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Für eine engagierte Wissenschaft

Der französische Soziologe Pierre Bourdieu ist am 24. Januar im Alter von 71 Jahren gestorben. Buchtitel wie „Der Einzige und sein Eigenheim“ belegen, dass Pierre Bourdieu mehr und anderes als die rein theoretische Neugier getrieben hat. Er war der Vordenker einer wachsenden gesellschaftskritischen Bewegung und das Vorbild des engagierten Intellektuellen – engagiert nicht nur auf seinem Forschungsgebiet, sondern vor allem auch im Kampf für eine gerechtere Welt, die dem Raubbau an ihren natürlichen Ressourcen ein Ende setzt. Auf einer Konferenz mit griechischen Wissenschaftlern und Gewerkschaftsvertretern im Mai 2001 in Athen plädierte Bourdieu in seiner letzten Rede dafür, dass die Wissenschaft ihre Verantwortung für die Entwicklung einer neuen Gesellschaft begreifen und wahrnehmen muss. Wir drucken den Text dieser Rede.

Von PIERRE BOURDIEU

DIE Politik der Globalisierung, mit der wir heute konfrontiert sind, macht es dringend erforderlich, wenn nicht gar unverzichtbar, dass sich einige unabhängige Forscher im Rahmen der sozialen Bewegung engagieren. Ich spreche ausdrücklich von einer „Politik der Globalisierung“, nicht von „Globalisierung“ schlechthin, als handele es sich um eine natürliche Entwicklung.

Die Politik der Globalisierung wird, was ihre Produktion und Diffusion anbelangt, größtenteils geheim gehalten, und es sind schon erhebliche Forschungsbemühungen nötig, um sie durchschaubar zu machen. Außerdem hat sie Wirkungen, die sich mit den Erkenntnissen der Sozialwissenschaft voraussagen lassen, die aber kurzfristig für die meisten Menschen unsichtbar bleiben. Als weiteres Kennzeichen gehört zu dieser Politik, dass sie zum Teil von Wissenschaftlern selbst hervorgebracht wird. Die Frage ist also, ob diejenigen, die dank ihrer wissenschaftlichen Kenntnisse zu einer Antizipation der unheilvollen Konsequenzen dieser Politik imstande sind, schweigen können oder dürfen. Oder ob ein Schweigen nicht vielmehr eine Art unterlassene Hilfeleistung darstellt gegenüber Menschen, die sich in Gefahr befinden. Wenn es stimmt, dass unserem Planeten die schlimmsten Katastrophen drohen, haben dann diejenigen, die diese Katastrophen im Voraus zu kennen glauben und sie kommen sehen, nicht die Pflicht, jene Reserve aufzugeben, die sich die Wissenschaftler gewöhnlich auferlegen?

Die meisten gebildeten Menschen, zumal im Bereich der Sozialwissenschaften, haben eine Dichotomie im Kopf, die mir verhängnisvoll erscheint: die Dichotomie von scholarship und commitment – die Unterscheidung zwischen denen, die sich der wissenschaftlichen Arbeit widmen, indem sie mit wissenschaftlichen Methoden für die Wissenschaft und für andere Wissenschaftler forschen, und denen, die sich engagieren und ihr Wissen nach außen tragen. Dieser Gegensatz ist künstlich. Tatsächlich müssen wir als autonome Wissenschaftler nach den Regeln der scholarship arbeiten, um ein engagiertes Wissen aufbauen und entwickeln zu können, das heißt, wir brauchen scholarship with commitment. Um ein wirklich engagierter, ein auf legitime Weise engagierter Wissenschaftler zu sein, muss man Wissen in engagiertes Wissen überführen. Und ein solches Wissen ist nicht anders zu erlangen als durch eine wissenschaftliche Arbeit, die sich an die Regeln und Normen der Wissenschaften hält.

Anders gesagt, wir müssen in unseren Köpfen mit gewissen Gegensätzen aufräumen, die nur dazu dienen, resignative Einstellungen zu rechtfertigen. Das fängt bei dem Wissenschaftler an, der sich in seinem Elfenbeinturm verschanzt. Die Dichotomie von scholarship und commitment beruhigt das Gewissen des Forschers, da die Gelehrtenrepublik ihm applaudiert. Es ist, als fühlten sich die Wissenschaftler ebendarum doppelt wissenschaftlich, weil sie aus ihrer Wissenschaft nichts machen. Nur: Wenn sie Biologen sind, kann das ein kriminelles Verhalten sein. Und falls sie Kriminologen sind, ist die Sache nicht minder ernst. Diese Zurückhaltung, diese Flucht in die Reinheit, hat schwerwiegende gesellschaftliche Folgen. Sollten denn Leute wie ich, die vom Staat bezahlt werden, damit sie forschen, die Ergebnisse ihrer Forschungsbemühungen strikt für sich behalten und sie nur mit ihren Kollegen teilen? Es ist ein absolut gültiger Grundsatz, etwas, was man für eine Entdeckung hält, zuerst der Kritik der Kollegen auszusetzen, aber warum sollte das kollektiv erworbene und kollektiv überprüfte Wissen ihnen allein vorbehalten bleiben?

Wie mir scheint, haben die Wissenschaftler heute keine Wahl: Wenn einer von ihnen zu der Überzeugung gelangt, dass eine Korrelation zwischen der neoliberalen Politik und der Neigung zur Delinquenz besteht, eine Korrelation zwischen der neoliberalen Politik und den Kriminalitätsraten, eine Korrelation zwischen der neoliberalen Politik und allen Anzeichen dessen, was Durkheim „Anomie“ genannt hätte, wie sollte er das nicht laut sagen? Nicht nur dass ihm daraus kein Vorwurf zu machen wäre, man müsste es ihm sogar hoch anrechnen. Aber womöglich verteidige ich ja nur meine eigene Position …

Kommen wir also zum nächsten Punkt: Was wird dieser Forscher in der sozialen Bewegung machen? Vor allem keine Lehren erteilen, wie wir es von manchen organischen Intellektuellen1 kennen, die aus Unfähigkeit, ihre Waren auf dem hart umkämpften wissenschaftlichen Markt loszuschlagen, den Intellektuellen für Nichtintellektuelle gespielt und dabei die Behauptung aufgestellt haben, der Intellektuelle existiere gar nicht.

Der Forscher ist weder Prophet noch Vordenker. Er muss eine neue Rolle erfinden, die sehr schwierig ist: Er muss zuhören, forschen und erfinden. Er muss versuchen, jenen Organisationen zu helfen, die, wie zaghaft auch immer – selbst die Gewerkschaften trauen sich in dieser Hinsicht leider nicht mehr viel zu –, den Widerstand gegen die neoliberale Politik auf ihre Fahnen geschrieben haben. Er muss es sich zur Aufgabe machen, sie zu unterstützen, indem er ihnen Instrumente an die Hand gibt, und zwar insbesondere solche Instrumente, die den symbolischen Wirkungen, die „Experten“ im Auftrag der großen multinationalen Unternehmen erzielen, etwas entgegensetzen können.

Man muss die Dinge beim Namen nennen. Die aktuelle Bildungspolitik beispielsweise wird von Unicef, dem Transatlantic Institute und ähnlichen Einrichtungen beschlossen.2 Man braucht nur den Bericht der Welthandelsorganisation (WTO) über die Dienstleistungen zu lesen, um zu wissen, welche Bildungspolitik wir in fünf Jahren haben werden. Die nationalstaatlichen Erziehungsministerien sind lediglich der Resonanzboden für die von Juristen, Soziologen und Ökonomen ausgearbeiteten Empfehlungen, die dann, in eine rechtswirksame Form gebracht, als Weisungen kursieren.

Die Forscher können aber auch etwas Neuartiges und Schwierigeres tun: Sie können helfen, die organisatorischen Voraussetzungen für das kollektive Bemühen um die Entwicklung eines politischen Projekts zu schaffen. Und zweitens können sie dazu beitragen, dass möglichst günstige organisatorische Bedingungen für den Erfolg der Entwicklung eines solchen Projekts zustande kommen, das natürlich ein kollektives Projekt sein wird. Auch die Mitglieder der verfassunggebenden Versammlung von 1789 oder der Versammlung von Philadelphia waren Menschen wie du und ich. Sie brachten juristische Kenntnisse mit, hatten Montesquieu gelesen – und sie haben demokratische Strukturen erfunden. Genauso müssen wir heute neue Dinge erfinden …

Gewiss, man kann sagen: „Es gibt Parlamente, es gibt einen Europäischen Gewerkschaftsbund und alle möglichen Institutionen, die eigens für solche Dinge da sind.“ Ich will das hier nicht ausführlich nachweisen, aber es bleibt doch festzustellen: Sie tun nichts. Darum müssen günstige Bedingungen für diese Art Erfindung geschaffen werden. Man muss helfen, die Hindernisse zu beseitigen, die ihr im Wege stehen – Hindernisse, die zum Teil in der sozialen Bewegung liegen, aber insbesondere bei den Gewerkschaften.

Gibt es gute Gründe, optimistisch zu sein? Ich glaube, man kann sagen, dass die Erfolgsaussichten nicht schlecht sind, dass gerade jetzt der kairos3 , der richtige Augenblick, gekommen ist. Um 1995 haben wir mit Reden wie dieser eine gemeinsame Erfahrung gemacht: Man hörte uns nicht zu, man hielt uns für verrückt. Leute, die wie Kassandra lauter Katastrophen voraussagten, wurden verspottet, beschimpft, von Journalisten niedergemacht. Das ist jetzt nicht mehr ganz so. Warum? Weil eine Menge Vorarbeit geleistet worden ist. Es gab Seattle und eine ganze Reihe von Demonstrationen. Auch werden die Folgen der neoliberalen Politik – die wir abstrakt vorausgesagt hatten – allmählich sichtbar. Und inzwischen begreifen die Leute, was geschieht.

Heute weiß jeder noch so bornierte und verstockte Journalist, dass ein Unternehmen, wenn es keine 15 Prozent Gewinn einfährt, mit Entlassungen reagiert. Die schwärzesten Voraussagen der Unglückspropheten (die lediglich besser informiert waren als die anderen) beginnen Wirklichkeit zu werden. Es ist nicht zu früh. Aber es ist auch nicht zu spät. Weil es erst ein Anfang ist, weil die Katastrophen erst beginnen. Es ist noch Zeit, die sozialdemokratischen Regierungen wachzurütteln, denen die Intellektuellen so gern auf die Finger schauen, vor allem wenn sie von ihnen gesellschaftliche Vorteile aller Art beziehen.

Eine vereinigte soziale Bewegung auf europäischer Ebene hat meines Erachtens nur dann eine Chance, politische Wirkung zu erzielen, wenn sie es versteht, drei Komponenten miteinander zu verbinden: Gewerkschaften, soziale Bewegungen und Wissenschaftler – natürlich unter der Bedingung, dass ein wirkliches Zusammengehen stattfindet und es nicht bei einem Nebeneinander bleibt.

Gestern habe ich den Gewerkschaftlern gesagt, dass in allen Ländern Europas eine tiefe Kluft zwischen den sozialen Bewegungen und den Gewerkschaften besteht, sowohl hinsichtlich der Inhalte, für die sie sich einsetzen, als auch hinsichtlich der Mittel, deren sie sich bedienen. Die sozialen Bewegungen haben politische Ziele wieder auf die Tagesordnung gesetzt, die die Gewerkschaften und Parteien bereits abgeschrieben, vergessen oder verdrängt hatten. Sie haben auch Methoden der politischen Aktion entwickelt, die den Gewerkschaften fremd geworden sind –auch sie vergessen, ignoriert oder verdrängt. Das sind insbesondere Methoden des persönlichen Handelns: Die sozialen Bewegungen setzen in ihren Aktionen auf die symbolische Wirkung, die zum Teil vom persönlichen Engagement der Aktivisten selbst abhängt – von einem persönlichen Engagement, das auch ein körperliches ist.

Man muss Risiken eingehen. Das heißt nicht mehr nur mit untergehakten Armen marschieren, wie es die Gewerkschaften seit je am 1. Mai zu tun pflegen. Man muss Aktionen machen, Räume besetzen und Ähnliches mehr. Das verlangt nicht nur Fantasie, sondern auch Mut. Aber ich sage auch: Vorsicht, keine „Gewerkschaftsphobie“! Die Gewerkschaftsapparate haben eine Logik, die man zunächst verstehen muss. Warum versuche ich den Gewerkschaftlern den Standpunkt der sozialen Bewegungen nahe zu bringen, und warum sage ich den Leuten in den sozialen Bewegungen Dinge, die den Auffassungen entsprechen, die die Gewerkschaften von ihnen haben? Weil all die Spaltungen, die dazu beitragen, ohnehin sehr schwache Gruppen zusätzlich zu schwächen, nur überwunden werden können, wenn jede der Gruppen lernt, sich selbst mit den Augen der anderen zu sehen.

Die Widerstandsbewegung gegen die neoliberale Politik ist weltweit sehr schwach und durch innere Spaltungen zusätzlich geschwächt – ein Motor, der 80 Prozent seiner Energie in Form von Spannungen, inneren Reibungen und Konflikten verbrennt. Und dabei könnte er stattdessen doch die gemeinsame Sache viel schneller, viel weiter vorantreiben.

Die Hindernisse, die die Entstehung einer geschlossenen europäischen sozialen Bewegung erschweren, sind unterschiedlicher Natur. Es gibt sprachliche Hindernisse, die etwa bei der Kommunikation zwischen den Gewerkschaften oder den sozialen Bewegungen eine wichtige Rolle spielen – die Vorsitzenden und Funktionäre sprechen Fremdsprachen, die einfachen Gewerkschaftler und Aktivisten eher nicht. Das macht eine Internationalisierung der sozialen Bewegungen oder der Gewerkschaften sehr schwierig. Es gibt aber auch Hindernisse, die mit den eingespielten Gewohnheiten und Denkweisen oder auch den festgefahrenen Strukturen der sozialen Bewegungen wie der Gewerkschaften zusammenhängen. Welche Rolle kommt den Wissenschaftlern dabei zu? Sie haben an der kollektiven Erfindung der kollektiven Strukturen eines erfinderischen Geistes zu arbeiten, dem eine neue soziale Bewegung entspringen kann. Das heißt, sie müssen neue Inhalte aufzeigen, neue Ziele formulieren und die neuen Mittel für internationale Aktionen entwickeln.

dt. Grete Osterwald

Fußnoten:1 Mit dem Begriff des „organischen Intellektuellen“ bezeichnet Antonio Gramsci diejenigen Denker, die die soziale Lage mit reflektieren. 2 Vgl. „Europe Inc., Liaisons dangereuses entre institutions et milieux des affaires européens“, CEO, Agone, Marseille 2000. 3 Griech.: „das rechte Maß“, „der günstige Augenblick“, „der entscheidende Zeitpunkt“ – der günstige, schicksalhafte Moment, der von den Handelnden auch als Moment sinnvollen Handelns erkannt und genutzt werden muss.

Le Monde diplomatique vom 15.02.2002,