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Elf – Erdölriese in staatlicher Mission

Von OLIVIER VALLÉE *

Elf: Nur selten haben drei Buchstaben so sehr von sich reden gemacht. Man denkt höchstens noch an CIA und KGB. Von Geheimdiensten ist denn auch in der Fernsehdokumentation „Elf – Afrika unter Einfluss“1 ebenso häufig die Rede wie von Offshoreplätzen. Der Arte-Beitrag über die französische Mineralölgesellschaft beginnt im Jahr 1962. Frankreich muss die algerischen Ölvorkommen abschreiben. Die politische Führung in Paris ist, von Georges Clemenceau bis General De Gaulle, von dem Ehrgeiz getrieben, sich unter eigener Flagge mit Öl eindecken zu können. Mit dem plötzlichen Ölreichtum Gabuns fallen dem gaullistischen Frankreich die Mittel in die Hände, seine Ambitionen umzusetzen, ohne sich, wie in den bereits vergebenen Gebieten des Nahen Ostens, mit den Angelsachsen um Konzessionen streiten zu müssen.

Vor diesem Hintergrund wird 1965 nach verschiedenen Firmenzusammenschlüssen die Mineralölgesellschaft mit dem bezeichnend bodenständigen Namen Elf Aquitaine aus der Taufe gehoben. Doch wie andere Teile des postkolonialen Afrika ist auch Gabun von Unruhen erschüttert und von ungeduldigen Militärs geplagt. Dies ist die Stunde des Geheimdienstes. Männer wie Maurice Robert, Robert Maloubier oder andere, deren spannende Aussagen in der Reportage zu sehen sind, schützen nicht nur den Präsidenten und seine Garde, sondern sie sichern in erster Linie ein politisches und wirtschaftliches System, das Frankreich Öleinnahmen garantiert.

Afrikanische Metastasen

DIE neuen Gesandten suchen sich einen „Geschäftspartner“, Omar Bongo. Ihre oberste Devise: Die Aufrechterhaltung von Ordnung und Stabilität, auf die Pierre Guillaumat, „Emir der Republik“, erster Direktor der Mineralölgruppe und eine Schlüsselfigur des Gaullismus, angewiesen ist.2 Die Elite der Ingenieure stützt sich auf den Clan der Geheimdienstleute, die das Unvorhersehbare, Unberechenbare in den Griff bekommen sollen. Fortan zählen Ernennungen, Absetzungen, Überwachung und Denunzierung zu den Aufgaben des französischen Auslandsspionagedienstes Sdece, der sich voll auf einen Gabunisierungskurs einlässt. Die Geheimdienstagenten werden nach und nach – auch offiziell – von Elf angestellt. Das vitale nationale Interesse, die Versorgung des französischen Mutterlandes mit Erdöl zu sichern, ist einer Logik gewichen, der es um die Herrschaft über die afrikanische Politik und ihrer Vernetzungen geht. So soll die Konkurrenz in Schranken gehalten und verhindert werden, dass für Elf vorteilhafte Handelsabkommen angefochten werden.

Von Gabun aus entfaltet die Elf-Gruppe in den Sechziger- und Siebzigerjahren ihre den gesamten Kontinent umspannende Politik. Dies geschieht in enger Zusammenarbeit mit Jacques Foccart, Afrikaberater des Elysee-Palastes. Zu erwähnen ist insbesondere das Biafra-Abenteuer. Dort unterstützt Frankreich die Sezession der Erdölprovinz, um die Interessen von Shell und BP in Nigeria zu untergraben. Dies hindert Robert Maloubier allerdings nicht daran, wie er selbst in der Sendung erzählt, in Lagos mit dem Politkommissar der sowjetischen Botschaft Wodka zu trinken.

Albin Chalandon, der den Konzern seit Mitte der Achtzigerjahre leitet, rüttelt wenig an diesem System und versteht sich guten Gewissens als Diener zweier Herren, der französischen Republik und der Mineralölgesellschaft. Die dienstbaren Agenten klammern sich jedenfalls an die Privilegien des Schwarzen Goldes und räumen ihre Plätze nur widerwillig Polit- und Finanzexperten, die zur Ablösung der Spione und Haudegen angetreten sind. In der internen Fehde werden sie von Präsident Bongo unterstützt, der sich Dank der Erdölressourcen zunehmend von den Leuten unabhängig macht, die sich als seine Mentoren verstehen. Albin Chalandon setzt im Übrigen verstärkt auf Denis Sassou-Nguesso, Nachfolger des kongolesischen Präsidenten Marien Ngouabi, und auf den Ausbau des kostspieligen Ölfelds Emeraude in der Republik Kongo.

Der Clan der „Gabuner“ verschwindet wieder in den Geheimdiensten und verschreibt sich dem Überseegaullismus, nicht ohne sich dabei der extremen Rechten anzunähern. Er genießt aber weiterhin das Vertrauen der Elf-Chefs für Afrika und der Staatschefs des Golfs von Guinea. Die Verteilung von Pfründen an französische Politiker bindet das Paris der Mitterrand-Generation ebenso an Brazzaville im Kongo wie an Yaoundé in Kamerun. Die jüngste Affäre um Roland Dumas ist nur eine der letzten und bekanntesten Episoden dieser Geschichte. Der ehemalige Präsident des Verfassungsrates erklärt übrigens einen Teil der beträchtlichen Bargeldsummen, über die er verfügte, mit den Honoraren, die ihm Präsident Bongo überwiesen hat.

Anfang der Achtzigerjahre weist der Politologe Jean-François Bayart erstmals auf die afrikanischen Metastasen hin, die sich im politischen Milieu Frankreichs ausgebreitet haben. Zu diesem Zeitpunkt widmen sich die Schattenagenten von Elf weit stärker Finanztransaktionen, die über die in Genf ansässige Schweizer Konzerntochter Elf Aquitaine International abgewickelt werden, als der Ausbildung von Leibwachen oder dem Kampf gegen Konkurrenzunternehmen. Es geht dabei um die Wahrung der gewaltigen afrikanischen Rendite, die der Erdölgesellschaft neue Perspektiven in den verheißungsvollen Regionen Libyens oder Zentralasiens eröffnen soll.

François Mitterrand stellt die postkoloniale Welt von Elf l'Africaine genauso wenig in Frage wie Valéry Giscard d'Estaing. Als ausgemachter Staatsmann wartet Mitterrand das Franko-Afrikanische Gipfeltreffen von La Baule (1990) ab, um den unvermeidlichen Wandel in der Politik gegenüber dem frankophonen Afrika zu begrüßen. Elf Afrika wickelt indessen die eigenen Finanzen wie jene der afrikanischen Geschäftspartner über die Fiba (French Intercontinental Bank for Africa) ab, die zu 43 Prozent im Besitz von Elf ist; 50,9 Prozent werden von Privatanlegern gehalten, davon sind 35 Prozent im Besitz des Präsidenten Bongo und seiner Familie.3 Was André Tarallo, „Monsieur Afrique“ der Gruppe und Vorsitzender von Elf Gabun, betrifft, so deckt sich dieser mit einer Flotte von Flugzeugen des Typs Falcon ein und stärkt die korsische Fraktion innerhalb des Netzwerks, die mit dem ehemaligen Innenminister Charles Pasqua verbunden ist.

1987 nimmt Loïk Le Floch Prigent das Geschick von Elf in die Hand. In der Reportage von Jean-Michel Meurice, Fabrizio Calvi und Laurence Dequay betont er: „In Afrika ist Frankreich ein Synonym für Chirac und Pasqua, da Frankreich für Afrika gaullistisch ist.“ Ein praktisches Schema – nicht nur für Elf, sondern auch für den Vorstandschef und seinen Mann des Vertrauens, Alfred Sirven, die freie Hand haben, neben dem Öl auch Finanzmittel abzupumpen. Hinter einer makellosen Fassade lässt man André Tarallos Männer machen und ruft die Kohabitationsregierungen zu Hilfe, wenn es Schwierigkeiten mit den afrikanischen Regierungen gibt.

Mit Alfred Sirven erhalten die dunklen Machenschaften eine weitere Note. In Angola, wo Elf sich Dank außerordentlicher Ölvorkommen neben dem amerikanischen Chevron-Konzern behaupten kann, betraut Le Floch Prigent kurzerhand Philippe Bohn und Yves Verwaede mit dem Auftrag, mit der Unita (União Nacional para a Independência Total de Angola) von Jonas Savimbi zu verhandeln. Der ehemalige Europaratsabgeordnete Yves Verwaede (Liberaldemokrat), gegen den im Zuge der Elf-Affäre ein Verfahren läuft, bestätigt, bei der Unita in Angola Aufträge ausgeführt zu haben.4

Obwohl die Beziehungen zur Unita aufrechterhalten bleiben, bemüht sich Elf, gleichzeitig gegenüber der Regierung in Luanda den Schein der Ehrenhaftigkeit zu wahren. Sie lässt ihr durch einen eigens abgestellten Diplomaten (Bernard du Chaffaut) Besuche abstatten, preist die verheißungsvolle Zukunft des Landes in Publikationen und vergibt Kredite, die durch die zukünftigen Erdöleinnahmen von Angola und Kongo gedeckt werden sollen. Die Kongolesen finanzieren den Krieg gegen die Unita, die ihrerseits, wie Le Floch Prigent persönlich eingesteht, von Elf Gelder erhält. Bleibt nur zu klären, welchen Anteil an diesen geheimnisvollen Transfers sich Jonas Savimbi geholt hat und wie viel die Vermittler selbst eingesteckt haben.

Wahlgelder, Gehaltslisten, Waffenhändler

WIE der ehemalige Präsident Pascal Lissouba einräumt, hat er auf Anraten Omar Bongos von Elf Geld für seinen Wahlkampf bezogen und sich zudem von Geheimdienstmitarbeitern wie Pierre-Yves Gilleron, der ebenfalls auf der Gehaltsliste von Elf steht, beraten lassen. Nach seiner Niederlage erklärt er, die Soldaten seines Gegners Sassou-Nguesso seien mit angolanischen Waffen versorgt worden, die der Erdölkonzern Elf mit seinen Flussbooten transportiert habe. Am 20. November 1997 reicht er in Paris sogar Klage gegen die Gesellschaft ein. Wie dem auch sei, bei seiner überstürzten Flucht an seinen Pariser Wohnsitz, der aus Erdölerlösen bezahlt ist, hinterlässt er belastendes Material über die Rolle der Fiba bei der Überweisung von Millionenbeträgen an die Waffenhändler, die seiner Regierung Hubschrauber und Bomben geliefert haben.

Aus der Fülle an Tatsachen geht eines hervor: Die Machenschaften von Elf in Afrika bleiben weitgehend mysteriös. Dies gilt auch für die Zeit nach dem Antritt von Philippe Jaffré als Generaldirektor und nach der Privatisierung der Gruppe. Philippe Jaffré, der ehemalige Afrika-Verantwortliche der Gruppe, hat übrigens mit der Klage gegen Le Floch Prigent die Angelegenheit ins Rollen gebracht. Die Aussagen der für die Arte-Reportage Befragten sind insofern wertvoll, als sie zeigen, dass diese die französischen Erdölinteressen, die als nationales Interesse betrachtet wurden, zu ihren eigenen gemacht haben. Zudem legen sie jenes unwahrscheinliche Selbstbewusstsein an den Tag, das sie aus der Illusion legitimer und absoluter Macht ziehen, eine Illusion, die sie dem Besitz von Geld und Einfluss verdanken dürften.

Die Identifikation mit dem nach energiewirtschaftlicher Unabhängigkeit strebenden Frankreich diente ihnen als Deckmantel der persönlichen Bereicherung, machte sie aber auch blind für die Widerstandsfähigkeit der ihnen zunächst ergebene Präsidenten wie Omar Bongo, Pascal Lissouba oder dem ehemaligen Staatschef Angolas, Eduardo Dos Santos, die sie zu manipulieren glaubten. Darin liegt zweifellos das Altmodische dieser Elf-Soldaten angesichts einer Zeit, in der die Schlacht um die syrischen Lagerstätten, das Abenteuer Iran und die Eroberung der neuen Märkte Asiens moderne Akteure aus der Ära der großen Fusionen, der „Totalisierung“5 erfordert.

dt. Birgit Althaler

* Ökonom, Autor von „Pouvoirs et politiques en Afrique“, Paris (Desclée de Brouwer) 1999.

Fußnoten: 1 Reportage von Jean-Michel Meurice, Fabrizio Calvi und Laurence Dequay; Koproduktion von La Sept-Arte und MK2TV, die am 12. April 2000 um 20.45 Uhr auf Arte gesendet wurde und am 28. April um 0.20 Uhr wiederholt wird. 2 Absolvent der angesehenen französischen Ingenieurhochschule École Polytechnique, Gründer der Direction générale des services spéciaux (DGSS), Heeresminister unter General De Gaulle. 3 Vgl. Antoine Glaser und Stephen Smith, „Ces Messieurs Afrique“, Calman-Lévy (Bd. 1, 1992, Bd. 2, 1997). Im März 2000 gibt Elf bekannt, der Verwaltungsrat von Fiba habe die Auflösung der Bank beschlossen, gegen die im Rahmen der Affäre Roland Dumas gerichtlich ermittelt wird. 4 Hervé Gattegno, „Elf Aquitaine International, ou les caramels d'Alfred Sirven“, Le Monde, 22. Dezember 1999. 5 Im Oktober 1999 fusionierte Elf mit Total.

Le Monde diplomatique vom 14.04.2000,