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Clash of Definitions

Im Deutschen gibt es den schönen Begriff der Deutungshoheit, der das Verhältnis zwischen Macht und Interpretation der Wirklichkeit aufs knappste veranschaulicht. Edward Said spricht von der dialektischen Auseinandersetzung zwischen offizieller Kultur und Gegenkultur, durch die nationale Identität und die Interpretation der Geschichte definiert werden.

Von EDWARD SAID *

EINE bestimmte Kultur zu definieren, also zu benennen, was sie für die Menschen bedeutet, die ihr zugehören, ist stets ein eminent wichtiger und – selbst in undemokratischen Gesellschaften – demokratischer Prozess der Auseinandersetzung. In diesem Prozess werden kanonische Autoritäten ermittelt und wird immer wieder überprüft, immer wieder in Frage gestellt, neu etabliert oder auch abgesetzt. Da spielen Auffassungen über Gut und Böse eine Rolle, über Zugehörigkeit und Nichtzugehörigkeit (über das Eigene und das Fremde), über Werthierarchien, die bis ins Einzelne festgelegt, erörtert, neu erörtert und am Ende übernommen werden oder eben auch nicht.

Darüber hinaus definiert jede Kultur auch ihre Feinde: das also, was außerhalb von ihr existiert und sie bedroht. Für die Griechen war seit Herodot jeder, der nicht Griechisch sprach, per se ein Barbar: der Andere, den man verachtete und bekämpfte. In seinem vorzüglichen Buch „Le Miroir d’Hérodote“ (Der Spiegel des Herodot)1 zeigt der französische Althistoriker François Hartog auf, wie bewusst und akribisch Herodot darangeht, für die Skythen– mehr noch als für die Perser – ein Image des barbarischen Anderen zu konstruieren.

Die offizielle Kultur ist die der Priester, der Akademien und des Staates. Sie bietet Definitionen von Patriotismus, Loyalität und Grenzen, kurz von allem, was der Begriff „Zugehörigkeit“ meint. Diese offizielle Kultur spricht im Namen des Ganzen, versucht den allgemeinen Willen, das gemeinsame Ethos und die gemeinsame Ideenwelt auszudrücken; sie gebietet über die offizielle Darstellung der Vergangenheit, über Gründerväter und Urtexte, über den Pantheon der Helden und der Bösewichter, und sie sortiert aus, was in dieser Vergangenheit fremd oder andersartig oder unerwünscht ist. Diese offizielle Kultur definiert, was man sagen kann und was nicht gesagt werden sollte, all die Verbote und Vorschriften, ohne die keine Kultur ihre Autorität geltend machen kann.

Wahr ist aber auch, dass es zusätzlich zu dieser Hauptströmung der offiziellen oder kanonischen Kultur auch abweichende oder alternative, unorthodoxe bzw. heterodoxe Kulturen gibt, die viele antiautoritäre, mit der offiziellen Kultur konkurrierende Züge trägt. Man kann sie auch als Gegenkultur bezeichnen – die Gesamtheit von Äußerungen und Aktivitäten der verschiedenartigsten Außenseitergruppen: der Armen, der Immigranten, der Boheme, der Rebellen, der gesellschaftlichen Außenseiter, der Künstler.

Aus dieser Gegenkultur kommt die Kritik an den Autoritäten, kommen die Angriffe auf das, was offiziell und orthodox ist. Der große zeitgenössische arabische Dichter Adonis hat in einer umfassenden Darstellung die Beziehung zwischen orthodoxen und heterodoxen Momenten in der arabischen Kultur beschrieben und die ständige dialektische Spannung zwischen beiden aufgespürt.

Man kann eine Kultur nicht verstehen ohne ein Sensorium für diese immer währende kreative Herausforderung der offiziellen durch die inoffizielle Kultur. Nimmt man diesen Zustand der Ruhelosigkeit innerhalb einer Kultur nicht wahr, unterstellt man eine restlose Einheit von Kultur und Identität, ist man außerstande, das Fruchtbare und Vitale in ihr zu erkennen.

In den Vereinigten Staaten erfuhr die Diskussion um die Frage, was „amerikanisch“ ist, viele Transformationen und zuweilen auch dramatische Verwerfungen. So wurden etwa zur Zeit meiner Jugend in den Westernfilmen die amerikanischen Ureinwohner noch als böse Teufel dargestellt, die entweder vernichtet oder gezähmt werden mussten. Man nannte sie „Red Indians“, und wenn sie für „die Kultur“ überhaupt eine Funktion hatten, war es die einer Kontrastfolie für den Vormarsch der weißen Zivilisation. Und das galt für die Western so gut wie für die akademische Geschichtsschreibung. Das ist heute völlig anders.

Die amerikanischen Ureinwohner sind nun nicht mehr die Bösewichter, sondern Opfer des Fortschritts westlicher Prägung. Selbst die historische Bedeutung von Kolumbus wird heute anders gesehen. Noch dramatischer hat sich die Darstellung von Afroamerikanern und Frauen gewandelt.

Toni Morrison hat darauf verwiesen, dass in der klassischen amerikanischen Literatur eine Obsession des Weißseins existiert, von der Melvilles „Moby Dick“ und Poes „Arthur Gordon Pym“ so beredtes Zeugnis ablegen. Zugleich sagt sie, dass die bedeutenden männlichen und weißen Schriftsteller des 19. und 20. Jahrhunderts – die dem Kanon der uns vertrauten amerikanischen Literatur Gestalt verliehen haben – sich in ihren Werken des Weißseins als eines Instruments bedient haben, um die Präsenz von Afrikanern inmitten unserer Gesellschaft zu übersehen, auszublenden und unsichtbar zu machen.

Die bloße Tatsache, dass Toni Morrison heute so erfolgreiche und brillante Romane und Essays schreibt, unterstreicht den ungeheuren Wandel, der sich seit Melville und Hemingway vollzogen hat. Angesichts der Welt von W.E.B. Dubois, James Baldwin, Langston Hughes und Toni Morrison stellt sich die Frage, welches die Vision des wahren Amerika ist und wer den Anspruch erheben kann, es zu repräsentieren und zu definieren. Auf diese komplexe und überaus interessante Frage findet man keine Antwort, wenn man die ganze Angelegenheit nur auf ein paar Klischees reduziert.

In seinem kleinen Buch „The Disuniting of America“2 hat der Historiker Arthur M. Schlesinger dargestellt, welche Schwierigkeiten der Prozess einer kulturellen Auseinandersetzung um die Definition einer Zivilisation mit sich bringt. Den Mainstream-Historiker Schlesinger beunruhigt dabei die Tatsache, dass Einwanderergruppen und aufsteigende Communities in den Vereinigten Staaten die offizielle Standardversion der amerikanischen Geschichte anzweifeln, die von den großen klassischen Historikern – wie Bankcroft, Henry Adams oder neuerdings Richard Hofstadter – vorgegeben wurde.

Diese Gruppen wollen, dass sich in der Geschichtsschreibung nicht nur ein Amerika widerspiegelt, das von Patriziern und großen Landeignern geschaffen und regiert wurde, sondern auch ein Amerika, in dem Sklaven, Bedienstete, Arbeiter und arme Einwanderer eine wichtige und bisher nicht anerkannte Rolle gespielt haben. Die Erzählung von Geschichte durch solche Leute ist nie gehört wurden, denn sie verstummte vor dem großen Diskurs, dessen Quellen sich in Washington und bei den großen New Yorker Investmentbanken befinden, in den Universitäten der Ostküste und bei den großen Industrievermögen des Mittleren Westens.

Doch jetzt beginnt diese Erzählung den langsamen Fortschritt und die abgeklärte Sicht der offiziellen Geschichte zu erschüttern: Es werden Fragen gestellt, die Erfahrungen der sozial Benachteiligten werden einbezogen und die Ansprüche der „weniger Gleichen“ formuliert – der Frauen, der Amerikaner asiatischer und afrikanischer Herkunft, der anderen ethnisch oder sexuell definierten Minderheiten.

Egal ob man in Schlesingers Wehklagen einstimmt oder nicht, seiner Grundthese ist nicht zu widersprechen: Die Geschichtsschreibung ist der Königsweg zur Definition eines Landes; die Identität einer Gesellschaft ist weitgehend eine Funktion der historischen Interpretation, die sich in der Auseinandersetzung zwischen strittigen Positionen bildet. Diese Auseinandersetzung hat in den Vereinigten Staaten gerade erst begonnen.

deutsch von Niels Kadritzke

* Edward Said (1935–2003), zuletzt Professor für vergleichende Literaturwissenschaft an der Columbia University, New York. Autor zahlreicher wichtiger Bücher; als sein Hauptwerk gilt „Orientalismus“ (1978, s. auch Bibliografie, S. 4). Obiger Text ist entnommen aus „The Clash of Definitions“, in „Reflections on Exile and other Essays“, Harvard University Press, 2000.

Fußnoten: 1 François Hartog, „Le Miroir d‘Hérodote“, Paris (Poche) 2001. 2 Arthur M. Schlesinger, „The Disuniting of America. Reflections on a Multicultural Society“, New York (W. W. Norton & Company Ltd.) 1998.

Le Monde diplomatique vom 10.09.2004,