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Die nächste Ausgabe von LE MONDE diplomatique erscheint am 08.06.2012 als Beilage der taz und separat am Kiosk ab dem 9.6.2012
Ein Bus im Jahr 2000. Eine Zeichung
von Simon Jeruchim, um 1943-1944.
(BILD: MINNESOTA HISTORICAL SOCIETY)
Als Kind konnte ich kaum erwarten, dass die Zukunft endlich beginnt. Sie versprach so viel aufregender, fortschrittlicher und beglückender zu werden als die von bunten Tapetenmustern, Nicki-Pullovern und Vollbärten geprägten 70er-Jahre: Super schlaue Roboter, vollautomatische Fabriken, die Mondbasis Alpha 1 und selbstnavigierende Autos waren Visionen, von denen ich damals in P. M. - Peter Moosleitners interessantes Magazin erfuhr. Sie waren Boten eines technischen Fortschritts, der allen ein sorgenfreies, ja spaßiges Leben versprach. Die Frage war nicht mehr ob, sondern wann genau diese goldene Ära der menschlichen Schöpfungskraft anbrechen würde.
Doch es kam anders.
Dioxin verseuchte Seveso. Der Atomreaktor von Three Mile Island stand kurz vor der Kernschmelze. Polizeihubschrauber donnerten über die Felder vor dem AKW Brokdorf und jagten Bürger, die Atomkraft - werke und Atomwaffen gleichermaßen zum Teufel wünschten. Den Menschen ging auf, wie unerträglich hoch der ökologische, soziale und finanzielle Preis des »Fortschritts« war, der da auf sie losgelassen wurde.
Das Protokoll der industriellen Katastrophen wurde immer länger: In Bhopal tötet eine Gaswolke Tau - sende Menschen, der havarierte Öltanker »Exxon Valdez« verpestet die Küste Alaskas, ein Chemie unfall bei Sandoz vergiftet den Rhein ...
Immer tiefer greifen immer neue Experimente in den Planeten und seine Lebens welten ein. Dabei durchschauen die Forscher die Komplexität der Zusammenhänge oft immer weniger und nehmen nicht absehbare Risiken billigend in Kauf. Die Gentechnik, Geoengineering und die Speicherung von Kohlendioxid unter der Erde demonstrieren das anschaulich.
Vom Trauma Tschernobyl bis zur verheerenden Ölpest im Golf von Mexiko stellen uns die Abstürze der Technikutopien stets vor dieselbe grundlegende Frage: Wie können wir den technologischen Wandel so gestalten, dass er den Menschen nicht nur kurzfristige Vorteile bringt, sondern auch langfristig nützt? Um eine klare Antwort drücken wir uns herum. Wir machen weiter wie bisher, denn unser Lebensstil fußt auf einem Fortschrittsglauben, der keine Rücksicht auf Verluste nimmt. Atomausstieg? Vielleicht irgend wann mal. Um das Endlager kümmern wir uns später.
Verdrängung ist ein schlechter Ratgeber, wenn es um die entscheidenden Zukunfts fragen geht. Wer sich ein Urteil bilden will, sollte informiert sein. Dazu will diese Edition ihren Beitrag leisten. Was tun die Biologen, die synthetische Zellen in ihren Labors zum Leben erwecken? Welche Innovationen der Nanotechnik sind akzeptabel, welche nicht? Wieso kann es kein »nachhaltiges Wachstum« geben? Welchen Einfluss hat unser Zeitbegriff auf Leben und Zukunft? Welche Erkenntnisse über das Leben liefert die Genforschung wirklich? Das sind einige der Fragen, um die es in dieser Ausgabe geht.
Der Blick der Autoren reicht weit - ihre Sicht ist mal naturwissenschaftlich, mal soziologisch, mal poetisch. Ihre Beiträge zeigen, dass der Einfluss technologischer Entwicklungen keineswegs so allmächtig ist, wie es scheint. Entscheidend bleibt die Frage, wie wir leben wollen und welches Maß an Gefahr, Entfremdung und Natur zerstörung wir zulassen. Aus dieser Perspektive kann technische Innovation nur dann gesellschaftlich fortschrittlich wirken, wenn sie politische, ökologische, ethische und soziale Faktoren angemessen berücksichtigt. Das naive Warten auf die Zukunft ist lange vorbei. »Zukunft« ist nur ein anderes Wort für unser Handeln in der Gegenwart. Die Zukunft beginnt genau jetzt.
Tarik Ahmia
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