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Ein Tag im Leben einer Demokratie

Linesitting ist ein blühender Geschäftszweig in Washington D.C., ein Service, der hauptsächlich von zwei Firmen angeboten wird. Ein Linesitter ist einer, der Geld damit verdient, dass die Zeit eines anderen so viel wertvoller ist als seine. So kommt es, dass Leute in verschwitzten, abgerissenen Klamotten – Fahrradkuriere, Studenten, Einwanderer und Obdachlose – in den Fluren des Kongressgebäudes herumhängen, bis die korrekt gekleideten Lobbyisten die freigehaltenen Zuschauerplätze bei den Hearings im Kongress einnehmen.

Von GIANO CROMLEY *

UM fünf Uhr morgens, während sich der Rest der Stadt Washington noch das letzte bisschen Schlaf gönnt, erscheint Simeon Semjonow an seinem Arbeitsplatz auf dem Capitol Hill. An der Ecke Washington- und D-Street lässt er sich inmitten der schwarzen Flecken getrockneten Kaugummis auf dem Bürgersteig nieder. Simeon Semjonow ist Linesitter, ein professioneller Schlangesteher – ein Beruf, der eine so surreale Marktlücke ausfüllt, dass er eigentlich zur Subkultur gezählt werden müsste.

Die vierzig anderen Leute, die an diesem Morgen mit Semjonow auf dem Bürgersteig biwakieren, gehören im Wesentlichen vier Gruppen an: Sie sind Fahrradkuriere, Studenten, Neueinwanderer oder Obdachlose. Alles Leute, die wissen, wie man einen schnellen Dollar verdient, und die das mit keinem anderen Job hinbekämen.

Für mich ist es der erste Tag als Linesitter auf dem Capitol Hill, dem Sitz der beiden Häuser des Kongresses. Ich sitze zwischen Semjonow und einem Informatikstudenten namens Sammy. Beide haben einen schweren slawischen Akzent. Semjonow ist ein untersetzter Bulgare, Ende sechzig oder Anfang siebzig, mit schütterem weißem Haar und einem säuberlich gestutzten Bart. Er raucht Pyramid ohne Filter, während wir warten.

Ich gestehe Semjonow und Sammy, dass ich heute Morgen befürchtet hatte, an der falschen Stelle zu stehen. Eine gute Viertelstunde war ich in der Umgebung des Rayburn-Baus, in dem die Ausschüsse des Repräsentantenhauses tagen, herumgeirrt und dabei ganz schön in Panik geraten. Meinen Platz in der Schlange fand ich erst, nachdem ein hilfsbereiter Polizist meine Ahnungslosigkeit bemerkte und mich zum Treffpunkt schickte. Semjonow und Sammy zerstreuen meine Aufregung mit einem höflichen Lächeln: Das hier ist kein schwieriges Geschäft, das werde ich schon merken.

Wenige Minuten später – Sammy ist inzwischen gegangen, um sein Auto umzuparken, damit er kein Strafmandat bekommt – fingert Semjonow einen Stoß Zettel aus der Brusttasche seines Jacketts. Er nickt eifrig vor sich hin und ermuntert mich, einen Blick darauf zu werfen. Der oberste Zettel ist ein Rabatt-Bon auf ein schnurloses Telefon, das er in einem Billigkaufhaus gekauft hat. Er deutet auf die Quittung und meint: „Mein Englisch nicht so gut. Was ich sende dort hin?“

Ich studiere das Kleingedruckte und erkläre ihm, dass er den Rabatt-Bon, die Quittung und den Strichcode von der Verpackung einschicken muss. Dann versuche ich ihm klar zu machen, er solle von allem Fotokopien machen, für den Fall, dass ihm der Scheck mit dem Rabatt nicht zugeschickt wird. Er nickt, aber aus seinen Augen starrt mir das blanke Unverständnis entgegen. Entweder hat er mich nicht verstanden, oder er glaubt mir nicht. Ich schaue nach unten und sehe aus seinen blauen Anzughosen zwei Pyjama-Hosenbeine hervorlugen, die er sich in die Socken gestopft hat.

Und so vergeht die Zeit für einen Linesitter: Stunden türmen sich auf Stunden, mit der Geschwindigkeit eines Gletschers, dazwischen höchstens ein oder zwei Momente, die der Zeit eine Kontur geben. Der Beruf geht folgendermaßen: Eine stetig wachsende Schar von Lobbyisten, die auf eine stetig wachsende Menge Geld scharf sind, haben ein stetig wachsendes Bedürfnis, bei den Hearings vor den Ausschüssen des Kongresses anwesend zu sein. Da die entsprechenden Säle nur eine begrenzte Zahl von Plätzen bieten, zahlen Lobbyistenfirmen jeden Preis, um ihren Leuten überall dort einen Platz zu sichern, wo über das Geschick ihrer Gesetze auf dem langen Weg durch den Verdauungstrakt des Kongresses entschieden wird. Vor etwa zehn Jahren war es so weit: Die Nachfrage nach den Zuhörersitzen überstieg das Angebot. Damit war der Beruf des Linesitters geboren.

Die Zeit eines Lobbyisten ist so viel mehr wert als die Zeit eines Linesitters, dass der Lobbyist es sich leisten kann, dessen Zeit buchstäblich zu kaufen. Der aktuelle Tarif liegt bei zehn Dollar pro Stunde, abzüglich Steuern. Linesitter werden dafür bezahlt, dass sie als menschliche Platzhalter zur Verfügung stehen. Wann genau ein Linesitter seinen Platz in der Schlange einnimmt, hängt von der Bedeutung des Hearings und von der Anzahl der Sitze im betreffenden Raum ab. Manchmal treten die Sitter schon um 17 Uhr am Tag vor dem Hearing an. Zwei Hauptanbieter sind im Geschäft. Einer von ihnen, John Likens, ist Chef der Congressional Services Company und berichtet, dass er Linesitter auch schon mal drei oder vier Tage vor einem Hearing-Termin in die Schlange beordert hat.

Die Geschäftsidee – Habenichtse halten Plätze für die Reichen frei – ist von einer derart abgründigen Ironie, dass ich mich gedrängt fühlte, selbst als Linesitter zu arbeiten – in der Hoffnung, die Kollegen ausfragen zu können. Haben die Leute, die hier stehen oder sitzen, auch nur den Schimmer einer Ahnung, was in den Anhörungen passiert, für die sie einen Platz belegen?

Die meisten geben als Antwort eine Raumnummer an: „Ich sitze für einundzwanzig-einundvierzig.“ Ja, aber welcher Ausschuss tagt da? Und worum geht es dabei? Diese Fragen lösen nur verständnislose Blicke oder gleichgültiges Achselzucken aus. Einige versuchen sich an einer Antwort, aber die fällt bestenfalls vage aus. Als ich Semjonow frage, ob er je den Wunsch hatte, sich eines der Hearings, für die er anstand, selber anzuhören, lächelt er und drückt eine Zigarette auf dem Bürgersteig aus. „Was soll ich da?“, fragt er mit seinem schweren bulgarischen Akzent.

Ich habe Fragen gestellt, deren Antworten mir vorher klar waren. Tatsächlich weiß ich selbst auch nur so viel, dass ich für den Justizausschuss des Repräsentantenhauses anstehe, nicht aber, um welches Thema es geht. Gestern Abend habe ich etwas darüber im Congress Daily gelesen, aber die Erläuterungen waren byzantinisch verrätselt, unverständlich für alle, die nicht zu den auserwählten Lobbyisten und Politspezialisten gehören, deren täglich Brot dergleichen ist. Für sie geht es bei jedem Hearing um ein entscheidendes Gesetzesvorhaben – und das bedeutet, zwangsläufig, um sehr viel Geld.

Bei den meisten Menschen kommt es im Alter von etwa 18 Jahren zu einer subtilen Veränderung: Nun empfindet man das nächtelange Kampieren in der Warteschlange für ein Popkonzert als so hirnverbrannt, wie es tatsächlich ist. Danach muss ein erwachsener Mensch schon eine gewisse Schamgrenze überwinden, um sich auf dem Bürgersteig niederzulassen. Für die unwissenden Passanten sehen wir ganz nach Flüchtlingslager aus: auf dem Pflaster hingefläzte Körper mit ungewaschenen Haaren und in abgerissenen Kleidern, oft in militärisch wirkenden Tarnklamotten, die jeweiligen Besitztümer in Plastiktüten verstaut. Viele dünsten die Schläfrigkeit von Menschen aus, die nicht gebraucht werden.

Gegen sieben Uhr brechen die Linesitter wortlos auf. Wir klauben unsere Siebensachen zusammen und trollen uns von der Sammelstelle zum Besuchereingang des Rayburn-Baus, wo die Büros des Repräsentantenhauses untergebracht sind. Semjonow bleibt zurück, er kann nur langsam gehen, weil er ein steifes Bein hat. Sammy sagt, er müsse wieder mal nach seinem Auto sehen, und verschwindet. Zehn Minuten später tauchen die beiden am Eingang des Rayburn-Baus auf und nehmen ihre Plätze neben mir wieder ein. Ich bin etwas verwundert. Unter Linesitting hatte ich mir ein brutales Gewerbe vorgestellt, bei dem mit Zähnen und Klauen um die vordersten Plätze in der Schlange gerangelt wird. Aber die Leute sind ganz entspannt, geradezu höflich, was die Reihenfolge angeht.

Es gibt keine amtliche Instanz, die das Geschäft des Linesitting überwacht. Stattdessen hat sich im Lauf der Jahre eine Art Schulhofkodex herausgebildet. Wer zur Toilette muss, darf seine alte Position behalten, Vordrängler werden zurechtgewiesen. Zwischen den beiden wichtigsten Linesitting-Anbietern, meinem Arbeitgeber Congressional Services und einer Firma namens CVK Group, geht es ziemlich kooperativ zu. Wenn die eine Firma drei Plätze in der Schlange belegt hat, ihr Klient dann aber unerwartet vier Lobbyisten zum Hearing schickt, beschwert sich niemand, wenn sich eine vierte Person einreiht. Nur wenn einer versucht, sagen wir zehn Plätze zu reservieren, kann es garstig werden. Dann wird die Capitol-Polizei gerufen und muss irgendwie eine salomonische Lösung finden.

Um viertel nach sieben öffnen sich die Eingangstüren des Rayburn Building, und wir passieren die Sicherheitskontrolle. Hinter der Schleuse gehen wir in verschiedene Richtungen auseinander, jeder eilt zu dem ihm zugewiesenen Anhörungsraum. Auch Semjonow und Sammy müssen sich trennen. Ich stelle mich mit einem Dutzend anderer Sitter vor dem Raum 2141 an. Dies ist die letzte Station unseres morgendlichen Kreuzwegs. In diesen heiligen Hallen werden wir ausharren, bis die Lobbyisten unmittelbar vor Beginn des Hearings unsere Plätze übernehmen.

Jetzt, wo wir drinnen sind, kommt unter den Linesittern so etwas wie Lagerfeuerromantik auf. Die Kuriere wälzen Fahrradkataloge und beratschlagen, welchen neuen Rahmen sie gern kaufen würden. Ab und zu steht einer auf, um möglichst anschaulich vorzuführen, was für ein tollkühnes Manöver er tags zuvor bei einer seiner Fahrten hingelegt hat. Die obdachlosen Männer machen es sich auf dem Fußboden bequem. Sie spielen Schach und reißen Zoten, die dröhnend durch die ehrwürdigen Flure hallen. Auch in puncto Kleidung gibt es keine Konzessionen. Weder die Obdachlosen noch die Fahrradkuriere bemühen sich auch nur im Geringsten, sich ihrer repräsentativen Umgebung würdig zu zeigen. Man hat sogar den Eindruck, dass sie sich eher noch rüder geben als auf der Straße.

Unter den Lobbyisten kursiert der Spruch: Wenn du nicht genau weißt, wo dein Hearing stattfinden soll, musst du einfach dem Geruch nachgehen. Und ich muss sagen, dass diese Behauptung nicht ganz ungerechtfertigt ist. Der Typ gleich hinter mir heißt Phil. Während er eine alte Ausgabe der Internet-Zeitschrift Wired durchblättert, erzählt er mir, dass dies erst sein zweiter Einsatz als Linesitter ist. Als Neuer weiß er auch nicht so recht, wie das Ganze vor sich geht. Er stellt eine Menge Fragen und ist ganz besorgt, ob er auch an der richtigen Stelle ist. Phil ist so mager, dass man ihn für einen Junkie halten könnte. Er macht auch entsprechende Andeutungen. Als er von seiner Schwester erzählt, die Dozentin an einer Elite-Uni ist, fügt er nachdenklich hinzu: „Ich hab ihr in den letzten Jahren reichlich Kummer gemacht.“ Ich will nachfragen, was er damit meint, aber er nickt bald ein, und das Wired-Heft rutscht auf den Boden.

Der Typ vor mir, Rob, ist Angestellter der Congressional Services Company. Er hat eine Liste mit den Namen unserer Kunden, also der Lobbyisten, die unsere Plätze in der Schlange übernehmen werden. Er wirkt gehetzt, aber seine Aufmerksamkeit ist völlig auf Coupons für Werbegeschenke konzentriert, von denen er ganze Stapel aus seinem Army-Rucksack zieht. Während der Wartezeit filzt er mindestens hundert Werbeblättchen und reißt erstaunlich viele Geschenkcoupons heraus. Wo er die ganze Werbung her hat, will ich von ihm wissen. Er klaubt sie immer aus den Recycling-Containern für Zeitungspapier. In kürzester Zeit hat er mehrere Dutzend Coupons für Zwei-Kilo-Packungen Pistazien ausgerissen. „Seit Jahren habe ich keine Pistazien-Coupons mehr gesehen!“, ruft er immer wieder.

Gegen acht Uhr, die Plätze in den Schlangen sind längst gesichert, kommt Sammy über den Flur und schlägt vor, in der Kantine einen Kaffee zu trinken. Ich lehne ein Schild mit der handgeschriebenen Aufschrift „Congressional Service“ an meinen Rucksack und gehe mit ihm die Treppe hinunter. Die Kantine ist hübsch ausstaffiert, mit einem dünnen grauen Teppichboden und Vasen mit frischen Blumen auf den Tischen. Überall sitzen Mitarbeiter der Verwaltung und unterhalten sich in konspirativ gedämpfter Lautstärke über die Ereignisse des Tages. Alle tragen Anzug und Krawatte. Sammy und mich scheinen sie nicht zu beachten. Sammy steckt in einem Nylon-Trainingsanzug, ich bin mit Jeans, einem T-Shirt und abgerissenen Turnschuhen unterwegs. Wir trinken unseren Kaffee aus und gehen dann wieder nach oben.

Um viertel vor neun kommt ein Beamter der Capitol Police den Flur entlang. Wortlos rappelt sich die schlampige Truppe der Linesitter auf und stellt sich in Reih und Glied. Rob erklärt mir, dass die Beamten der Capitol Police routinemäßig über die Flure patrouillieren, um die Linesitter zum Aufstehen zu bewegen. Schließlich soll der Ort einigermaßen „kongresswürdig“ aussehen. Doch wir sind, egal ob wir stehen oder sitzen, ganz offensichtlich ein Schandfleck in diesen ehrwürdigen Hallen.

Andererseits, schießt mir durch den Kopf, ist unsere Anwesenheit hier doch eine wunderbare Sache. Schließlich leben wir in einer Demokratie. Wir sind im wörtlichen wie im übertragenen Sinne die versammelten Massen, von denen die amerikanischen Gründerväter gesprochen haben. Und wir nehmen in diesem Gebäude unsere Bürgerrechte wahr. Die Gesetze, die hier verabschiedet werden, haben direkte Auswirkungen auf unser Leben. Warum nicht daran teilhaben? Ist dies nicht das Prinzip, auf dem unser Land ursprünglich gründet? Regierung für das Volk durch das Volk? In einer idealen Welt sollte jedes Hearing vor einem Kongressausschuss vor einem Publikum stattfinden, das aussieht wie wir.

Und doch ist die Szenerie eine Momentaufnahme von der tiefen Kluft im politischen Leben der Vereinigten Staaten von heute. Diese Leute stehen in den Hallen der Macht an vorderster Front, und doch werden die meisten von ihnen einen Anhörungsraum nie von innen sehen. Nur in Washington, D. C., konnte ein Gewerbe entstehen, das allein durch seine Existenz vor Augen führt, wie deformiert der demokratische Prozess ist. Die Ironie, die darin liegt, ist so erdrückend, dass man gar nicht hinsehen will. Vermutlich deshalb schenken uns die meisten Passanten ungefähr so viel Beachtung wie einem Schnorrer vor dem U-Bahn-Eingang.

Um neun Uhr teilt mir Rob mit, dass wir von jetzt an unsere Plätze nicht mehr verlassen dürfen. Keine Zigaretten- oder Pinkelpausen mehr, keine Ausflüge in die Cafeteria. Ab jetzt beginnt die Übergangszeit, in der nach und nach die Lobbyisten auftauchen, um ihre Plätze einzunehmen. Die paar, die schon da sind, wirken fehl am Platze. Gegenüber den Linesittern sind sie noch klar in der Minderheit. In ihren Gesichtern zeigt sich Panik, als wären sie unsicher, ob sie hier in der Schlange zu einem Ausschuss-Hearing oder zur Suppenküche anstehen.

Mein Lobbyist kommt zu spät

UM zwanzig nach neun taucht ein Kamerateam des Fernsehsenders C-Span auf, der ganze Sitzungen, Ansprachen und Pressekonferenzen überträgt. Die Crew karrt ihre Gerätschaften durch den Presseeingang. Unter den Wartenden verbreitet sich das Gerücht, bei diesem Hearing sei Rupert Murdoch zu einer Befragung vorgeladen. Der Medienmogul live – der Mann, dem die New York Post, das Hollywood-Studio 20th Century Fox und Fox Television gehören; ein Unternehmer, dessen privater Besitz das Bruttosozialprodukt mancher kleiner Staaten weit übertrifft. In den Warteschlangen wird gewispert und getuschelt.

Um halb zehn ist schon die Hälfte der Platzhalter abgelöst. Die eintreffenden Lobbyisten tragen Maßanzug mit Hemd und Krawatte Ton in Ton. Sie nippen an ihren Latte Macchiatos, fummeln an ihren Palm-Computern oder quaken in die Handys. Der beißende Geruch von verschwitzten Körpern, der in den Fluren steht, vermischt sich nun mit dem Duft von Parfum und Deodorant.

Phil, der Neue hinter mir, wird von einem nervösen Lobbyisten im grauen Anzug abgelöst. Einige Minuten später überlässt Rob seinen Platz einer hochgewachsenen Frau mit steif gegeltem blondem Haar. Rob weist mich ein: Wenn mein Lobbyist bei der Saalöffnung noch nicht aufgetaucht sei, müsse ich hineingehen und einen Sitzplatz besetzen. Er wird den Lobbyisten zu mir schicken, sobald er erscheint. Zum ersten Mal heute fühle ich mich unbehaglich in meiner Kleidung.

Um Viertel vor zehn gehen die Türen auf und die Warteschlange schiebt sich in den Saal. Mein Lobbyist ist immer noch nicht da. Ich gehe also rein und sichere mir einen Platz weiter hinten, neben dem Stativ einer C-Span-Kamera.

Der Justizausschuss des Repräsentantenhauses tagt in einem riesigen Saal: üppige dunkle Holztäfelung hinter dem Podium, blaue Vorhänge, die vom Boden bis zur Decke reichen. Ein paar Stühle weiter sitzt noch ein anderer Linesitter, der ebenfalls noch auf seinen Kunden wartet. Er hat langes schwarzes Haar und trägt den hautengen Dress und die Umhängetasche eines Fahrradkuriers. „Ich komme mir vor wie in der Kirche“, sagt er zu seinem Nachbarn zur Rechten.

Rupert Murdoch steht an der Stirnseite des Saals. Der Auftritt dieses leicht gebeugten alten Mannes in seinem marineblauen Blazer fügt der Hierarchie dieses Raumes noch eine Ebene hinzu. Murdoch ist gewiss mächtiger als jeder Lobbyist, der mit mir im Publikum sitzt, wahrscheinlich mächtiger als der Kongressabgeordnete, der bei diesem Hearing den Vorsitz führen wird. Murdoch sagt nicht viel. Ab und zu lächelt er und lässt die tiefen Furchen in seinem verknautschten Hundegesicht ausdrücken, was auszudrücken er für nötig hält. Die C-Span-Kameras lassen ihn nicht aus den Augen. Er ist die Attraktion des Tages – für Washingtoner Verhältnisse eine echte Glamourgestalt.

Sollte sich C-Span je entschließen, solche Anhörungen live und außerhalb des senatsinternen Fernsehnetzes oder über das Internet zu senden, wird es mit dem Linesitting vorbei sein. Für einen Lobbyisten wäre es überflüssig, zu einem Hearing zu gehen, das er ohne weiteres im Fernsehen verfolgen kann. Den meisten Linesittern ist bewusst, dass ihr Job nicht von Dauer ist und dass sie abhängig sind von Kräften, auf die sie keinen Einfluss haben – so ist das eben mit den Lebensbedingungen an den Rändern der Gesellschaft.

Kurz nach zehn nimmt der Ausschussvorsitzende Sensenbrunner seinen Platz auf dem Podium ein und klopft ein paar Mal mit dem Hämmerchen. Die Zeugen nehmen ihre Plätze ein, einige Kongressabgeordnete kommen noch von hinten. Sensenbrunner beginnt seine Eröffnungsrede. Um mich herum werden Notizen gemacht. Es ist eine trockene Rede, eine unglaublich trockene. Es geht um die Gefahr einer vertikalen – im Gegensatz zur horizontalen – Monopolbildung für den Fall, dass Murdoch mit einer Beteiligung von 6,6 Milliarden Dollar bei Direct TV einsteigen würde, um sich die Kontrolle über diesen Satellitensender der Hughes Electronics Corporation zu sichern.

Im Prinzip ist Murdoch – einer der reichsten und mächtigsten Menschen dieser Erde – gekommen, um den Parlamentariern zu erklären, wie viel besser die Welt dran wäre, wenn man ihm gestatten würde, noch ein wenig reicher und noch ein wenig mächtiger zu werden. Das ist theoretisch ein durchaus interessantes Thema. Aber die Tatsache, dass ich seit Viertel nach vier auf den Beinen bin, macht sich bemerkbar. Ich habe fünf Stunden in der Schlange gewartet, aber so langweilig wie jetzt war es den ganzen Tag noch nicht. Ich will konzentriert zuhören und nicke doch immer wieder ein, als der Abgeordnete Dingell das nächste staubtrockene Statement abgibt.

Nach ein paar Minuten blicke ich auf und sehe, dass der Lobbyist, dessen Platz ich freigehalten habe, schließlich doch eingetroffen ist. Er entschuldigt sich die Reihe entlang und kommt auf mich zu. Eine Zeit lang hatte ich mir an diesem Morgen ausgemalt, wie ich mich weigern würde, meinen Platz herzugeben, wenn es denn so weit wäre, eine Art proletarischer Heldenfantasie: der Linesitter, der seinen Platz verteidigt. Doch als der verspätete Lobbyist meinen Stuhl erreicht hat, stehe ich auf und gehe zum Ausgang. Meine Arbeit ist getan. Ich habe meine Funktion in dieser ökonomischen Gleichung erfüllt. Bevor ich den Raum verlasse, werfe ich doch noch einen langen letzten Blick auf Rupert Murdoch. Er hat mit seiner Aussage noch nicht begonnen. Er sitzt wartend am Zeugentisch, die Hände geduldig vor dem Bauch gefaltet, als wolle er sagen: Ich geh hier nicht weg, ich kann warten. Den ganzen Tag, wenn es sein muss.

deutsch von Niels Kadritzke © Giano Cromley, The Threepenny Review

* Giano Cromley unterrichtet am City College of Chicago. Er hat gerade seinen ersten Roman abgeschlossen.

Le Monde diplomatique vom 13.02.2004,