Le Monde diplomatique


Das Abo für Österreich. Jetzt bestellen

Die nächste Ausgabe von LE MONDE diplomatique erscheint am 08.06.2012 als Beilage der taz und separat am Kiosk ab dem 9.6.2012

Abonnieren Sie unseren Newsletter, Ihre E-Mail:

LMd-Dossier: Pakistans Elend

Übersicht

Indien und Pakistan, misstrauische Nachbarn mit Bombe

Nach fünfzig Jahren der Feindschaft zwischen Neu-Delhi und Islamabad stehen die Zeichen auf Entspannung. Ob ein fruchtbarer Dialog zwischen den beiden Atommächten zustande kommt, wird auch in Afghanistan entschieden.

Mit der Unabhängigkeit Indiens und Pakistans begann 1947 der erste Krieg zwischen den beiden Staaten um die Zugehörigkeit Kaschmirs. Dass an seinem Ende der ehemalige Fürstenstaat geteilt wurde, führte 1965 zu einem weiteren bewaffneten Konflikt. Im dritten indisch-pakistanischen Krieg ging es 1971 um die von Indien gestützte Abspaltung Ostpakistans, des heutigen Bangladesch. Am Status von Kaschmir hat sich seither nichts geändert.

Nach Ansicht von Neu-Delhi hat der Maharadscha von Kaschmir 1947 für Indien optiert und diese Entscheidung 1954 vom Parlament der Provinz bestätigen lassen. Folglich gelten der pakistanische Teil Kaschmirs (Asad Kaschmir, das »freie Kaschmir«) und die angrenzenden »Nordgebiete« als von Pakistan besetzt. Und die einst mit Kaschmir verbundenen, heute chinesischen Gebiete nördlich des Himalaja, Aksai Chin und das Shaksam-Tal, seien seit 1962 von Peking okkupiert.

Islamabad hingegen sieht den indischen Bundesstaat Jammu und Kaschmir insgesamt als Territorium unter indischer Besatzung. Einer Volkszählung von 2001 im indischen Teil Kaschmirs zufolge leben dort zehn Millionen Menschen, von denen 67Prozent Muslime sind. Als sich hier Ende 1989 eine separatistische Bewegung unter der Leitung der »Befreiungsfront für Jammu und Kaschmir« bildete, unterstützte Pakistan die Bestrebungen, gab aber schon bald der radikaleren Hisbul Mudschaheddin den Vorzug.

Nachdem Indien mit harten Militärschlägen reagiert hatte, kamen seit 1993 Dschihadisten, islamistische »Gotteskrieger«, aus Pakistan. Indien verschärfte seinerseits den schmutzigen Krieg, woraufhin sich wiederum die Islamisten radikalisierten. Die »Armee der Reinen« (Lashkar-e-Taiba) und die »Armee Mohammeds« (Jaish-e-Muhammad) übernahmen die Führung. Für Pakistan waren sie Freiheitskämpfer, in Indien sprach man von »grenzüberschreitendem Terrorismus«.

1998 führte zunächst Indien, dann Pakistan eine Reihe von Atomwaffentests durch. Die internationale Gemeinschaft zeigte sich besorgt. Ein Jahr darauf drangen pakistanische Truppen in Kaschmir auf indisch kontrolliertes Gebiet vor . dieser »Kargil-Konflikt«, auch als vierter indisch-pakistanischer Krieg bezeichnet, wurde von den USA scharf verurteilt. Eine seiner Folgen war 1999 der erfolgreiche Putsch von General Pervez Musharraf gegen die zivile pakistanische Regierung von Premier Nawaz Sharif.

Mit dem Anschlag auf das indische Parlament 2001 verschärften sich die Spannungen erneut. Indien versetzte seine Truppen entlang der Grenze zu Pakistan zehn Monate lang in Kampfbereitschaft, unternahm aber keinen Angriff. Wie im Kargilkrieg schien das Risiko eines bewaffneten Konflikts zweier Atommächte zu hoch.

Danach begann die Zeit der Gespräche. Nach ersten geheimen Verhandlungen verzichtete Präsident Musharraf 2003 in einer öffentlichen Erklärung auf die Umsetzung der alten UN-Resolution, die eine Volksabstimmung in Kaschmir vorsah. Und Indien sah die Beteiligung an den Wahlen zum Regionalparlament als ausreichend an. Ab 2004 wurde offiziell verhandelt . über Kaschmir und über alle anderen Streitfragen zwischen Indien und Pakistan. Während im Grundsätzlichen keine Bewegung zu erkennen ist, hat sich der Ton gemäßigt, und grenzüberschreitende Verkehrsverbindungen erleichtern seither auch die Lage der Kaschmirer, die nun ihre Verwandten jenseits der Grenze besuchen können.

Pakistan ging es seit langem darum, sich weder von Afghanistan noch von Indien unter Druck setzen zu lassen. Darum sorgte die Regierung in Islamabad zum einen dafür, dass Kaschmir nicht zur Ruhe kam, und versuchte zum anderen, in Afghanistan ihren Einfluss geltend zu machen. Dort unterstützte sie zunächst die gegen den Einmarsch der Sowjetunion kämpfenden Mudschaheddin, ab 1994 förderte sie hingegen die Taliban.

Nach dem 11. September 2001 erwiesen sich diese Strategien allerdings als riskant. Staatspräsident Musharraf schloss sich dem »Krieg gegen den Terrorismus« an und verurteilte den Dschihad und al-Qaida . ohne jedoch gegen die Netzwerke der Dschihadisten, vor allem der Lashkar-e-Taiba und ihrer Nachfolgegruppen entschlossen vorzugehen. Gleichzeitig erlaubte er den afghanischen Taliban weiterhin, ihre Rückzugsgebiete in den pakistanischen Stammesgebieten zu nutzen. In Kaschmir hielt sich Pakistan nun zurück.

Die Anschläge in Mumbai im November 2008 verschärften die Situation. Zum einen trafen sie eine der bedeutendsten Städte Indiens, zum anderen waren sie ein Schlag für die Annäherung zwischen Islamabad und Neu-Delhi. Indien warf Pakistan erneut vor, dass es nicht bereit sei, mit letzter Konsequenz gegen die Terroristen vorzugehen. Bei den Wahlen im indischen Teil Kaschmirs zeigte sich dann trotz aller Boykottaufrufe der Separatisten eine erstaunlich hohe Wahlbeteiligung von 60 Prozent . die allerdings überwiegend auf indienkritische Parteien entfielen.

Am Ende wandten sich die radikalsten Gruppierungen gegen die pakistanische Führung . das bekam Pervez Musharraf ebenso zu spüren wie sein gewählter Nachfolger Asif Ali Zardari. Im Frühjahr 2009 nahmen die Taliban, die auch in Afghanistan erstarkt sind, die Großstadt Mingora im nordwestlichen Swat-Tal ein und rückten bis auf hundert Kilometer an die Hauptstadt Islamabad heran. In wochenlangen Kämpfen, die etwa drei Millionen Menschen zur Flucht zwangen, schlugen Regierungstruppen die Dschihadisten zurück. Doch der entscheidende Kampf gegen die Taliban wird nicht in Pakistan, sondern in Afghanistan geführt.

Dossier über Kaschmir auf BBC News

UN-Resolutionen

Aktuelles:

www.uni-kassel.de/fb5/frieden/regionen/Kaschmir/Welcome.html
www.greaterkashmir.com (indisch)
www.dawn.com (pakistanisch)

UN-Mission:

www.un.org/Depts/dpko/missions/unmogip/

Quelle: Atlas der Globalisierung (2009), S. 194f, LE MONDE diplomatique, Berlin

Übersicht