Artikel

Artikel drucken zurück

DIE ALGERISCHE REGIERUNG PROFITIERT VON DER AL-QAIDA-GEFAHR

Verwischte Spuren in der Sahara

ZWEIFELSFREI war die Entführung von 32 westlichen Touristen in Südalgerien zu Beginn des Jahres 2003 für die algerische Regierung sehr nützlich. Indem eine Verbindung zwischen den Geiselnehmern und al-Qaida behauptet wurde, konnte Algier endlich seine Beziehungen zu Washington verbessern. Die neue geostrategische Bedeutung des Landes für die USA erlaubt auch mehr Unabhängigkeit gegenüber der EU und Frankreich. Eine Reihe von Indizien deutet nun darauf hin, dass nicht Bin Laden, sondern im Gegenteil der algerische Geheimdienst aktiv in die Geiselaffäre verstrickt war.

Von SALIMAH MELLAH und JEAN-BAPTISTE RIVOIRE *

Anfang 2003, ausgerechnet während ihrer intensiven diplomatischen Bemühungen um finanzielle und militärische Unterstützung durch die USA, entdeckten Algeriens Machthaber eine neue Bedrohung ihres Landes. Am 4. Januar, kurz vor der Ankunft einer hochrangigen Militärdelegation aus Washington, die prüfen sollte, ob im Rahmen der Terrorbekämpfung Waffenlieferungen an Algerien sinnvoll seien, überfiel die Salafistische Gruppe für Predigt und Kampf (GSPC)1 in der Nähe der nordostalgerischen Großstadt Batna einen Militärkonvoi. Dreiundvierzig Soldaten wurden getötet, die Aktion führte zu Unruhe in der Bevölkerung und galt als schwerer Schlag gegen das Regime.

Der algerische Militärgeheimdienst und die aus ihm hervorgegangene Behörde für Sicherheit und Aufklärung (DRS)2 erklärten sofort, GSPC-Führer Abderrazak El Para – ein ehemaliger Offizier einer Fallschirmjäger-Spezialeinheit der Armee – sei „Befehlsempfänger von Bin Laden“ mit dem Auftrag, „al-Qaida in der Sahelregion Rückhalt zu verschaffen“.

Als Beleg präsentierten sie der internationalen Öffentlichkeit ein Video, das sich später als gefälscht erwies. Kurz darauf lockerten die USA das Waffenembargo gegen Algerien und kündigten an, die Regierung mit militärischer Spezialausrüstung für die Terroristenbekämpfung zu versorgen.3 Bereits Ende 2002 hatte William Burns, US-Vizeaußenminister und Sondergesandter für den Nahen Osten, erklärt, Washington könne, „was den Kampf gegen den Terrorismus angeht, von Algerien viel lernen“4.

Eine weitere Aktion der Gruppe von El Para sorgte dann, ebenfalls im Frühjahr 2003, für rasche Annäherung zwischen Washington und Algier. Zwischen 22. Februar und 23. März wurden in Illizi, einer entlegenen Region der algerischen Sahara, 32 europäische Touristen entführt, sechzehn Deutsche, zehn Österreicher, vier Schweizer, ein Schwede und ein Niederländer. Nach vielen Wochen – eine Deutsche war in der Wüste gestorben und von den Geiseln bestattet worden – kamen sie wieder frei, eine erste Gruppe Mitte Mai, die Übrigen Mitte August. Vorausgegangen waren verdeckte Verhandlungen, über die nie Genaueres bekannt wurde.

Algerien gilt seither als Ziel der Aktivitäten von al-Qaida und folglich als natürlicher Verbündeter der USA. Die Jagd auf Bin Laden hatte Washington ja auch die Rechtfertigung für die Besetzung Afghanistans und die Errichtung von Militärstützpunkten in der strategisch wichtigen zentralasiatischen Region geliefert. Soll nun vielleicht El Para das Schreckgespenst abgeben, damit sich die USA in der Sahelzone militärisch festsetzen können?

Im März 2004 erklärte General Charles Wald, stellvertretender Oberbefehlshaber der US-Streitkräfte in Europa (Eucom), Al-Qaida-Aktivisten versuchten, „in Nordafrika, in der Sahelzone und im Maghreb“ Fuß zu fassen. „Sie wollen dort ein ähnliches Rückzugsgebiet wie in Afghanistan unter der Taliban-Herrschaft einrichten. Sie brauchen einen sicheren Ort, um sich neu zu formieren und auszurüsten und um neue Mitglieder zu rekrutieren.“5

Dem Militärregime kämen bessere Beziehungen zu Washington jedenfalls sehr gelegen. Der Geheimdienst DRS wusste schon in den 1990er-Jahren den „islamistischen Terrorismus“ geschickt einzusetzen. Er wollte damit alte Schandtaten vergessen machen und sich die Unterstützung des Westens sichern.

Ende 1993, nach knapp zwei Jahren erbarmungsloser Kriegführung gegen den islamistischen Widerstand, versuchte die Militärführung, Frankreich für sich einzunehmen. In Paris fanden die Machthaber tatsächlich Unterstützung für ihre Politik der „Ausmerzung“ – bei Innenminister Charles Pasqua und seinem Berater Jean-Charles Marchiani. Im Außenministerium und im Präsidentenpalast war man skeptischer: Alain Juppé und François Mitterrand sprachen sich gegen das repressive Vorgehen aus.

Um Druck zu machen und den Einfluss der nach Frankreich emigrierten Regimegegner zu schwächen, inszenierte die algerische Geheimdienstführung, in Abstimmung mit Jean-Charles Marchiani Ende Oktober 1993 die fingierte Entführung von Alain Freissier und des Ehepaares Thévenot, französische Beamte, die in Algier tätig waren.6 Und Premierminister Edouard Balladur gab nach einigem Zögern grünes Licht für die „Operation Chrysanthème“: Unter Leitung des Innenministeriums fand die größte Razzia gegen algerische Regimegegner in Frankreich seit dem 17. Oktober 19617 statt. Die algerischen Geheimdienste taten das ihre, indem sie eine Befreiung der Geiseln aus der Gewalt der „islamistischen Entführer“ vortäuschten.

Ende 1994 ging der DRS in seinem „Krieg gegen die Aufständischen“ noch einen Schritt weiter. Er half nach, dass ein Mann zum Führer der berüchtigten Bewaffneten Islamischen Gruppe (GIA) ernannt wurde, der auf seiner Gehaltsliste stand. Unter ihrem neuen „Emir“ Djamel Zitouni bekannten sich die Untergrundkämpfer von Oktober 1994 bis Juli 1996 zu einer Reihe von Terrorakten: zur Entführung eines Airbus der Air France im Dezember 1994, zu Anschlägen auf die S-Bahn in Paris 1995, zur Entführung und Ermordung von Mönchen aus dem algerischen Kloster Tibhirine 1996 und zu Massakern an der Zivilbevölkerung.

Letztlich dienten diese Aktionen nur der Strategie einer bestimmten Fraktion in der Führung des algerischen Militärs. Sie sollten die Islamisten in Misskredit bringen, Frankreich zu mehr Unterstützung bewegen und sicherstellen, dass ein politischer Kompromiss im algerischen Bürgerkrieg in weite Ferne rückte. Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, ob der DRS vielleicht, zehn Jahre später, den GSPC-Führer El Para als Schlüsselfigur für eine Neuauflage derartiger Machenschaften benutzt.

Amari Saifi, genannt Abderrazak El Para, ehemals Offizier einer Sondereinsatztruppe der algerischen Armee, war nach eigenen Angaben8 von 1990 bis 1993 Chef der Leibgarde des Verteidigungsministers General Khaled Nezzar. 1992 soll er sich der islamistischen Guerilla angeschlossen haben und wenig später zur „Nummer zwei“ der GSPC aufgerückt sein. Ob er tatsächlich zum engeren Führungskreis dieser Organisation gehört, ist jedoch zweifelhaft: Auf den Internetseiten der GSPC9 findet sich kein Hinweis auf Amari Saifi alias Abou Haidara alias El Para. Die Anfang 2003 entführten deutschen Touristen wollen ihn identifiziert haben, doch die GSPC hat sich nie zu diesen Entführungen bekannt. Die Behauptung, El Para sei einer ihrer Anführer, wird allein vom Generalstab der Armee – von seinen früheren Arbeitgebern – erhoben.

Die Wochenzeitung Paris Match ließen solche Zweifel kalt. Sie erklärte, El Para habe „von al-Qaida den Auftrag, in der Sahara Stützpunkte einzurichten“. Aus den offiziellen Verlautbarungen der GSPC, aus den Berichten der Sahara-Geiseln über die ideologischen Positionen ihrer Entführer und aus Interviews, die Paris Match Mitte 2004 mit GSPC-Mitgliedern führte, geht aber klar hervor, dass diese Gruppierung sich zwar mit dem Kampf anderer Gotteskrieger solidarisch erklärt, die Ziele ihres eigenen bewaffneten Kampfes aber ausschließlich im Rahmen des algerischen Konflikts definiert.

Zum Beweis für die Verbindung zwischen al-Qaida und GSPC hat die algerische Führung erklärt, Imad Ibn al-Wahid – ein Jemenit, der am 12. September 2002 bei Batna von der Armee getötet wurde – sei von „Bin Laden in die Sahelregion und den Maghreb entsandt“ worden. Man sei im Besitz eines Videobands, auf dem er den algerischen Salafisten die Unterstützung durch al-Qaida zusichere. Dem steht nach Presseangaben die Aussage dreier ehemaliger GSPC-Mitglieder entgegen, die Kassette sei eine Fälschung, angefertigt von der auf solche Aufgaben spezialisierten Zelle der Organisation.10 Doch der US-Regierung genügte dieser „Beweis“, dessen einzige Quelle der DRS und seine Gewährsleute in der algerischen Presse waren, um die GSPC auf die Liste der terroristischen Organisationen im Ausland zu setzen. Obwohl auch US-Experten Zweifel äußerten, „setzte sich die Formel von der Verbindung zwischen GSPC und al-Qaida allmählich in der nationalen und später in der internationalen Presse durch“.11

Von Februar bis August 2003, als sich das Geiseldrama in der Sahara abspielte, gab es von den Entführern weder ein Bekennerschreiben, noch stellten sie politische oder finanzielle Forderungen. Und erst am 12. April tauchte – ohne nähere Beweise – in den Zeitungen die Behauptung auf, die Entführungen seien das Werk der GSPC. Nachdenklich mussten auch die späteren Aussagen einiger der Entführten stimmen, die erklärten, die Aktion sei keineswegs von Hassan Hattab, dem damals vermutlich amtierenden GSPC-Chef, sondern von El Para geleitet worden.12 Außerdem berichteten sie, die Entführer hätten ständig Funktelefone benutzt und an den wechselnden Standorten seien immer wieder sehr rasch Hubschrauber der algerischen Armee aufgetaucht. Wenn man El Para also bereits im Visier hatte, weshalb wurde er dann nicht außer Gefecht gesetzt?

Am 10. Mai 2003 trafen Bundesaußenminister Fischer und der Chef des Bundesnachrichtendienstes, August Hennig, in Algier ein. Zwei Tage später befreite das algerische Militär die erste Gruppe von Geiseln – offiziell nach einem „kurzen Angriff, bei dem alle Vorkehrungen für den Schutz der Geiseln getroffen wurden“. Bei näherer Betrachtung gibt diese Operation allerdings einige Rätsel auf.

So versuchten die Kämpfer unter Führung von El Para offenbar nicht, ihre Geiseln als Schutzschild zu nutzen, sondern forderten sie auf, in unterirdischen Höhlen Zuflucht zu suchen. Nach dem Kampf wunderten sich die befreiten Touristen, dass keine Spuren einer Auseinandersetzung zu sehen waren: weder Tote noch Verwundete. Nach Angaben der Armee wurden vier Entführer getötet. Eine der Geiseln äußerte erhebliche Zweifel an der offiziellen Version dieser Befreiung: „Die Salafisten wussten ganz genau, was geschehen würde. Sie ließen uns 18 Kilometer durch die Wüste marschieren, um an einen zuvor vereinbarten Ort zu kommen, wo wir dann unsere ,Befreiung‘ erleben sollten. Dass die Aktion eine Inszenierung des algerischen Militärs gewesen sein könnte, kam mir erst später in den Sinn.“ Er frage sich „immer noch, welche Verbindungen zwischen den Salafisten und dem Militär es wohl gegeben hat“.13

Rätselhaft erscheint auch, dass einige Geiselnehmer wie durch ein Wunder der Einkreisung durch die Armee entkamen und – obwohl sie keine Fahrzeuge hatten – schon kurze Zeit später bei der zweiten Gruppe von Geiseln auftauchten, die immerhin mehr als 1 000 Kilometer entfernt war. Am 18. August kam diese Gruppe in Mali frei, nachdem Deutschland, Österreich und die Schweiz angeblich ein Lösegeld von 5 Millionen Dollar bezahlt hatten.14 Die Umstände dieser Befreiung blieben undurchsichtig. Seither besteht der Verdacht, dass der ehemalige Offizier El Para, dessen terroristische Aktivitäten dem algerischen Regime bei seinen Bemühungen um internationale Unterstützung so gut ins Konzept passen, vielleicht immer noch auf der Gehaltsliste seiner einstigen Dienstherren steht.

Anfang März 2004 wurden El Para und fünfzig seiner Kämpfer im Norden des Tschad aufgespürt und von einer tschadischen Armeeeinheit angegriffen. El Para selbst und einige Mitstreiter konnten entkommen, gerieten aber kurz darauf in die Hände der Bewegung für Demokratie und Gerechtigkeit im Tschad (MDJT). Die Rebellenbewegung gegen das Regime von Idriss Déby erkannte rasch, dass sie den „international gesuchten Salafisten“, „von dem im Radio ständig die Rede ist“, in ihrer Gewalt hatte.15

El Para rechnete offenbar mit seiner baldigen Befreiung: „Ich habe viele Kontakte in Algier“, erklärte er selbstbewusst. „Wenn ihr Geld wollt, von uns könnt ihr es kriegen.“ Doch die MDJT spielte nicht mit. „Wir haben Kontakt zu allen betroffenen Parteien aufgenommen, um El Para in ein Land auszuliefern, wo er ein ordentliches Gerichtsverfahren erwarten kann“, erklärte Brahim Tchouma, der außenpolitische Sprecher der Bewegung.

Anfang April erging an drei Vertreter der MDJT in Frankreich die Einladung zu einem inoffiziellen Besuch in Algier. Die Rebellenbewegung war überzeugt, dass Algerien seinen „Volksfeind Nr. 1“ unbedingt in Gewahrsam nehmen wollte, und stimmte dem Treffen mit General Mohamed Médiène, dem Chef des gefürchteten Geheimdienstes DRS, zu. „Wir beschrieben ihm den Anführer der Gruppe, die wir gefangen genommen hatten“, berichtet Mohamed Mehdi, der stellvertretende Leiter der Auslandsorganisation der MDJT. „Er konnte sofort bestätigen, dass es sich um Amari Saifi, genannt Abderrazak El Para handelte. Die DRS-Führung war sehr gut informiert. Man hat uns sogar darauf hingewiesen, dass die Nummer des Satellitentelefons von El Para, die wir uns notiert hatten, nicht ganz korrekt war. Gemeinsam haben wir dann die Nummer gewählt, die der Geheimdienst besaß – und tatsächlich klingelte in Tibesti das Telefon, das wir El-Para abgenommen hatten.“

Seltsamerweise zogen sich die Verhandlungen dann in die Länge. „Absolute Vertraulichkeit war die erste Forderung der Algerier“, erzählt Mohamed Mehdi. „Die Gefangennahme von El Para sollte auf keinen Fall öffentlich bekannt werden. Wir boten ihnen an, ihn in Mali abzugeben, aber sie wollten, dass wir ihn in den Süden Algeriens bringen.“ Nach zwei Wochen ergebnisloser Gespräche begann die MDJT zu zweifeln, dass Algerien tatsächlich an der Auslieferung von El Para interessiert war, und suchte den Kontakt mit Deutschland, das einen internationalen Haftbefehl gegen den Terroristen ausgestellt hatte. Doch auch diese Verhandlungen zogen sich hin – Algier hatte den Deutschen schon unmittelbar nach den Geiselnahmen Hoffnungen auf den Abschluss bedeutender Wirtschaftsabkommen gemacht.16

Ende Mai kam die MDJT zu der Erkenntnis, dass der prominente Gefangene allmählich zum Ärgernis wurde, und versuchte durch Aussagen über die seltsame Zurückhaltung der algerischen Geheimdienste, die in Le Monde erschienen, Bewegung in die Sache zu bringen.17 Nur wenige Tage später ergriff der DRS die Initiative: Unter strengster Geheimhaltung wurde eine Kommandoeinheit durch den Norden Nigers an die Grenze zum Tschad entsandt, um El Para nach Algerien zu bringen. Zugleich erhielt ein örtlicher Kommandant der MDJT ein hohes Lösegeldangebot. Außerdem lancierte der Geheimdienst eine Falschmeldung, um seine Rolle in der Angelegenheit zu verschleiern. Am 2. Juni 2004 berichtete ein Journalist von Radio France Internationale (RFI): „Abderrazak El Para, einer der meistgesuchten Männer in Algerien, ist wieder frei.“ Angeblich hatten „einige Fraktionen der GSPC den Rebellen im Tschad 200 000 Euro für die Freilassung von El Para und zweier seiner algerischen Gefolgsleute bezahlt“.18

Die Information war falsch, der RFI-Journalist – vermutlich Opfer eines Täuschungsmanövers – berief sich später auf nicht näher genannte „Quellen im algerischen Militär“. „Als diese Meldung gesendet wurde, habe ich Kontakt mit unserer Führung aufgenommen“, erklärt Mohamed Mehdi. „Dort hat man mir bestätigt, dass sich El Para und zwei seiner Offiziere in der Hand eines unserer lokalen Kommandanten, an der Grenze zu Niger, befinden, dass alles andere aber frei erfunden sei.“ Mehdi setzte sich dafür ein, die Gefangenen wieder der Führung seiner Bewegung zu überstellen.

Nur Stunden später erhielt er einen Anruf von einem Geheimdienstoffizier des DRS, mit dem er einige Wochen zuvor in Algier zusammengetroffen war. Der DRS-Mann war außer sich und warf der MDJT-Führung vor, „den Austausch von El Para hintertrieben“ zu haben. „Wir hatten keine Abmachungen getroffen“, erklärt Mehdi heute. „Die Algerier haben hinter unserem Rücken mit einem lokalen Kommandanten verhandelt. Und wenn der Militärgeheimdienst so sehr daran interessiert war, El Para unauffällig nach Hause zu bringen, wieso hat er dann die Meldung in die Welt gesetzt, wir hätten ihn an die Salafisten verkauft?“

Im nächsten Schritt versuchte die MDJT, El Para und seine Kämpfer an Deutschland auszuliefern. Libyen sollte als Vermittler dienen, doch Anfang Juli scheiterte schon der erste Versuch der Überstellung von zwei Gefangenen: Libyen bestätigte die Ankunft der beiden Islamisten, erklärte aber, sie seien bei einer Auseinandersetzung getötet worden. Die MDJT witterte Verrat und stoppte die Auslieferung. El Para durfte Journalisten von Paris Match ein Interview geben, das von einem Kameramann von France 2 aufgenommen wurde. Er erklärte, die Entführung der 32 Touristen im Frühjahr 2003 durchgeführt zu haben, bestritt aber jede Verbindung zu Bin Laden.19

Ende Oktober gelang es dem algerischen Geheimdienst endlich, das Problem zu lösen: Man bewog den örtlichen Kommandanten der MDJT zur Auslieferung des prominenten Gefangenen. Kaum war der „Bin Laden der Wüste“ in Gewahrsam des DRS, sank sein Marktwert deutlich.20 In der algerischen Presse wurde lediglich vermerkt, er engagiere sich für die von Staatspräsident Abdelaziz Bouteflika propagierte Generalamnestie – die den Terroristen ebenso zugute kommen soll wie den Militärs, die Verbrechen gegen die Menschlichkeit im „schmutzigen Krieg“ der 1990er-Jahre zu verantworten haben.21

Dass es die Regierung Bush offenbar nicht eilig hatte, die „rechte Hand Bin Ladens in der Sahara“ in ihre Gewalt zu bringen, mag erstaunen. Dies liegt aber wohl einfach daran, dass ihr seit dem 11. September 2001 gute Beziehungen zum algerischen Regime sehr wichtig sind. 2003 erklärte man Algerien zum demokratischsten Land der arabischen Welt – kurz zuvor war in Washington beschlossen worden, das algerische Militär in seinem Kampf gegen Terroristen durch die Lieferung von Rüstungsgütern zu unterstützen. Der entscheidende Schritt in der Zusammenarbeit bestand jedoch in der Einrichtung von Stützpunkten im Maghreb und in der Sahara, die im Rahmen der weltweiten Neuordnung des Systems der US-Militärbasen stattfand. Die USA wollen ihre großen, kostspieligen und unflexiblen Einrichtungen durch ein Netz kleiner, weniger personalintensiver Außenposten ersetzen.

Im November 2003, kurz nach den Geiselnahmen in der Sahara, begann die Umsetzung der so genannten Pan-Sahel-Initiative, deren Schwerpunkte nicht zufällig in Nord- und Westafrika liegen. Hier finden sich Lagerstätten, aus denen derzeit 17 Prozent der Ölimporte in die USA stammen. Innerhalb der nächsten zehn Jahre soll die Quote auf 25 Prozent steigen. An der algerischen Sonatrach, mit schätzungsweise 32 Milliarden Dollar Umsatz (2004) der größte Ölkonzern Afrikas, kommt man dabei nicht vorbei.

Nach Dschibuti, zu dem alten Stützpunkt aus der französischen Kolonialzeit, sind bereits 2 000 US-Soldaten entsandt worden. Langfristig ist die Einrichtung von rund einem Dutzend Militärbasen in der Region geplant: in Senegal, Mali, Mauretanien, Niger, Tschad, Ghana, Marokko, Tunesien und Algerien.22 Algerische Medien haben bereits über die Stationierung eines 400 Mann starken Voraustrupps von US-Spezialeinheiten in der Nähe von Tamanrasset berichtet. Bei der Entsendung weiterer Truppen in die Region – im Rahmen des amerikanischen geostrategischen Konzepts eines „Greater Middle East“ – wird Algerien eine Schlüsselrolle spielen.

Im Frühjahr 2004 beschloss man in Washington, das Budget für die „Pan-Sahel-Initiative“ von 7 Millionen auf 125 Millionen Dollar aufzustocken. Damit lassen sich die Waffenlieferungen an die Länder in der Region ausweiten. Damals hatte es in der algerischen Presse geheißen, die GSPC sei „der einzige Grund für die Präsenz der Amerikaner in der Region. Einige Entscheidungen dürften neu bewertet werden, falls El Para getötet und sein Tod offiziell bestätigt wird oder falls er gefangen genommen und an einen anderen Staat ausgeliefert wird“23.

El Para außer Gefecht zu setzen konnte also weder im Interesse der USA noch in dem der Staaten der Region liegen – er war für sie alle nützlich, solange er sein Unwesen trieb. Um unangenehme Enthüllungen zu vermeiden, durfte er allenfalls von algerischen Sicherheitskräften festgesetzt werden. Richard Boucher, Sprecher des US-Außenministeriums, erklärte dazu im Juli 2004: „El Para und seine Komplizen sollten möglichst bald von den algerischen Behörden gefasst und vor Gericht gestellt werden.“24

Die US-Initiative bedeutet auch einen Übergriff. Einige Länder, auf die amerikanische Konzerne nun ein Auge geworfen haben (etwa Tschad, Angola und sogar das stets frankreichtreue Gabun),25 sind eigentlich Bastionen der französischen Einflusssphäre in Afrika. Und natürlich geht es den USA auch darum, den militärischen Einfluss Frankreichs zu begrenzen. Frankreich, das die algerischen Machthaber während der Jahre des „Totalen Kriegs“ gegen die Islamisten stets gestützt hatte, muss nun fürchten, von der mächtigsten Nation der Welt aus der Region verdrängt zu werden. Dafür sprechen Waffenlieferungen, Konzessionen für die Prospektion und Ausbeutung von Ölvorkommen und neue Handelsabkommen – der 2004 gestartete amerikanische Eizenstat-Plan einer Freihandelszone, die mit Marokko inzwischen vereinbart ist26, kann nur als Konkurrenzprojekt zu der für 2010 geplanten Freihandelszone der EU mit den Mittelmeeranrainern verstanden werden.

Nachdem der auf der Mittelmeerkonferenz im November 1995 begonnene „Barcelona-Prozess“ nur schleppend voranging, verlegte sich Frankreich ganz auf die Stärkung der bilateralen Beziehungen. Der Staatsbesuch von Präsident Chirac in Algier am 2. März 200327 brachte diese Orientierung zum Ausdruck. Als nächster Schritt auf diesem Weg soll 2005 ein Freundschaftsvertrag geschlossen werden, um eine Sonderpartnerschaft auf allen Ebenen zu begründen – Wirtschaft, Kultur, Wissenschaft, Zivilgesellschaft und natürlich auch militärische Zusammenarbeit.

Seither hat es zahlreiche Ministertreffen gegeben. Weil französische Unternehmen sich nach wie nur zögerlich in Algerien engagieren, plant die Regierung nun ein Rahmenabkommen zur Investitionstätigkeit. Auch ein Verteidigungsabkommen ist im Gespräch. In Paris zeigte man sich daher sehr enttäuscht, dass Algerien Ende 2004 aus der Internationalen Organisation der Frankophonie ausgestiegen ist.

Das algerische Regime hat es verstanden, die mit den Anschlägen vom 11. September 2001 veränderte Weltlage für sich zu nutzen. In Algier hatte man schnell begriffen, dass die USA in Nordafrika Fuß fassen wollten – vermutlich kam es dabei auch gelegen, einen lokalen „Bin Laden“ gewähren zu lassen oder ihn gar zu fördern. Dass El Para in den Gewahrsam von tschadischen Rebellen geriet, war natürlich nicht geplant. Aber es sieht danach aus, als sei die neue Besetzung für die Rolle des Topterroristen bereits gefunden. In der algerischen Tageszeitung L’Expression hieß es kürzlich, die Sicherheitskräfte hätten nun die Schmugglerbande um Mokhtar Belmokhtar, angeblich seit langem mit der GSPC verbündet, ins Visier genommen: „Seit der Entführung europäischer Touristen im algerischen Großen Süden konzentrieren sich alle westlichen Geheimdienste auf die Verfolgung dieser Gruppe.“28 Man darf gespannt sein, wie es weitergeht.

deutsch von Edgar Peinelt

* Redakteurin der Website Algeria-Watch (www.algeria-watch.org); Journalist bei Canal Plus.

Fußnoten:
1 „Groupe salafiste pour la prédication et le combat“. Das arabische Wort salaf heißt „die Vorfahren“ und meint die Verfasser der kanonisierten Texte über das Leben und die Sprüche des Propheten Mohammed. Die Salafisten verfechten eine buchstabengetreue Koranauslegung.
2 Département de renseignement et de securité.
3 La Tribune (Algier), 12. 10. 2004.
4 The New York Times, 10. 12. 2002.
5 Le Quotidien d‘Oran, 6. 3. 2004.
6 L. Aggoun, J.-B. Rivoire, „Francalgérie, crimes et mensonges d‘Etats“, Paris (La Découverte) 2004.
7 Am 17. 10. 1961 ließ der damalige Polizeipräfekt von Paris, Maurice Papon, eine Demonstration gegen den Algerienkrieg blutig niederschlagen.
8 Paris-Match, 5.–11. 8. 2004.
9 www.jihad-algeria.com.
10 Le Quotidien d‘Oran, 23. 10. 2004.
11 Le Quotidien d‘Oran, 18. 5. 2003.
12 Reiner und Petra Bracht, „177 Tage Angst“, Euskirchen (Highlightsverlag) 2004.
13 Harald Ickler, „Entführt in der Wüste“, Bergisch-Gladbach (Bastei-Lübbe) 2003.
14 Siehe Lounis Aggoun in: Le Croquant (Lyon), Nr. 44 bis 45, Dezember 2004.
15 Le Monde (Paris), 26. 5. 2004.
16 L‘Expression, 7. 6. 2004.
17 Le Monde, 26. 5. 2004.
18 Radio France Internationale, 2. 6. 2004.
19 Siehe Fußnote 6, und: Patrick Forestier, Paul Comiti, „Envoyé spécial“, France 2, 9. 9. 2004.
20 El-Watan (Algier), 30. 10. 2004.
21 L‘Expression, 28. 12. 2004.
22 Junge Welt, 12. 7. 2004.
23 L‘Expression, 6. 6. 2004.
24 Le Matin, 11. 7. 2004.
25 Le Nouvel Observateur, 9.–16. 6. 2004.
26 Der US-Diplomat Stuart E. Eizenstat, unter dessen Leitung der Verbleib des „Nazigoldes“ und der „nachrichtenlosen Konten“ erforscht wurde, war in der Clinton-Ära zunächst Staatssekretär im US-Handelsministerium und war dann im Außenministerium für bilaterale Beziehungen zu den wichtigen Partnerländern zuständig.
27 www.elysee.fr/magazine/deplacement-etranger/sommaire.php?doc=/documents/discours/2003/03ALGE04.html
28 L‘Expression, 27. 12. 2004.

Le Monde diplomatique vom 11.02.2005, SALIMAH MELLAHJEAN / BAPTISTE RIVOIRE