf dem Land.

Was knapper wird, wird also nicht schon deshalb auch wertvoller. Dies veranschaulicht auf bemerkenswerte Weise der Spielfilm des indischen Filmemachers Manish Jha "Matrubhoomi: Ein Land ohne Frauen" (2005). Die Geschichte spielt in einer ländlichen Region Indiens, wo die weibliche Bevölkerung durch die Ermordung weiblicher Babys seit Jahren dezimiert wird. Dort lebt Ramcharan, der für seine fünf Söhne verzweifelt eine Frau sucht. Nicht weit entfernt versucht ein armer Bauer sein wertvollstes Gut zu verstecken: seine 16-jährige Tochter Kalki, ein Mädchen von großer Schönheit. Ramcharan erfährt durch einen Freund von der Existenz Kalkis und ersteht das Mädchen für teures Geld - offiziell, um sie seinem Ältesten zur Frau zu geben. Doch nach der Hochzeitsfeier sieht sich die junge Frau den Begierden der fünf Brüder und des Vaters ausgeliefert. Später wird sie in einem Stall angekettet und der Geilheit der Männer des Dorfes überlassen, bis sie schließlich ein Mädchen zur Welt bringt. Ein eher unwirklicher als visionärer Film, der gleichwohl mögliche Fehlentwicklungen in einer unter Frauenmangel leidenden Gesellschaft darstellt.

Die Regierungen der betroffenen Länder versuchen die schwierige Situation mit politischen Maßnahmen in den Griff zu bekommen. In Indien untersagt es der "Prenatal Diagnosis Techniques Act" dem medizinischen Personal seit 1994, die Eltern über das Geschlecht des Fötus zu informieren. Obgleich ein Zuwiderhandeln mit einer Gefängnis- und Geldstrafe geahndet werden soll, wird weiterhin dagegen verstoßen - in völliger Straffreiheit.

In China verbieten verschiedene Gesetze aus den 90er-Jahren, Mädchen schlecht zu behandeln, zu diskriminieren oder pränatal auszusondern. Bestechlichkeit führt allerdings dazu, dass selektive Abtreibungen nach wie vor keine Seltenheit sind. Die 2001 gestartete Kampagne für "Mehr Rücksicht auf Mädchen" wirbt in Schulbüchern für die Gleichheit der Geschlechter und versucht die Lebensbedingungen von Familien, die ausschließlich Töchter haben, zu verbessern. In manchen Regionen erhalten die Eltern Zahlungen aus einem Unterstützungsfonds und müssen bis zur Volljährigkeit ihrer Töchter weder Agrarsteuern noch Schulgebühren bezahlen. Darüber hinaus hat die Regierung ein Programm initiiert, das den Jungenanteil an den Neugeborenen bis 2010 wieder auf ein normales Niveau reduzieren soll.

Gesetze allein helfen aber nicht. Die patriarchalen Werte sind in diesen Gesellschaften so tief verankert, dass selbst Frauen, die einräumen, dass es eine tiefere emotionale Bindung zwischen Mutter und Tochter geben kann und dass Töchter ihren alternden Eltern oft mehr Aufmerksamkeit schenken als Söhne, dennoch einen Sohn bevorzugen. Es wird wohl noch einige Generationen dauern, bis es Eltern egal sein wird, ob sie ein Mädchen oder einen Jungen erwarten. Und damit das passieren kann, muss sich auch der gesellschaftliche Status der Frauen entscheidend verbessern.

Es bleibt zu hoffen, dass die diversen Gesetze und Maßnahmen greifen und eine Wende herbeiführen werden, so wie es in Südkorea geschehen ist. Hier hat sich der Anteil der Jungen an den Neugeborenen seit Mitte der 90er-Jahre normalisiert, weil jüngere Ehepaare die patriarchalen Wertvorstellungen immer öfter in Frage stellen und traditionell sexistische Verhaltensweisen abzulegen beginnen.

Sollte das Frauendefizit weiterhin wachsen, - also jedes Jahr um mehrere Millionen - wird das gravierende Konsequenzen haben. Denn weniger Frauen bedeuten weniger Kinder, mathematisch gesehen also auch weniger Mädchen, also weniger Frauen in der nächsten Generation, folglich eine rapide Verlangsamung des Bevölkerungswachstums in den heute bevölkerungsreichsten Staaten der Welt. Dann werden wir nicht mehr allzu weit entfernt sein von Verhältnissen, wie sie Amin Maalouf in "Das erste Jahrhundert nach Beatrice"(5) beschreibt: "Wenn Männer und Frauen morgen mit einem einfachen Mittel die Geschlechtszugehörigkeit ihrer Kinder bestimmen könnten, würden sie sich in manchen Völkern ausschließlich für Jungen entscheiden. Sie würden sich also nicht mehr reproduzieren. Heute ein gesellschaftlicher Makel, würde der Männlichkeitskult kollektiven Selbstmord bedeuten." Die Folge wäre ein "Auto-Genozid der frauenfeindlichen Gesellschaften".

Fußnoten:
(1) Auszug aus einem Beitrag in der "International Herald Tribune, 18. August 1994.
(2) Titel des Beitrags von Amartya Sen, "More than 100 million women are missing", "The New York Review of Books, 20. Dezember 1990.
(3) Fast überall auf der Welt haben Frauen eine höhere Lebenserwartung als Männer, weil sie hormonbedingt insgesamt widerstandsfähiger sind. Vor allem aber konsumieren sie regelmäßig weniger Alkohol und Tabak und unterliegen geringerem Stress.
(4) Wichtigere Gründe sind allerdings die überhöhte Mortalitätsrate der Frauen im gebärfähigen Alter und die zu geringen Angaben bei Volkszählungen. Die ungleiche Verteilung der Geschlechter bei der Geburt kommt erst an vierter Stelle.
(5) 2004 erschienen im Suhrkamp Verlag.
Aus dem Französischen von Bodo Schulze

Isabelle Attané ist Demografin und Sinologin sowie Forschungsbeauftragte am Institut National d'Études Démographiques (Ined) in Paris und Autorin von "Une Chine sans femmes?", Paris (Perrin) 2005.

Le Monde diplomatique Nr. 8015 vom 7.7.2006, 558 Zeilen, Isabelle Attané

Seitenanfang

Übersicht