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Die Demokratie und ihre Verächter

Viel ist in den letzten Jahren in Frankreich über einen neuen Konservatismus unter den tonangebenden Intellektuellen debattiert worden. Seit der Streitschrift von Daniel Lindenberg (2002) gibt es sogar ein eigenes Etikett: „die neuen Reaktionäre“. Kann man aber Intellektuellen, die sich selbst (wie der Philosoph Alain Finkielkraut) explizit als antitotalitär verstehen, „Hass auf die Demokratie“ unterstellen? Das jüngste Buch von Jacques Rancière, einem der derzeit bedeutendsten politischen Theoretiker Frankreichs, trägt diesen Vorwurf im Titel.1

Gleichwohl ist sein Buch mehr als eine Kritik am Typus des systemkonformen „Medienintellektuellen“. In den letzten 20 Jahren, so stellt Rancière fest, hat der Begriff der Demokratie in der herrschenden intellektuellen Meinung seine positive Bedeutung immer mehr eingebüßt. Vor allem seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion habe auch der Gegensatz zwischen Demokratie und Totalitarismus an Prägnanz verloren. Charakteristika, die früher dem Totalitarismus zugeschrieben wurden, namentlich die Kontrolle des gesamten gesellschaftlichen Lebens durch den Staat, würden nun umgekehrt als typisch für die modernen Demokratien betrachtet. Doch heute gefährdeten nicht staatliche Institutionen, sondern „demokratische Individuen“, den Fortbestand der Gesellschaft. Denn gerade die Individuen zerstörten mit ihrem Drang nach Selbstverwirklichung und ihrem Wunsch nach ungehemmtem Konsum den sozialen Zusammenhalt. Schließlich degeneriere das gesamte demokratische Leben zu einer Art Markt, auf dem sich der Wähler eine Partei nach seinem Geschmack aussuche, der Schüler zum Konsumenten der Ware Unterricht werde und Gewerkschaften, Frauen oder Minderheiten ihre jeweiligen Interessen durchzusetzen suchten.

Rancière entziffert in dieser Gesellschaftsdiagnose eine paradoxe Logik. Was eben noch den Vorzug der liberalen Demokratien gegenüber den totalitären Regimen ausmachte, nämlich die individuelle Freiheit, wurde nach dem Zusammenbruch der kommunistischen Staaten, so Rancière, in der Gestalt des hedonistischen Konsumenten zunehmend zu einer von innen kommenden Bedrohung der Demokratie umgedeutet. Gegen die apokalyptische Vision einer sich selbst zerstörenden Demokratie, so fasst Rancière den „neuen Hass auf die Demokratie“ thesenhaft zusammen, ertöne neuerdings der Ruf nach einer „guten“ Demokratie, in der die Regeln des öffentlichen Zusammenlebens per Gesetz festgelegt und staatlicherseits durchgesetzt werden.

Ein Beispiel für eine derartige fragwürdige Haltung entdeckt Rancière in der aktuellen Kopftuchdebatte, wo die „guten“ laizistischen Werte der Republik der individuellen Freiheit entgegengesetzt werden. Sehr deutlich hat sich in dieser Debatte der Republikanismus als Gegenpol zum Zerfall des Gemeinwesens in individualistische Positionen in Szene gesetzt. Doch nach Rancières Auffassung ist der Republikanismus in Wirklichkeit kaum mehr als eine ideologische Verbrämung der Tatsache, dass eine intellektuelle Elite für sich das Vorrecht beansprucht, der übrigen Gesellschaft ihre Ordnungsvorstellung zu diktieren. Sie folgt damit einer Logik der „Polizei“ in der Bedeutung, die Rancière diesem Wort gibt und die in etwa dem klassischen Verständnis von Politik entspricht. Denn als „polizeilich“ gilt ihm die Vorstellung, dass jedem Einzelnen in der Gesellschaft ein fester symbolischer Ort zugewiesen ist.

Die Frage danach, aus welcher Perspektive sich diese „polizeiliche“ Aufteilung der Gesellschaft aufbrechen ließe, hat den 1940 in Algier geborenen Jacques Rancière schon früh beschäftigt. 1965 wurde er zunächst bekannt als Koautor der von Louis Althusser und Etienne Balibar veröffentlichten Studie „Lire le Capital“. Von Althusser entfernte er sich allerdings im Zuge der 68er-Bewegung, nicht zuletzt, weil er dessen Begriff von Ideologie ablehnte, der seiner Meinung nach darauf hinauslief, dass die sozialen Akteure (sprich: das Proletariat) sich ihrer Situation nicht bewusst werden könnten und daher darauf angewiesen seien, von Intellektuellen die wahren Ursachen ihrer Unterdrückung benannt zu bekommen.

In seinen Augen geht es heute darum, den ursprünglichen „Skandal“ der Demokratie wieder in Erinnerung zu rufen: dass jede Stimme in der Entscheidung über öffentliche Angelegenheiten zählt – und gleich viel zählt. „Politik“, wie Rancière sie definiert, bedeutet, dass eine vorherrschende Ordnung immer wieder durch gesellschaftliche Gruppen, die in ihr nicht oder nicht ausreichend repräsentiert sind, in Frage gestellt und in der Konsequenz das vorherrschende Machtgefüge unterbrochen werden kann. Demokratie ist daher im Wesentlichen Streit über die Gestaltung des öffentlichen Lebens. In den westlichen Demokratien herrsche dagegen die Logik des Konsenses. Unter dem Vorwand, dass ökonomische Globalisierung und finanzielle Knappheit der sozialen Systeme nur sehr eingeschränkte Lösungsmöglichkeiten offen ließen, tritt die Politik ihre Gestaltungskompetenz an Experten ab und werde so, so Rancière, auf die Rolle des „Managers“ lokaler Konsequenzen reduziert, wodurch wirkliche Demokratie und wirkliche Politik ausgelöscht würden.

Sonja Asal

Fußnote: 1 Jacques Ranciere, „La haine de la démocratie“, Paris (La Fabrique éditions) 2005.

Le Monde diplomatique vom 12.05.2006,