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André und die Wahrheit

MISSVERSTÄNDNISSE sind Kinder ihrer Zeit, und unsere Vergangenheit, auch die geistige, wandelt sich mit der Zeit. Heute, da der Westen, technikfixiert und überheblich auf der Höhe seiner Macht, koloniale Rache am besiegten Osten nimmt; heute, da die voranschreitende konservative Revolution jeden beschuldigt, der sich einmal um die rote oder schwarze Fahne geschart hat, wird dem Surrealismus eine Affinität zum „Totalitarismus“ unterstellt. Vor fast sechzig Jahren, kurz nach Stalingrad, als der rote Osten – China und die Sowjetunion – noch ein aufsteigender Stern war und die Schriftsteller in der „Partei der Füsilierten“ (wie sich die Kommunisten bei Kriegsende nannten) noch viele Leser fanden, hatte man dem Surrealismus eine Affinität zur „Bourgeoisie“ und zum dekadenten Aristokratismus unterstellt. Solange der Leichnam sich bewegt, treibt es ihn je nach Windrichtung bald nach Westen, bald nach Osten, und so wechseln auch die Totengräber je nach Saison. […]

Keine Tugend bringt weniger ein als Hellsichtigkeit, doch wenn es unseren Historikern einfiele, alle fünfzig Jahre und im Hinblick auf die Frage, wer seiner Zeit weit voraus war, einen Preis für besondere Weitsicht zu vergeben, so wäre André Breton innerhalb der schreibenden Zunft ein ziemlich aussichtsreicher Kandidat. In seinem „Brief an die Seherinnen“ von 1925 grenzt das schon fast an nostradamische Voraussagen: „Es gibt Leute, die behaupten, der Krieg habe sie etwas gelehrt; sie sind dennoch nicht so weit wie ich, denn ich weiß, was mich im Jahr 1939 erwartet.“ In seinen Niederschriften findet man, unmittelbar nach dem Tod Lenins, die Behauptung, dass eine bürokratische Deformation der russischen Revolution wahrscheinlich sei – noch bevor unsere gelehrtesten Historiker der Sorbonne die Moskauer Prozesse rechtfertigten. Desgleichen kündigte er im Nachwort zu seinen „Aufzeichnungen von einer Rückkehr in die Heimat“ aus dem Jahr 1943 die kolonialen Befreiungskriege für die Nachkriegszeit an und umriss gleichzeitig den Standpunkt, den es dabei einzunehmen gelte: „Mit derselben Ungeduld erwartet man den Tag, an dem außerhalb dieser Kolonien die große Masse der Farbigen nicht mehr schmählich auf Distanz gehalten und auf gelinde gesagt subalterne Beschäftigungen angewiesen sein wird. Sollte diese Erwartung von den internationalen Vereinbarungen, die nach dem Ende des derzeitigen Krieges in Kraft treten, vereitelt werden, müsste man sich eindeutig und mit allen damit verbundenen Konsequenzen der Meinung anschließen, dass die Emanzipation der Farbigen nur das Werk ebendieser Völker sein kann.“

Das Verschwinden der Zukunft und das Verblassen des Fortschritts, wovon nun im Jahr 2003 plakativ die Rede ist, hat er schon 1935 nüchtern analysiert. Auch die Ökowelle hätte ihn nicht aus der Fassung gebracht, denn er hatte stets gefordert, die enge Beziehung des Menschen zur Natur wieder herzustellen und den eigenen Lebensraum mit Respekt zu behandeln. […]

Zwischen 1925 und 1960, zwischen dem Manifest gegen den Rif-Krieg und dem Manifest der 121 gegen den Algerienkrieg, sehe ich eine gerade und eindeutige Linie: die Parteinahme für das Minoritäre. Breton hat nicht nur den besiegten Trotzki – den Belagerten von Coyacán – gegen den allgegenwärtigen Stalin verteidigt, die Schwarzen gegen die Weißen, die Hopi und die Zuni von Neu-Mexiko gegen die Yuppies von Neu-England. Die Besetzten gegen die Besatzer. Er hat für die Kelten und die Gallier Partei ergriffen gegen die Griechen und Römer, für die kleinen Religionen gegen die großen, für das Amulett gegen das Kruzifix, für die Hexen und Voodoopriester gegen die Pastoren und Bischöfe und für die Holzfiguren der Indios gegen die steinernen Engel der Kathedralen. Ein einziges Lager: das der Verlierer – und ohne Kompromiss in letzter Minute. Eine einzige Linie: die Strategie des Schwachen gegenüber dem Starken. Römische Legionen – überflüssig. Ist das etwa Totalitarismus?

Es heißt immer wieder, 1968 sei der verspätete Triumph des Hauses Breton gewesen. Dabei übersieht man, dass dieses Haus nichts so sehr verabscheute wie den Erfolg – „siegreiche Ideen sind reif für den Untergang“. Eine Frage des Temperaments – oder die Vorahnung, dass man, da das Kurzfristige dem Langfristigen schadet, lange untertauchen muss, wenn man weit kommen und eines Tages für immer auftauchen will? Das besondere Bemühen um das Randständige, die Sorgfalt, mit der das Akademische und die hohen Ämter umgangen werden, sind der vielleicht sicherste Hinweis auf eine politisch noble Geisteshaltung. Pierre Mabille, der Kulturattaché des „Freien Frankreich“ in Port-au-Prince, der Breton nach seinem Exil in den Vereinigten Staaten 1945 empfing, hat jedenfalls nicht übertrieben, als er diesen merkwürdigen Widerständler folgendermaßen beschrieb: „Ich möchte betonen, dass es in André Bretons Leben keine Kompromittierungen gibt. Seine entschieden antiopportunistische Einstellung ist eine große Seltenheit unter den Schriftstellern.“ Man wird nur Gelächter ernten, wenn man diesen unverbesserlich Rigorosen zum Vorfahren unserer Wendehalsakrobaten macht, unserer offiziellen Dissidenten, für die „der, der als Letzter gewonnen hat, im Recht ist“. Die französische KP, Mao, Reagan, der Papst, die Liberalen oder wer auch immer – die Nachahmer sind immer auf der richtigen Seite, dort, wo es Auflagen und Schlagzeilen gibt. Es zeugt von mangelndem Taktgefühl, wenn man den Mutigen neben den Maulhelden stellt. Breton neben Cocteau. Kann man sich den Einsiedler von Saint-Cirq la Popie als Mitherausgeber der Temps vorstellen, als Fernsehmoderator, als Mitglied in den wichtigen literarischen Jurys und im Geplauder mit dem Milliardär des Tages?

Am dankbarsten bin ich diesem hochmütigen Spezialisten für Randgebiete und Zwischenräume und seinen Verbündeten dafür, dass sie so oft wie nur möglich ihr Teleskop auf die Schmuddelecken der Gesellschaft gerichtet haben und diesen von allen Vergessenen, die in den Metropolen weder gehört noch gesehen werden, das Wort erteilt haben. Wir sind dieser letzten universalen Poesie in französischer Sprache zu Dank verpflichtet – dafür, dass sie unsere französischen Brüderlichkeiten auch nach Übersee ausweiteten. Denn was Breton am Gedicht und am Essay in erster Linie interessierte, war, dass Menschen sich über Berufe und Nationalitäten hinweg begegnen und in Verbindung treten.

Es ist kein Zufall, dass die Regionen des „magischen Realismus“, nämlich Mexiko, Südamerika und die Antillen, den Propagandisten der „magnetischen Felder“ Gastfreundschaft gewährt haben. Hat man bereits vergessen, dass Breton 1947 mit zwei Vorträgen ganz Port-au-Prince in Aufruhr versetzte? Die von seinen Ideen mitgerissenen jungen Haitianer im Umfeld der Zeitschrift La Ruche lösten eine Studentenrevolte aus, die den damaligen Diktator den Kopf kostete. Viele Aufständische, Aktivisten der Négritude oder der Créolité, schritten zur Tat, wurden später Kommunisten, aber unbequeme, und blieben es nicht lang. So wie René Depestre: „Der Surrealismus war wie ein Abwehrsystem, durch ihn besaß ich Antikörper gegen den Stalinismus und die tote Sprache der Ideologie. Ab 1956 habe ich begonnen, mich zu widersetzen.“ Oder Aimé Césaire: „Dass ich heute bin, was ich bin, verdanke ich hauptsächlich dieser Begegnung mit André Breton“ (1941 in Fort-de-France). Stephen Alexis, Magloire-Saint-Aude und der Maler Hippolyte … oder Hervé Télémaque, der Ägypter Georges Henein, der Libanese Georges Shéhadé …

Ich weiß, diese Namen haben für jemanden wie Jean Clair (s. Fußnote) neben Hannah Arendt oder Raymond Aron wenig Gewicht. Das ist nicht seine Schuld. Das ist die natürliche Auswahl all derjenigen, die ihren Kompass und ihre Uhren nach Harvard, London und Berlin ausrichten. Die prominenten Aktuell-Intellektuellen sind die eines Planeten, der auf das trostlose Duett Europa/USA geschrumpft ist, die Rührigsten fügen herablassend noch ein Gran Malta und ein Körnchen Maghreb hinzu. Das ist die Weltkarte, die den lautstarken Vertretern einer wie auch immer gearteten Rückkehr zur Ordnung ebenso als gemeinsame Grundlage dient wie unseren Verfassern schwarzer Listen in Paris. […] Eine durch Gehirnwäsche geschrumpfte Welt, eine halbseitig gelähmte Halbkugel, zu der der provokante Atlas von 1929 „Die Welt zur Zeit der Surrealisten“ – der die Rangordnung zwischen den wohlhabenden und den vergessenen Ländern umkehrte und den Monsieur Clair nur zum Spott wiedergibt – äußerst zeitgemäß und prophetisch erscheint.

Man darf sich darüber freuen, dass die vom Schwarzbuch des Kommunismus Besessenen sich wegen dieser verspielten Vergrößerung der Randgebiete an das Schwarzbuch des Kolonialismus erinnern; und dass neben unseren eigenen Massengräbern Platz für das Afrika der Großen Seen und für die Völkermorde an der „Peripherie“ ist. […]

Die „andere Globalisierung“, die des Lyrischen, die er mit seiner Neugier und seinen Grenzüberschreitungen praktizierte, wurde sicherlich dadurch unterstützt, dass Formen der bildenden Kunst in den Vordergrund rückten und gleichwertig neben das Wort gestellt wurden. Und genauso wie das Wort „Synkretismus“ nicht hinreichen würde, um die Verschmelzung der Gegensätze in dieser Geisteshaltung zu beschreiben – der Begriff ist schlapp und ohne Würze –, genauso würden Begriffe wie „Kosmopolitismus“ oder „Exotik“ wegen ihres leicht prahlerischen und herablassenden Beiklangs zu kurz greifen angesichts dieser weit offenen Pforte zur Welt. Neben dem Wunderbaren suchte Breton Menschen und Brüder. Ob in Teneriffa oder in Prag, in Wien oder in Mexiko, in London oder in Fort-de-France, überall wendet sich dieser geborene Vermittler an Ebenbürtige und nicht an Fremde oder an Komparsen. Um ihnen zu helfen, mehr sie selbst zu werden, auf die Gefahr hin, dass sie ihn verleugnen.

deutsch von Dieter Hornig

* Politiker und Schriftsteller. Sein Buch „L‘honneur des funambules“ erscheint im September 2003 in Paris (L’Echoppe) und antwortet auf den Essay von Jean Clair: „Du surréalisme considéré dans ses rapports avec le totalitarisme et les tables tournantes“, Paris (Mille et une nuits) 2003.

Le Monde diplomatique vom 12.09.2003,